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Heinz Rudolf Kunze – Klare Verhältnisse

Bieder wirkt er, dieser Herr Kunze. Und wenn er, wie auf dem Cover zur CD „Klare Verhältnisse“, in Anzug und ernst blickend auf einem Schreibtischstuhl sitzt, könnte er ein Anwalt sein, Bankier oder eben Entertainer.


Diese Seriosität, die er auf den Bildern ausstrahlt, korrespondiert bravourös mit dem musikalischen Aspekt seiner Musik. Seicht, sanft, Pop, beinahe Schlager, leichter, aber äußerst dezenter Rockanklang. Da könnte man auch Rosenstolz, die Kelly Family oder Pur hören, musikalisch würde der Unterschied wohl nur eingefleischten Kennern auffallen – zu denen ich mich glücklicherweise nicht zugehörig fühle. Daraus mag der geneigte Leser schon erschließen, dass ich bisher wenig zufrieden mit der Scheibe bin. Wenn nicht.. ja, wenn? Der Begriff „Entertainer“ scheint auf Heinz Rudolf Kunze zu passen. Muss allerdings ergänzt werden um die Begriffe „übler Zyniker“ oder „Sarkast“. Denn die ganze Biedermeier – Atmosphäre, welche die Platte ausstrahlt, ist ebenso Show wie das seriös-spießige Gehabe, welches Herr Kunze an den Tag zu legen pflegt. Tatsächlich enthalten die Texte bissige, boshafte, kritische Kommentare zu allem, was einem Herren mit Kunzes Lebenserfahrung enerviert. Bestes Beispiel ist Track 7 des Albums mit dem Titel „Die Welt ist Pop“ (welches bezeichnenderweise im Intro starke Ähnlichkeit mit dem ganz und gar nicht poppigen Kultstück „Highway to hell“ aufweist). Von Fußballkommerz bis hin zu Profilierungsneurosen diverser Politiker prangert Kunze die Pop- beziehungsweise „Die Welt ist gut“ – Attitüde an, welche für ihn aktuell in der Republik bestimmend zu sein scheint. Für Heinz Rudolf Kunze wird dies zu einem süffisanten Lavieren zwischen veralbernder Frozzelei und hochgradig zynischer Ernsthaftigkeit. Und dies geschieht in derart bravourös-subtiler Weise, dass dieser Song auf den ersten Blick genau als das scheint, was er trotz der musikalischen Angepasstheit auf jeden Fall gar nicht ist: ein Pop-song. Eher Schlager mit veredelter Punkattitüde, was sich hier verblüffender Weise nicht widerspricht. Eine Linie, die sich nicht durch das ganze Album ziehen kann. Und so gibt es auch Stücke, die ich bedenkenlos in die Sparte „Schlager“ ordnen kann, weil sie entweder gar nicht oder für meine Verhältnisse zu stark subtil sind. Beispiel ist das Stück „Sowas ähnliches wie Liebe“ oder auch „schlaf gut“. Keineswegs platte Liebesschnulzen, selbst diese Tracks zeugen von einer begeisternden Sprachfertigkeit. Rangieren aber auf meiner persönlichen Lieblings-Song-Skala weit hinter kritischen Stücken á la „Biedermeier“oder „die Köpfe in der Kühltruhe“. Streckenweise ist das Album mit derartigen Songs ein echter Ohrenschmaus, wenn man bereit ist, die ohnehin eher einen akustischen Rahmen bildende Musik zu überhören und sich auf die Texte zu konzentrieren. Die sind, mit Verlaub, in vielen Stücken brillant. Das ist nur leider nicht bei allen Stücken der Fall, es zeugte auch von schier übermenschlicher rhetorischer Begabung. Und darüber hinaus sticht mir eben immer noch negativ ins Ohr, dass diese Musik fern von Rock irgendwo zwischen Schlager und Pop einzuordnen ist. Zwar textlich bar jeglicher Platitüden und schnulzigem Geseier, aber musikalisch eben – langweilig. Was selbstverständlich Geschmackssache ist und zu dem Anliegen des Herrn Kunze hervorragend passt, sicherlich auch zu seiner Zielgruppe, die wohl insgesamt mit „Altpunkattitüde“ deklariert werden kann. Dies ist als Kompliment zu verstehen, und hilft sicherlich dabei, die 3,0 Gitarren zu verschmerzen.

Wertung: 6 von 10