Das diesjährige Deichbrand Rockfestival hatte neben großartigen Bands noch ein paar Erlebnisse der besonderen Art zu bieten, nicht immer zur Freude der angereisten Musikfans.


Donnerstag

Zunächst wurde unsere Anreise bereits etwas erschwert: der erste Zug hatte direkt Verspätung, dadurch verpassten wir unseren Anschluss und als wir endlich im Zug Richtung Cuhaven saßen, schaffte es eine Frau nicht mehr rechtzeitig auf Toilette, um sich zu übergeben. Perfekter Festival-Einstand! Am Bahnhof angekommen schickte uns ein Anwohner, den wir nach dem Feuerwehrhaus fragten, da es dort unsere Pressebändchen geben sollte, zunächst direkt Richtung Festival. Dort am so genannten „Eingang Süd“ angekommen wurden wir von der Security dann Richtung „Eingang Nord“ entsendet. Immerhin konnten wir auf diese Weise der Warteschlange an der Bändchenausgabe entgehen, die zeitweise eine enorme Länge angenommen hatte. Von bis zu vier Stunden Wartezeit war von anderen zu hören. Nach einem Gewaltmarsch durch strömenden Regen entlang der Hauptstraße, da die kürzeren Wege gesperrt waren (bis dahin wussten wir noch nicht warum), kamen wir am „Eingang Nord“ an, um dort zu erfahren, dass man uns nicht weiterhelfen könne. Wir müssten zum Feuerwehrhaus (eben!), das allerdings wäre fast im Ort, dem Ort, wo wir am Bahnhof zwei Stunden zuvor bereits angekommen waren. Also: wieder zurück! An dieser Stelle einmal vielen Dank an die Security, die uns eine „Mutti“ anhielt und vor allem an die „Mutti“, die uns die ca. sieben Kilometer bis zum Feuerwehrhaus kutschierte! Dort angekommen haben wir nach kurzer Wartezeit dann unsere wunderschönen, pinken Papierbändchen bekommen. Nebenbei haben wir noch gehört, dass der Funkverkehr vollkommen ausgefallen sei. Wenn man bedenkt, dass Handys auf dem Festivalgelände allenfalls als Briefbeschwerer oder Fotoapperate brauchbar waren, war dies keine besonders beruhigende Information – man bedenke, dass beispielsweise auch Security und Sanitäter auf funktionierende Kommunikation angewiesen waren…

Während dessen sorgte der anhaltende Regen dafür, dass das Festivalgelände eher an eine durchgeweichte Moorlandschaft erinnerte. Auch der recht stürmische Wind machte den Zeltaufbau zu einer spannenden Angelegenheit. Wichtiger allerdings: er setzte den Bühnen sichtlich zu! Die schwarze Plane, die eigentlich die Seiten und das Dach abdecken sollte, flog wild durch die Gegend. Welche Ausmaße das Ganze hatte sollten wir allerdings erst viel später erfahren.

Unterdessen kam es am Abend zu den ersten Ausfällen: der Red Bull Tourbus war auf Grund des starken Windes nicht bespielbar! Dadurch fielen Die Orsons und When Sky Falls Down aus; Großstadtgeflüster spielten zu später Stunde noch im Festzelt, nachdem die geplanten Konzerte dort zu Ende waren. Unterdessen bekamen wir die ersten Informationen zum Zustand der Bühnen: diese seien stark beschädigt, insbesondere die Firestage, deren Dach gerissen sei. Mit der Reperatur könne allerdings erst bei Wetterbesserung begonnen werden, dieses sei für den nächsten Tag angekündigt. Andernfalls hätte man das Festival bereits zu diesem Zeitpunkt absagen müssen!

Doch letztendlich gab es auch Musik auf die Ohren! Leider war für uns kein direkter Timetable für das Festzelt auffindbar. Somit haben wir The Jinx verpasst und das erste Konzert für uns begann laut und heftig mit Betontod! Die Alt-Punker haben bewiesen, dass sie immer noch gehörig Feuer unter´m Arsch haben und heizten der durchnässten Menge mächtig ein. Dabei wurden viele neuere und ein paar ganz neue Songs zum Besten gegeben; von Deutschpunk bis Deutschrock, gut gemischt und noch besser gespielt. Der Auftritt erzeugte auf jeden Fall Vorfreude auf das bald erscheinende neue Album! Ohne dass die Stimmung abflachte folgte dann eine Frau mit noch deutlich mehr Bühnenerfahrung als die Jungs zuvor aufzuweisen hatten: ganze 29 Jahre lang rockt sich Doro bereits über die Bühnen dieser Welt und hat scheinbar noch genau so viel Energie wie zu ihren Anfängen. Zugegeben: musikalisch trifft sie nicht meinen Geschmack, was hunderte Fans im vollbesetzen Zelt allerdings anders sahen. Die Massen gingen mit und genossen sichtlich den Auftritt der Metalikone. Besonderes Highlight war der bis dato unveröffentlichte Song „Raise your fists in the air“. Anschließend folgte mit Saltatio Mortis eine Band, die sich noch nie Sorgen um die Stimmung im Publikum machen musste. Die Spielmannsleute um Bühnensau Alea, welcher besonders beim weiblichen Publikum nie um Anklang bangen muss, spielten ein solides und energiegeladenes Konzert, sehr zur Freude des Publikums. Auch „Samo“ mischten dabei gekonnt und souverän ihre aktuellen Songs mit den schon Jahre zurückgliegenden und bezogen die Massen vor ihnen – wie immer – dankend in ihren Auftritt mit ein – sei es gesanglich, sei es klatschend, das Publikum machte begeistert mit! Nach wie vor eine unglaublich überzeugende Live-Band und nur auf den berühmten Mittelaltermärkten können sie sich noch selbst übertreffen.

Nach drei anstrengenden, doch begeisternden Konzerten verließen wir das Zelt und staunten nicht schlecht, als in der Nähe des Eingangs zum Zeltplatz rein elektronische Musik zu vernehmen war. Zahlreichen Menschen schien diese Idee zu gefallen: man sah Hunderte zu den bassigen Kängen zwischen Minimal und Electro(-Swing) im strömenden Regen bis zum Morgengrauen das Tanzbein schwingen. Der Regen selbst schien allerdings genau so wenig ein Ende finden zu wollen und das Deichbrand-Festival erinnerte immer mehr an einen Deichbruch!

Freitag

Im Gegensatz zum gestrigen Tag war das Wetter nach dem Aufstehen wunderbar. Langsam füllte sich auch der Zeltplatz immer mehr. Um ca. 10:00 Uhr sickerten dann die ersten genaueren Informationen zum Zustand der Hauptbühnen durch, die das gute Wetter und die fröhlichen Menschen zunächst in den Hintergrund geraten ließen: die Bühnen waren dermaßen stark beschädigt, dass das Programm an diesem Tag frühestens um 17:00 Uhr mit Frittenbude beginnen könne. Alle Bands zuvor müssten leider ausfallen. Später hieß es dann, sie würden in das Festzelt verlegt. Grund dafür sei in erster Linie das nach wie vor gerissene Dach der Firestage, das auch zur zwischenzeitlichen Sperrung des Backstage-Bereichs und dem Zugang zum Süd-Parkplatz am Tag zuvor geführt habe. Etwas unglücklich war, dass diese Informationen in erster Linie über das Internet, speziell Facebook, verbreitet wurden. Für viele der bereits angereisten Besucher gab es kaum eine Möglichkeit, dies in Erfahrung zu bringen. Für uns wurde durch die Situation die Möglichkeit eröffnet, erstmal in die nächstgelegene Stadt zu fahren, um Nachschub aller Art zu besorgen. Eigentlich war geplant, mit dem Shuttlebus nach Nordholz zu fahren, die abermals mehr oder weniger planlose (aber freundliche!) Security schickte uns allerdings zum Shuttlebus nach Cuxhaven, was allerdings im Nachhinein sogar die bessere Alternative war.

Bei unserer Wiederkehr am frühen Nachmittag bekamen wir dann folgende Informationen zum aktuellen Stand der Dinge: Das Bühnenprogramm sollte weiterhin ab 17:00 starten – weiterhin mit Frittenbude. Dem war aber leider nicht so. Erst gegen 17:30 Uhr wurden überhaupt die ersten Leute auf das Festivalgelände gelassen. Auf der großen Leinwand zwischen den Bühnen war mittlerweile folgende Mitteilung zu lesen:„Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das Live-Programm zu starten. Bitte geduldet euch noch etwas und nehmt Rücksicht aufeinander. Herzlichen Dank!“ Interessanterweise war die nette Frau am Beck’s-Stand informativer, wann es wirklich losgehen würde wusste sie allerdings auch nicht, erzählte aber einige interessante Anekdoten, insbesondere bezüglich der Informationen, die vom Veranstalter rausgegeben wurden – nämlich schlichtweg gar keine. Mit anderen Worten: die Mitarbeiter und dementsprechend auch die Security waren gleichfalls rat- und planlos wie wir auch.

Letztendlich konnte das Programm dann erst um kurz vor 20:00 Uhr mit Samy Deluxe beginnen. Sehr zum Frust vieler Festivalbesucher mussten dadurch Frittenbude und H-Blockx komplett aus dem Programm gestrichen werden, allerdings bietet das Deichbrand Festival nun im Nachhinein Konzerte der Bands an, bei denen sich Deichbrand-Besucher bewerben können, um kostenlos dabei zu sein. Außerdem wurden beide Bands schon für das kommende Deichbrand-Festival bestätigt. Vierkanttretlager und Five & das Phantomorchester spielten unterdessen ihre Gigs im Zelt, allerdings wurde dies nur sehr spontan kundgetan und nahezu keiner wusste überhaupt etwas davon. Eher zufällig verirrten sich Einzelpersonen in das Zelt, die musikalische Klänge von dort vernahmen, bevor es dort mit dem Poety-Slam weiter ging.

Aber nun zu Samy Deluxe: der hat der Masse schon gehörig eingeheizt, mit Songs wie „Füchse“, welche er vor langer Zeit mit den Absoluten Beginnern aufnahm, dem Klassiker „Weck mich auf“ oder auch seinen aktuellen Stücken wie ‚Poesie-Album’ aus seinem Album „Schwarzweiss“. Er rappte sich in wahnsinniger Geschwindigkeit und professionell durch seine Songs, auch wenn sein Missmut über die Situation spürbar war. Der Sound war durchaus gewöhnungsbedürftig und vor allem die Publikumsnähe ließ zu wünschen übrig. Aus Sicherheitsgründen musste der Platz vor der Bühne auch weiterhin frei bleiben, so dass ein geschätzter 20-Meter-Graben bis zu seinen Fans klaffte. Die meisten Menschen waren aber im Endeffekt eher froh darüber, dass es nun überhaupt den ersten Auftritt geben konnte und versuchten Samy ein möglichst angenehmes Konzert zu gestalten.

Nach ihm betraten dann Sunrise Avenue die Bühne, die die wartende Menge schnell für sich gewinnen konnten, auch wenn die Reaktionen insgesamt überraschend verhalten ausfielen. Man schien eher froh zu sein, dass die Band überhaupt noch auftrat. Auch bei Sunrise Avenue schien man noch mit der Technik zu kämpfen, was sich vor allem im Gesang deutlich machte. Dennoch versuchte man den teils weit angereisten Fans ein möglichst gutes Konzert zu präsentieren und spielte zumindest alle Hits von „Fairytale Gone Bad“ bis „Hollywood Hills“ professionell runter, inklusive einem eher stimmungshemmenden Reggae-Medley.

Kurz darauf betraten dann Asp die Bühne, die live wieder ein absolutes Spitzenprogramm boten. Stimmlich war Sänger Alexander Spreng wieder Topact des Abends und stellte die beiden Bands zuvor deutlich in den Schatten. Natürlich waren Standardsongs wie „Und wir Tanzten“ und „Ich Will Brennen“ mit im Programm inklusive Feuershow und Konfettiregen. Die Band bedankte sich für den Support, welchen sie sogar auf einem Festival bekamen, welches musikalisch eher andere Schwerpunkte setzte. Allerdings waren viele Leute in den hinteren Reihen nicht wegen Asp da und riefen ständig miese Sprüche in die Menge oder sangen sogar bereits Lieder der danach folgenden Deichkind. Die echten Asp-Fans ließen sich davon allerdings nicht beeindrucken und zumindest diese gaben der Band den nötigen Respekt und feierten was das Zeug hielt. Man könnte an dieser Stelle mutmaßen, dass eine Gothic-Rock-Band direkt vor Deichkind auf der daneben stehenden Bühne etwas unglücklich gesetzt war, aber für Mutmaßungen ist hier natürlich kein Platz.

Danach traten Deichkind auf, die erste Band, die an diesem Abend die Firestage entern durfte, welche zuvor lange Zeit das große Problem darstellte. Vor der Bühne war es rappelvoll, und als Deichkind dann die Bühne betraten hieß es sofort: Party Pur! Mit „Befehl von ganz unten“ gaben Deichkind den Startschuss. Bei „Bück dich hoch“ singt die komplette Masse schon mit, die Stimmung steigt und steigt. Die Bühnenshow ist imposant und ausgefallen, dafür haben sie ein riesiges Lob verdient. Auch der Menge sieht man ihre Freude am Konzert deutlich an, spätestens bei „Illegale Fans“ sind alle am ausrasten und tanzen so, dass es kein Halten mehr gibt. Für die durchgeschwitzten ersten Reihen gab es neben der großartigen Perfomance auf der Bühne noch die obligatorische Wodkadusche. Amüsanter Anblick vor allem für die, denen danach nicht die Augen brannten. Schon schade, dass Deichkind sich seit geraumer Zeit mit ihren Späßen auf der Bühne zurück halten müssen (da sie mittlerweile strengere Auflagen bekommen als früher). Doch auch dieser sensationelle Auftritt neigt sich irgendwann dem Ende zu, nach etwa anderthalb Stunden Dauerparty beenden Deichkind um ca. 1:30 ihre Show mit dem schon zur Tradition gewordenem Schlauchbootfahren über die Menge hinweg, während auf der Bühne der Hit „Remmidemmi“ zum Besten gegeben wird. Sie hinterlassen ein extrem gut gelauntes Publikum, welches noch längst nicht genug vom Partymachen hat. Der Großteil der Meute verließ allerdings nach Deichkind den Platz vor den Bühnen, obwohl nebenan noch Caliban folgen sollten.

Diese waren musikalisch – wie immer – hervorragend und bildeten den perfekten Abschluss der Konzerte an diesem Abend, auch wenn sie sich sicherlich mehr Publikum gewünscht hätten. Doch auch sie litten ein wenig unter der großen Beliebtheit von Deichkind, ähnlich wie bereits Asp zuvor. Dennoch gaben Caliban ihr bestmöglichstes um ihre Fans zu begeistern und das gelang ihnen auch. Wer danach immer noch feierwütig war, konnte im Zelt noch ein bisschen was „wegzappeln“. Dort wurde wieder bis in die frühen Morgenstunden Minimal gespielt und auch hier war die Stimmung überaus ansteckend, selbst wenn man normalerweise kein Fan elektronischer Klänge war.

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