15 Jahre Greenhell Party – eine Band wie Hot Water Music ist einzigartig

15 Jahre Greenhell Party – Auf einer nahe gelegenen Eisenbahnbrücke geben Chuck Ragan und Chris Wollard ein Interview für ein DVD Magazin, drei Meter unter ihnen hält ein Streifenwagen und nach dem mühsamen Anstieg der Schutzmänner ist es Zeit für eine kleine Personenkontrolle am Tourbus. Herzlich Willkommen in good old Germany, Hot Water Music!

15 Jahre Greenhell Party mit Hot Water Music, Muff Potter, Walter Schreifels und Pepstalkers

15 Jahre Greenhell Party
15 Jahre Greenhell Party

An den Türen des Skaters Palace prangen Schilder, die auf einen Umstand hinweisen, der jedem hätte klar sein müssen: „Das Konzert ist restlos ausverkauft!“

Restlos? Nein, denn viele Besucher sind wohl in der ersten Euphorie beim Kartenkauf übers Ziel hinausgeschossen und so scheint es einigen Leuten tatsächlich schwer zu fallen, ihr persönliches Restkontingent noch an den Mann zu bringen. Ansonsten glückselige Gesichter allerorten, vor allem bei der Flaschenpfandsammlerin, die das kostbare Leergut gleich Einkaufswagenweise vom Skaters Palace weg schiebt.

Um 19 Uhr eröffnen die Pepstalkers aus Münster den Abend, ohne jedoch großartig beachtet zu werden. Ein Freundschaftsdienst dürfte diese Opener Position sein, denn die Garagenrock Band aus Münster zählt bis dato ca. 2000 Besucher auf ihrer myspace-Seite und scheint nicht unbedingt prädestiniert für diesen Job. Andererseits wäre es an diesem Abend wohl egal gewesen, welche Band eröffnet, und wäre wohl auch für jede Band nicht viel mehr wert gewesen als ein schöner Eintrag in der Vita. Es ist einfach zu früh, das Wetter zu schön und die Erwartungen an das, was noch kommen soll, zu hoch.

Auch das Solo- Konzert von Ex-Gorilla Bisquits, Ex-Youth of today, Ex Quicksand, Rival SchoolsFrontmann Walter Schreifels wird nicht viel mehr als wohlwollend hingenommen. Natürlich ist dieser Mann eine Legende und natürlich hört man ihm gern zu. Natürlich kennt man viele der Songs die er auf der Akustik- Gitarre interpretiert, aber die Devise lautet wohl weiterhin: Kräfte sparen!

Passend zum Thema:
Summer Breeze Open Air 2012 (Dinkelsbühl) Festival Bericht

Und dann… ja, was folgt eigentlich dann? Der Muff Potter Film? Was soll das denn? Vielleicht ein schöner Zusammenschnitt der 15-jährigen Bandgeschichte? Hach, ich mochte diese Band mal, oh ja, und wie ich sie mochte. „Schrei, wenn du brennst“ war monatelang fest unter der Nadel des WG- Plattenspielers vernagelt (schönes Wortspiel an dieser Stelle) und von der selbstorganisierten Show in einer alten Quakenbrücker Turnhalle (heute gibt es ja nur noch Sportzentren) konnte man noch lange zehren. Dieser Film könnte also ein schönes Erlebnis werden. Könnte, tut er aber nicht! Statt dessen eine dummdreiste Geschichte von einem Roboter (Nagel) der von einem Müllwagen (Mercedes Sprinter) fälschlicherweise entsorgt und anschließend von einem der Bandmitglieder mit schwarzer Wuschelperücke und Boxhandschuhen (Shredder), einer Asi- Tussi mit schlechten Zähnen (Brami) und einem dauerkotzenden Sportler (Dennis) gerettet wird. 15 Jahre Greenhell oder Abi 2008? Braucht man Hintergrundinformationen? Mir erschließt sich weder Sinn noch Zweck des Machwerks. Wer es einmal selbst mit „Weisheit und Demenz“ probieren möchte: auf myspace gibt es einige Trailer zu sehen.

Danach dann das Konzert der Münsteraner, die eigentlich aus Rheine kommen. Orchestrales Intro und Oldschool Wohnzimmerlampen auf den Amps, die im Takt an- und ausfaden. Das sieht schonmal schön aus. Ganz anders verhält es sich mit dem Sound beim Opener „Das halbvolle Glas“, da stimmt nicht all zu viel. Wer möchte, kann es schon zwischen den Zeilen lesen: ich werde mit dieser Band nicht mehr Warm. Muff Potter begleiten demnächst Die Ärzte auf einem Teil ihrer Deutschland-Tour, und das ist es wohl, wo sie nach 15 Jahren harter Punkrock- Arbeit hinwollen.

Aber vielleicht ist das auch der Grund, warum eine Band wie Turbostaat einfach mal locker rechts überholen kann und freundlich winkt. Einstmals wurden Muff Potter als die deutschen Hot Water Music gehandelt. Dieser Vergleich hat sich mir zwar nie aufgedrängt, aber sie hatten mehr Arsch, mehr zu sagen, mehr zum Mitfühlen. Musik für kleine Mädchen, die sicher Berechtigung hat und druckvoll vorgetragen wird, aber mehr dann eben auch nicht. Einziger Höhepunkt der Show ist dann „The Boat“ von und mit Chuck Ragan in der Stromgitarren-Version als Ouvertüre für die Dinge, die da kommen werden. Schon bei diesem Intermezzo sieht man es Chuck Ragan an: er hat eine unglaubliche Kraft und Bühnenpräsenz und einen unfassbaren Bock, diese auch raus zu lassen. Zwischen den restlichen Songs von Muff Potter, die zumeist vom letzten Album „Steady Fremdkörper“ stammen, weist Sänger Nagel ein paar mal zu oft darauf hin, wie dick man doch mit Hot Water Music befreundet ist und so ist es nach der Single „Fotoautomat“ an der Zeit noch einmal frische Luft zu schnappen. Von „Schrei wenn du brennst“ hab ich leider keinen einzigen Song gehört.

Passend zum Thema:
CFN Fest mit IRON ANGEL und BLACKSLASH in der Alten Turnhalle Naila am 14.03.2020 (wegen Coronavirus abgesagt)
Camping: Zelte, Schlafsäcke und Campingzubehör im EMP Online Shop
Camping: Zelte, Schlafsäcke und Campingzubehör im EMP Online Shop *

Die Luft ist dünn und es ist fürchterlich heiss, man schwitzt schon beim reinen Rumstehen und wirklich jeder drängelt sich jetzt vor die Bühne. Dann endlich geht das Licht aus, mexikanische Gitarren und der lang erwartete Schauer der einem über den Rücken läuft als „A Flight and a Crash“ wie eine Faust in die Magengrube donnert. Jede und jeder Anwesende brüllen mit und nehmen sich Stück für Stück ihren Teil Hot Water Music mit nach Hause. Den wenigen nicht so textsicheren Mitstreitern wird es dann beim zweiten Song „Wayfarer“ gegeben und es erklingt ein einstimmiges „Wohohohohoho“, das ganz Münster zum Beben bringen könnte. Man kann die Emotionen gar nicht in Worte fassen, sie aber durchaus in den Gesichtern der Anwesenden ablesen.

Allen voran Frontmann Chuck Ragan, der nicht für, sondern mit dem Publikum singt, gröhlt, das letztes aus sich heraus holt. Ohne ihn fällt es Chris Wollard, George Rebelo und Jason Black in Form von „The Draft“ ja auch deutlich schwerer die Massen zu begeistern. Von musikalischen Höhepunkten zu sprechen wäre vermessen, denn dieses Konzert ist ein einziger Orgasmus für die Seele. Egal ob „Free Radio Gainseville“ bei dem sich Walter Schreifels auf der Bühne die Ehre gibt, „Remedy“, „Paperthin“, „Rooftops“, „Trusty Chords“ oder mein persönlicher Höhepunkt „It's hard to know“, dessen Kernaussage „Live your heart and never follow“ einem Lebensgefühl gleich kommt. Diese Konzerte bei denen jeder Song ein Hit ist, sie sind irgendwie zur Seltenheit verkommen. Am besten drückt es aber wohl am 10. Mai 2008 „Our own way“ aus: „And on and on and on and on and every time you hear this song be sure you're not alone!“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die Zugabenrunde wird dann noch mit „Turnstile“ eröffnet und inzwischen dürfte auch der Letzte, dem vielleicht nicht das komplette Gesamtwerk der Band vertraut ist, mit Kraft für mindestens die nächsten zwölf Monate gefüllt sein. Irgendwann geht das Licht an, natürlich viel zu früh, es wäre immer viel zu früh gewesen.

Passend zum Thema:
Festivalbericht – Das war das legendäre Wacken Open Air 2018

Fazit 15 Jahre Greenhell Party

Fest steht: eine Band wie Hot Water Music ist einzigartig und wird es immer bleiben. Wenn man in Relationen den ganzen akustischen Schrott hört, der einem kommerziell durch die Ohren gespült wird, so muss man sie fast als Götter auf den Olymp stellen, in den Stein des Grand Canyon meißeln oder einfach bei einer vielleicht irgendwann mal anstehenden Obduktion den Operateur mit einer Narbe auf dem Herzen in Form einer kleinen Flamme und den darunter befindlichen Wellen überraschen.

——————–

Autor: ArchiVader

Scroll to Top