Mit “Gerne wieder” verabschiedete ich in meiner Festival-Nachlese das Abifestival 2009. Diesen Worten folgten Taten: Auch das diesjährige Abifestival schaffte es, auf ganzer Linie zu überzeugen.


Freitag

Noch während der Strom der Anreisenden nicht abriss, begann am Freitag Nachmittag der Reigen der Bands mit From Sorrow to Serenity aus Sögel. “Deathcore” nennen sie ihre Musik und dementsprechend wuchtig grunzte es aus den Boxen. Zumindest für die Kuttenträger und anderes langhaariges Metalvolk war damit der Startschuss für das Festival gegeben. Tatsächlich sah man in der noch recht übersichtlichen Menge vor der Bühne bereits die ersten Haarmatten kreisen. Das Sextett, angeführt von zwei Sängern oder, besser, Growlern, bot somit einen energiereichen Start in das Festival.

Die folgenden The Dashwoods schlugen mit Indie-Powerpop in eine ganz andere Bresche, die im direkten Vergleich wesentlich ruhiger wirkte. Musikalisch ähnelten sie ebenso wie mit ihrem Namen unzähligen “The”-Bands, die durch die Indie-Welle der letzten Jahre hervorgebracht wurden, ob es jetzt “The Strokes” oder “The Hives” sind. Glatter, softer, poppiger Rock, der durch die Stimme von Sängerin Daniela noch um einiges weicher wird. Die female-fronted Franz Ferdinand-Version aus Zeven (Rotenburg/Wümme) sorgte dennoch für vereinzelte Tanzstimmung für die Menge vor der Bühne, die sich zwar nahezu komplett austauschte, jedoch nicht größer wurde.

Mit den folgenden Smokey Joe sollte sich das fix ändern. Welche andere Skaband lässt das Publikum sonst im Circle-Pit vor der Bühne kreisen? Grund könnte, zugegebenermaßen, auch der Lokalpatriotismus der Festivalbesucher aus Lingen sein, kommt die Band selbst doch ebenfalls aus dem schönen Atomkraftwerkstandort.

Doch wir wollen die Musik der Gruppe nicht herabwürdigen: Das Bläsertrio der Gruppe machte ordentlich Druck, und getreu des Bandcredos “Ska rockt eben” feierte auch der Rest der Band ziemlich fröhlich mit. Eine sehr gute Leistung, die durch eine ausgelassen tanzende Meute vor der Bühne honoriert wurde.

Miyagi klingt zunächst einmal ungewohnt, asiatisch, und niemand versteht den Bandnamen. Ein Blick auf die Bandwebsite erklärt es: Bei dem Namensgeber handelt es sich um diesen Typ aus Karate Kid, der Fliegen mit Essstäbchen fing.

Soweit der Anspruch der Band. Und was produziert das Quintett, dessen zwei Sänger zugleich Schlagzeug spielen können? Wieder mal Indie-Rock, allerdings dieses Mal von der energischen, druckvollen Sorte, wie man sie beispielsweise bei Gods of Blitz, stellenweise auch bei Mando Diao hören könnte. Klingt eher britisch als asiatisch, Indie-Wave-mäßig, dabei aber doch ziemlich lebendig. Und irgendwie schafften es die Jungens aus Münster, das Publikum auf den Beinen und bei Laune zu halten.

Headliner des Abends waren die Hamburger Skapunks Rantanplan. Dass deren Musik eher poppig als punkig klingt, tut der guten Skalaune gemeinhin keinen Abbruch. Dementsprechend präsentierten sie auch auf dem Abifestival ihren bewährten Mix mit Klassikern wie Hamburg, 8° Regen und Gassenhauern wie Hallo, Hure Hamburg. Doch obwohl ein Großteil des Publikums motiviert mittanzte und -feierte, wirkten die Skaveteranen doch deutlich ruhiger als gewohnt. Gute Laune bewies die Truppe unbestritten, aber an Spielfreude und Engagement früherer Shows reichte sie an diesem Abend leider nicht heran.

Das Publikum schien dennoch zufrieden und feierte auch nach der Verabschiedung der Band mit Supershirt und Videoclub elektronisch weiter.

Samstag

Der Samstag begann sehr viel früher, aber auch ruhiger als der Vortag. Augustin, eine Lingener Lokalband, begannen soft-rockig einen entspannten Einstieg in den Tag. Entspannt war dabei auch das Publikum, das sich auf Campingstühlen oder auf dem blanken Hosenboden vor der Bühne postierte und eher schweigend genoss.

Nach den Rappern von Bravour kamen dann auch wieder Freunde des Metal auf ihre Kosten: Hate Embraced, zu verorten in Sögel und Osnabrück, brachten mit lupenreinem Oldschool-Death Metal mit gelegentlichen Thrash- und auch Hardcoreanleihen die Haare zum Fliegen. Eine ansehnliche Menge an Volk hatte sich versammelt, um die Band abzufeiern und sich über dämliche Violent-Dancing – Ambitionen mancher Gäste zu amüsieren. Die sympathische Band spielte mit viel Druck, so dass sich zarter besaitete Gemüter in Richtung Campingplatz begaben, um die nächsten Festivalbierchen zu kippen. Der Rest fühlte sich ein bisschen wie in Wacken und feierte mit.

