Der Metal Missionar Fenriz (Darkthrone, Aura Noir, Dødheimsgard, usw.)

OM: Hallo und danke für Deine Zeit! Es scheint, dass Darkthrone in den letzten vier Jahren einen radikalen Wechsel vollzogen haben – nicht unbedingt musikalisch, sondern eher in Punkto Öffentlichkeitsarbeit. Zu „A Blaze In The Northern Sky“-Zeiten hattet Ihr die Maxime, nur dem jeweils größten Magazin eines Landes für ein Interview zur Verfügung zu stehen nachzulesen im „Rock Hard-Mania“-Wälzer des gleichnamigen Magazins (Anm. d. Verf.) heutzutage können wir mal einfach so Kontakt mit Euch aufnehmen. Habt Ihr Euren Schlachtplan geändert?

Interview mit dem Metal Missionar Fenriz (Darkthrone) am 14.11.2008

Interview mit dem Metal Missionar Fenriz (Darkthrone) am 14.11.2008
Interview mit dem Metal Missionar Fenriz (Darkthrone) am 14.11.2008

Fenriz: Das sehe ich anders. Ich kann mich erinnern, dass wir ab 1992 fast überhaupt keine Interviews mehr gegeben haben. 1998 nahmen die Mythen und beschissenen Gerüchte derart überhand, dass ich mich entschieden habe, der Presse wieder zur Verfügung zu stehen – wie schon 1988 bis 1990. Die sogenannte Black Metal-Szene hat mich seit 1994 kaum noch interessiert. Die Leute fingen an, Klamotten mit Plastiksound, Click-Drums, miesen Synthies und miesem Frauengesang als Black Metal zu bezeichnen. Außerdem war alles viel zu sehr auf Geschwindigkeit ausgerichtet. Die Szene, die ich seit den Achtzigern kannte, in der sich alle Stilrichtungen untereinander verbanden und vermischten, war nicht mehr da. Die verdammten Neunziger zogen dicke Mauern zwischen den Genres – das Rezept für ein seelenloses Desaster. Aber seit der Jahrtausendwende gibt es eine neue Generation von Kids, die auf die Neunziger scheißen und stattdessen barbarischen Achtziger-Metal spielen. Ich muß mich da bei Oskar von Oldbedanken. Er hat mich dazu gebracht, härter als sogar Ende der Achtziger im Underground zu wühlen, und da schaut's wirklich gut aus. Es war doch furchtbar für Kids, in den Neunzigern aufwachsen zu müssen. Sie mussten mit diesem seelenlosen Computersound groß werden, während ich mich ein Jahrzehnt vorher in Produktionen a la „Bonded By Blood“ suhlen konnte. Jetzt gibt’s das ganze neu aufgenommen mit modernem Klampfensound. Arme Kids. Die einzige positive Seite dieser Re-Recordings ist, dass die neu hinzukommenden Generationen wenigstens am Songwriting – meinetwegen bei „Metal Command“ ‚Exodus“‘, Anm. d. Verf. erkennen, was SPEED METAL THRASH ist! Yeah!

OM: Seit „The Cult Is Alive“ hat sich Eure Musik inhaltlich doch recht stark gewandelt – etwas, was Eure langjährigen Fans schon öfter mitgemacht haben. Ihr scheint einen neuen, missionarischen Ansatz dergestalt zu verfolgen, dass Ihr allen zeigen wollt, was „Real Metal Attitude“ ist – textlich und musikalisch. Ist die jüngere Geschichte des Heavy Metal so abstoßend für Euch, dass ihr Euch verpflichtet fühlt, den Fans den rechten Weg zu leuchten?

Fenriz: Weißt Du, ich habe das schon 1989 kommen sehen, als ein Label – das auch noch „Vinyl Solution“ hieß! – das grandiose Macabre-Album „Grim Reality“ in sein Programm übernahm, aber vor der Veröffentlichung einen Remix mit mehr Effekten auf der Bassdrum vorgenommen hat. Das ist eines von vielen Beispielen, bei denen ich dachte: „Warte mal, irgendetwas Seelenloses und Kommerzielles passiert hier und die Zukunft wird zeigen, ob der Metal von seinem Weg abkommt“. Wir haben mit dem Plastiksound unseres Debüts dazu beigetragen – aber hey, wir haben aus diesem Fehler gelernt. Seit 1989 kann sich jeder eine Instant-Plastik-Produktion für kleines Geld kaufen. In den Achtzigern waren die Studios so teuer, dass nur die größten Bands sich einen „guten“ Sound leisten konnten, deshalb hatten die allermeisten Combos glücklicherweise unterschiedliche Produktionen mit vielen Fehlern und Zufallsergebnissen – alles in allem seelenvolles, variantenreiches Zeug. Ich wuchs damit auf und habe es geliebt. Seit 1990 hat sich jeder für „HiFi“ statt „LoFi“ entschieden. Im Death Metal hat doch fast jeder den ausgewhimpten einfachen Weg gewählt, bis auf Autopsy, die den Underground-Sound am Leben erhalten haben. Das haben wir hier in Norwegen bis 1993 auch getan, aber dann haben sich wiederum die meisten für HiFi-Sound entschieden, und alles ging vor die Hunde. Naja, ab 1993 habe ich am liebsten Achtziger-Klamotten gehört, aber ich mag auch Sachen wie Angelcorpse, Impiety, die Schweden Gehennah, Infernö oder Aura Noir. Rückblickend muss ich auch Bands wie Slough Feg oder Blizzard erwähnen, die die „Real Metal Punk Rock“-Flamme in den Neunzigern am Leben erhalten haben. Klar gab es viele Bands, die sich damals für einen LoFi-Sound entschieden haben, aber mich haben die zahlreichen Nachahmer gelangweilt, die einfach nur die norwegischen Bands kopiert haben. Davon abgesehen, waren die Siebziger und Achtziger schon immer meine größte Inspirationsquelle.

OM: Seit einigen Jahren bist Du aktiv im „Rock Hard“-Magazin – das hätte man sich vor zehn Jahren kaum vorstellen können. Worum geht’s Dir dabei primär – auf schlecht gemachten Metal einzudreschen oder Deine Faves bekannter zu machen?

Fenriz: Das Wichtigste in meinem Leben ist, seit 1988 Bands in Interviews bekannter zu machen. Da mache ich jetzt keine Ausnahme: Blüdwülf, Death Beast, War Crimes, Bastardator, Creep Colony, Tyrant (S), Nattefrost, Corrupt, World Burns To Death, Nekromantheon, Nocturnal (D), Jex Thoth, Deathroner, Sonic Ritual, Maniäc, Morne, Alpha Centauri, Demon's Gate, Doomed Beast, Resistance (F), Karnax, Evil Army, Witch, Virus (N), Aura Noir, Orcustus, Lonewolf, The Devil's Blood, Farscape, Vomitor, Old, Deathhammer, Em Ruinas, Salute, The Batallion, Zemial, Gasmask Terrör, Eidomantum, Portrait, Enforcer und so weiter…

OM: Ich nehme mal an, dass es auch einige negative Stimmen zu Deiner neuen Rolle in der Öffentlichkeit gegeben hat (obwohl jeder weiß, dass Dir das am Arsch vorbeigeht)?

Fenriz: Nö, darauf hat mich niemand angesprochen. In Norwegen bin ich so eine Art „Wildlife-Promi“ geworden, und niemand hat darüber gelästert. Was weiß ich, was die Leute hinter meinem Rücken sagen? Tatsache ist, ich gehe so in meinem Leben als Waldliebhaber auf, dass dies einfach mein Lebensstil ist. Wenn mich jemand kritisiert, weil ich in einer Natur-Doku oder einem Campingberater auftauche, hat derjenige doch ernste Probleme und sollte sich mal um sein eigenes Leben kümmern. Ich habe das Recht, zu sein, wer ich bin – und ich versuche, das Beste daraus zu machen.

OM: OK, jetzt müssen wir aber auch mal über die Musik von Darkthrone reden! Ich muss gestehen, die letzten drei Alben gefallen mir gleich gut – also musst Du mir jetzt sagen, welches das Beste ist!

Fenriz: Ich hatte nie irgendwelche Lieblingsalben, mir kommt's eher auf Parts und einzelne Songs an. Davon mal abgesehen hatten die letzten zwei Scheiben definitiv die besten Booklets, haha!

OM: In jedem anderen Interview würde ich an dieser Stelle nach den Tour-Plänen fragen… ach, vergiss es. Nur eine Sache: ich nehme mal an, die Nocturno Culto / Satyricon-Show in Wacken war eine einmalige Sache?

Fenriz: Hoffentlich! Was zum Teufel war das eigentlich?!? Ich hoffe, Satyr lässt in Zukunft die Finger von meiner Musik und hört auf, Zitate oder Ideen von mir zu klauen.

OM: Wie siehst Du heutzutage generell den Status Deiner Band? Ich frage das, weil mich interessiert, zu welchem Grad Du Dich mit aktueller Musik und Bands beschäftigst. Siehst Du Darkthrone als krasse Außenseiter oder gibt es da draußen Bands wie meinetwegen Old, denen Ihr Euch verbunden fühlt?

Fenriz: Wir sind definitiv Außenseiter und Einzelkämpfer. „Metalpunk“ war immer der am wenigsten beachtete Stil, weniger noch als Grindcore und Doom Metal – weißt Du noch, wie verhasst Doom in den Achtzigern war?. Heutzutage ist einer meiner größten Einflüsse das '87er Album von Warfare: „Mayhem Fuckin‘ Mayhem“. Das kennt keine Sau mehr. Also ist das ein sehr einsamer Kampf, vor allem zu Hause – wenn Europa eine Stadt ist, ist Norwegen ein Bauernhof. Und die meisten Bauern halten die Stadt für exotisch; wenn sie herkommen, haben sie Dimmu Borgir im Ohr und tragen beschissene Hosen. Aber in der Stadt findest Du noch die echten „Metalpunk“-Freaks, die Musik und Ideen austauschen.

Ja, es ist SEHR einsam hier oben, aber Metal ist global, und heutzutage lebe ich nicht anders als in den Achtzigern – Demos tauschen und den Underground vernetzen. Nattefrost zum Beispiel hat sehr viel Punk-Attitüde, aber er ist stark auf seine Rolle festgelegt und eingeengt. Darkthrone sind ein globales Phänomen. Aber denk dran: Eine der einflußreichsten Bands in unserer Metal-Welt ist eine „Metalpunk“-Band: MOTÖRHEAD! Ich würde Darkthrone definieren als eine Band, die beständig den Pfad der Könige hinabschreitet – 1985 bis 1964.

OM: Fenriz, danke für das Gespräch!

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Datum: 14.11.2008
Autor: Andree


Darkthrone – The cult is alive

Darkthrone sind zurück! Und sie haben mal wieder ein sehr starkes Album im Gepäck. Gleich der erste Track, „The cult of Goliath“, gibt die aktuelle Marschrichtung vor: Midtempolastiges Material, old school as fuck! Kompromisslos wie eh und je schrabbeln und keifen sich Darkthrone durch ein Album, welches deutlich die oft zitierten Hellhammer-, bzw. Celtic-Frost-Wurzeln anklingen lässt, sich „neuen“ Einflüssen jedoch nicht völlig verschließt.

So zeigt sich der zweite, schon von der gleichnamigen EP bekannte, Song „Too old, too cold“ deutlich vom Punk Rock beeinflusst. Ähnlich wie das, ebenfalls auf der EP vertretene, „Graveyard sut“ (hier von Fenriz gesungen) und „Shut up“.

Die elitären Black-Metal-Pandas unter der Hörerschaft mag das vielleicht abschrecken, ich finde jedoch, dass diese leichte stilistische Auffrischung der Band sehr gut zu Gesicht steht. Denn trotz allem klingt das Endprodukt immer noch unverkennbar nach Darkthrone. