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Rain or Shine – 24 Jahre Wacken Open Air – Teil 1

Das größte Metalfestival Deutschlands geht in die 24. Runde. Beachtlich, was aus dem kleinen Maisfeld doch für eine Touristenattraktion geworden ist. Mit ausverkauftem Status können sich die Betreiber des W:O:A in diesem (und wohl auch im nächsten) Jahr jedenfalls nicht über die Besucherzahlen beschweren. Zu Recht, denn was hier an Line-up geboten wird, sucht Seinesgleichen im Festivalparadies Deutschland. Headliner Rammstein, Nightwish, Doro, Alice Cooper. Bis auf Doro, die ja scheinbar eine Dauerkarte für das W:O:A besitzt, ein echtes Highlight.


Und auch das weitere Set ist mehr als beachtungswürdig. Wer den Podcast von Harry Metal verfolgte, konnte sich bereits im Vorfeld des Festivals ein Bild davon machen, dass in diesem Jahr alles ein wenig größer ausfällt. Nicht nur die Mainstages nahmen nochmal an Größe zu, sondern auch an einigen anderen Ecken wurde nachgebessert und vergrößert. So fallen zum Beispiel einige Anpassungen im Bereich der Festivalsicherheit und der neue Schädel auf. Dieser prangt, wie auch der alte Schädel zuvor, hoch oben zwischen den Mainstages. Jeden Abend nach Sonnenuntergang wird der Schädel angefeuert. Dieses Jahr um einiges eindrucksvoller als in den letzten Jahren. Der alte Schädel hat übrigens einen neuen Platz bei den Wackingern bekommen.

Mittwoch 31.07.2013

Der Tag beginnt sehr früh. Nach einer weitestgehend problemlosen, staufreien Anreise erreichen wir gegen 8.30 Uhr den Check-In. Hier geht es dieses Jahr um einiges schneller als im letzten Jahr. Mit unserem dort erworbenem „Wristband“ geht es auf den Campground. Dort werden wir von einigen überforderten Platzeinweisern begrüßt, die uns nach einigem hin und her dann doch noch fast kompetent auf ein schönes Plätzchen verweisen. Nach dem Aufbau unseres Lagers geht es in Richtung Festivalgelände, wo schon allerhand los ist. Feuerschwanz heizen in gewohnt guter Manier dem Publikum im Wackinger Dorf ein. Die Parodieband aus Erlangen begleitet dann auch das ganze Festival über die Meute mit ihren Klängen. („Met & Miezen“ lassen grüßen.) Auf dem Weg Richtung Plaza machen sich schnell die neuen Security Checkpoints bemerkbar, welche die Veranstalter zwecks Vermeidung von Glasflaschen aller Art rund um das Wackinger Village postiert haben. Diese erfüllen ihren Zweck zwar sehr gut, müssen allerdings zeitlich mit eingeplant werden. Hier sammeln sich immer wieder große Menschenmengen an, die zur teilweisen Überforderung der Security führen. Vom Wackinger Village geht es in Richtung Wacken Village. An jeder Ecke gibt es hier wie immer freundliche Einwohner, die selbstgebackene Spezialitäten, Souvenirs oder einfach nur Getränke verkaufen. An beinahe jedem Haus flaggt ein W:O:A-Wimpel und Kinder fahren Vorräte mit ihren Fahrrädern oder Tretautos vom dorfeigenen EDEKA gegen eine geringe Gebühr in Richtung Campground. Ja, endlich sind wir wieder zu Hause!

Später am Tag kommt es zur eigentlich offiziellen Eröffnung des W:O:A. Wie in jedem Jahr spielt die Wackener Feuerwehrkapelle unter dem Namen W:O:A Firefighters auf der Beegarden Stage. Bei bestem Wetter und dem ein oder anderem kühlen Bier (oder Cocktail) wird man von der Stimmung, die von den Festival Urgesteinen ausgeht, einfach mitgerissen.

Donnerstag 01.08.2013

Der Donnerstag fängt für uns etwas chaotisch an. Während wir dem für viele Festivalbesucher komplizierten Begriff „Hygiene“ nachgehen, merken wir, wie der Wind auf dem Gelände spürbar zunimmt. Die ersten Pavillons verbeugen sich hier bereits vor Mutter Natur. Auch wir beobachten zuerst nur unaufmerksam das unbewohnte Wohnzimmer unserer Nachbarn, wie es im Wind zu tanzen beginnt. Bereits kurz danach liegt das Dach eben dieses Wohnzimmers auf unserem Pavillon und stellt nunmehr ein Problem dar. Da niemand der Bewohner in greifbarer Nähe ist, richten wir uns an einen der Parkeinweiser. Dieser rät uns, den Pavillon abzureißen bevor Menschen, Autos oder sonstige Gegenstände zu Schaden kommen. Gesagt, getan. Mit Hilfe anderer Festivalbewohner wird der Pavillon kurzer Hand dem Erdboden gleich gemacht. Gerade in dem Moment, als das letzte Teil demontiert ist, entschieden sich die Besitzer des Unruhestifters ihr nun in Einzelteile zerlegtes Wohnzimmer wieder zu bewohnen. Zu ihrem Leid (aber auch Verständnisses) wurde der Pavillon nicht in gewohnter Form aufgefunden. Nach etwas nachbarschaftlicher Hilfe findet sich jedoch eine Lösung und der Pavillon erstrahlt kurze Zeit später wieder in all seiner Pracht. (Zumindest für etwa 24 Stunden, bevor er wieder die Grätsche macht.)

Mittlerweile ist 16 Uhr und das Infield öffnet seine Tore. Auch dieses Jahr eröffnen Skyline die Black Stage. Wie gewohnt, mit zahlreichen Coversongs, ist dies ein gelungener Auftakt in der prallen Nachmittagssonne. Nachdem Skyline von der Bühne verschwunden sind, gesellen sich Annihilator mit ihrem Gitarrengott Jeff Waters auf die Bühne. Bei nunmehr über 30 Grad in der Sonne starten die kanadischen Thrasher mit „Smear Campaign“ ihren Gig. Etwa eine Stunde liefern sie mit zahlreichen Hits wie „King of the Kill!“, „No Way Out“, „Clown Parade“ oder „Fun Palace“ ein super Set. Gegen 18 Uhr verlässt die Band die Black Stage. Hoffentlich dauert es nicht wieder zehn Jahre bis sie das nächste Mal auf dem Holy Ground spielen.

Nach einer kurzen Pause und einem Abstecher auf den Metal Market, auf dem sich wieder zahlreiche Händler aus aller Welt tummeln, beginnt die „Night to Remember“ erst richtig. Das Infield füllt sich relativ schnell und ein Teil der Zuschauer wartet auf eine Band, die nicht nur den englischen Hard Rock geprägt haben, sondern auch im Guinness-Buch der Rekorde stehen. Die Rede ist von Deep Purple. Da ich, wie vermutlich viele andere der anwesenden Gäste, nicht viel mehr als „Smoke On The Water“ kenne, ist es für die einen eine gute Gelegenheit einmal ein wenig mehr von dieser Band zu hören. Für alle anderen gestaltet sich der Auftritt der Engländer als Geduldsprobe. Und zwar insofern, dass sich viele laut die Frage stellten „Wann sind die endlich fertig, ich will Rammstein sehen“. Meiner Meinung nach ziemlich ungerechtfertigt, hat die Band doch trotz des häufigen Personalwechsels in ihrer Laufbahn einen sehr guten Auftritt hingelegt. Natürlich darf auch der Klassiker „Smoke On The Water“ nicht fehlen. Hier singen dann vermutlich selbst die ungeduldigen Festivalbesucher mit, die nur wegen Rammstein gekommen sind.

Und dann ist es endlich soweit. Die Sonne ist untergegangen, das Infield wird immer voller und wir ziehen so nah es eben geht vor die True Metal Stage. Um ca. 22.15 Uhr erhellen dann mehrere Salven an Leuchtgeschossen den Nachthimmel über Wacken. Rammstein beginnen ihren Auftritt mit dem zeitweise in der Vergangenheit indizierten Song „Ich tu dir weh“. Noch bevor der Vorhang fällt, werden einige Pyro-Effekte vom Stapel gelassen. Dann, als es wenige Sekunden später nach gefühlter ewiger Stille und der letzten Pyro-Salve den Vorhang nach unten fallen lässt, legt die Band richtig los. Sänger Till Lindemann fährt auf einer funkensprühenden Plattform, gekleidet in eine pinke Flokati-Jacke, vom Himmel der True Metal Stage gen Bühnenboden. Die Menge tobte und alles singt lauthals mit. Alles ist bei diesem Auftritt aufeinander abgestimmt. Licht, Effekte, Bühnenshow, ja selbst die Bühnenausstattung selbst koordiniert sich laufend neu. So wird die bereits genannte funkensprühende Plattform zu einem beweglichen Lichtelement über den Köpfen der Band. Rammstein, man kann es nicht anders sagen, haben scheinbar nur Hits auf Lager. „Ich hab keine Lust“, „Feuer frei!“, „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen?“ Beim Song „Mein Teil“ kommt Lindemann dann mit einem überdimensionalen Kochtopf auf die Bühne. Darin: Keyboarder Flake Lorenz, dem nur kurze Zeit später mit einem riesigen Flammenwerfer Feuer unterm Arsch gemacht wird. Und das alles bevor er zum Song „Bück dich“ von Lindemann mit einer Penisnachbildung scheinbar richtig penetriert wird. Es scheint, als kenne jeder der über 75.000 Besucher jede Zeile eines jeden Songs. Ein Jeder wird von immer eindrucksvolleren Pyro-Effekten à la Rammstein begleitet. Ob Feuermasken, brennende Mikros, ein brennender Mensch oder ein eindrucksvolles Feuerwerk, welches über ein Seilsystem über den Köpfen der Zuschauer stattfindet: Rammstein machen ihrem Ruf alle Ehre und liefern eine grandiose Show ab. Eine Show, die man kaum in noch mehr Worte fassen kann. Man musste einfach dabei sein. Wenn Rammstein nach ihrer angekündigten Auszeit wieder einmal auf Tour gehen, müsst ihr es unbedingt einmal live miterleben.

Der Abend neigt sich dem Ende. Nach einem Dankeschön an die Fans des sonst eher wortkargen Frontmanns Lindemann darf man in der Zugabe einer Piano-Version von „Mein Herz brennt“ lauschen. Diese Version des Songs beweist, dass Rammstein nicht nur „voll in die Fresse“ können, sondern auch sanfte Klänge wohl beherrschen. Und dann komm der wohl im Nachhinein medienträchtigste Moment des Festivals. Rammstein spielen „Sonne“, und zum letzten Refrain kündig Frontmann Till Lindemann den deutschen Schlagerstar Heino an. Dieser hat ja bekanntermaßen auf seinem letzten Album neben Bands wie Die Ärzte auch den Song „Sonne“ von Rammstein gecovert. Bereits im Vorfeld machten sich Gerüchte breit, dass Heino dem Wacken Open Air einen Besuch abstatten würde. Stimmlich etwas schwach auf der Brust kommt er nicht gegen die Band an und verläßt auch wenige Minuten später die Bühne wieder. Nach dem letzten Song „Pussy“ verabschieden Rammstein sich endgültig vom Publikum und beenden ihren grandiosen Auftritt.