Mit “Progressive Indie Rock” könnte man die später am Nachmittag folgenden Manko Nova klassifizieren. Wie bei so vielen progresiv angehauchten Bands, gleich welchen Genres, nahm die Langatmigkeit der einzelnen Stücke großen Teilen des Publikums scheinbar die Lust. Erneut fanden sich lange Reihen von Campingstühlen ein, die zwar wohlwollend, aber recht statisch dem Auftritt der Band lauschten.

Die Hamburger Captain Planet klingen ein bisschen wie später folgenden Jupiter Jones – deutschsprachiger Punkrock, der ein wenig gesitteter daherkomt, als es die geistigen Väter dieser Musikrichtung wohl geplant hatten. Das tat der Stimmung keinen Abbruch, langsam aber sicher belebte sich der Platz vor der Bühne dauerhaft.

Mittlerweile war es bereits 6.00 Uhr nachmittags. Es war warmer Sonnenschein, unzählige Liter Bier hatten die entsprechenden Körperorgane passiert und waren bereits wieder in wohlriechenden Dixi-Toiletten verschwunden, die entstehenden Leerräume waren aufgefüllt und die Laune auf dem gesamten Festivalgelände erlebte eine Art Höhepunkt. Eine Zeltplatzparty zu elektronischen Klängen, unterstützt durch ein komplettes DJ-Equipment, belegte das eindeutig, Crowdsurfing und euphorisches Tanzen waren hier angesagt.

Tanzeinlagen auch vor der Bühne: Der Fall Böse korrigierte nicht nur den Altersdurchschnitt der bisherigen Bands nach oben, sondern versetzte auch dem musikalischen Niveau noch einen kleinen Schub. “Treibstoff” nennen die Musiker ihr Werk, und tatsächlich treibt dieser Ska mehr als nur an. Mehr Punk als Rock, mehr Energie als erwartet – es kommt nicht von ungefähr, dass Der Fall Böse beispielsweise von “Die Welt” als “großartige Band” bezeichnet wird, und sehenswerte Ska-Nummern von Rage Against The Machine-Stücken oder von Barbara Ann von den Beach Boys liefern hierzu die Grundlage. Für einen großen Teil des Publikums waren die Jungs sicherlich das Festival-Highlight.

Später am Abend – die Party auf dem Zeltplatz war noch in vollem Gang – spielten Jupiter Jones, die erst wenige Tage vorher bereits die Osnabrücker Maiwoche mitgerissen hatten. Poppiger Punkrock, der sich nach und nach den Status “B-Prominenz” in der deutschsprachigen Musiklandschaft erarbeitet hat und zu dem eine große Menge Volkes versammelt war. Tatsächlich gaben sich die vier “Eifelpunker”, wie sie gelegentlich tituliert werden, mächtig Gas, erkannten zwischendurch: “Wir sind ja schließlich nicht Metallica” und testeten mit zufriedenstellendem Erfolg die Textsicherheit des Publikums.

Das wartete schon längst auf Bonaparte. Das Künstlerkollektiv um den Schweizer Tobias Jundt bietet, so sagen Experten, “Visual Thrash Punk”. Aber, wie heisst es so schön: “You know Tolstoi, I know Playboy” – wen interessiert das Expertenwissen, wenn spaßige Abwechslung lockt?

Zunächst einmal bewies die Band, dass sie tatsächlich anders ist als andere – pünktlich zum Auftrittsbeginn wandelten sich die gelegentlichen Schauer, die den frühen Abend begleitet hatten, in düsteren Dauerregen. Das hielt die Besucher jedoch nicht davon ab, das amüsante Livespektakel auf der Bühne zu begutachten, zu dem die Musik fast in den Hintergrund rückte. Groteske Engel mit aufgedunsenem Schädel, weibliche Mitglieder des Kollektivs, deren Bekleidung von ausgeflippt bis (fast) nicht vorhanden reichte, skurrile Verkleidungen mit keinem anderen Sinn und Zweck als dem, zu unterhalten, und ein verwirrendes Pantomimenspiel zwischen den Akteuren auf der Bühne erfüllten ihren Zweck. Die altbekannte Begrüßung “Do you wanna party with the Bonaparte” wurde recht schnell zum Programm, Textsicherheit fand sich auch hier und wem der Alkohol noch nicht die letzte Reserviertheit genommen hatte, der verlor sie an diese Band. Ein würdiger Headliner.

Wer sich bei Bonaparte noch nicht verausgabt hatte, dem blieben die Audiolith-Zugpferde Bratze, die mit ihrem Elektro-Punk die Besucher des Abifestivals wahlweise in’s Bett bzw. den Schlafsack oder auf die letzte Party des Festivals begleiteten.

Wieder einmal hat sich das Abifestival Lingen als eines der sympathischsten Festivals der Republik präsentiert, das ein herrliches Gemengelage aus durchgedrehten Menschen, Spontanpartys und musikalischer Vielseitigkeit bot. Und so kann es auch dieses Jahr nur heissen: “Gerne wieder”.

Copyright © 2017 Metaller.de

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen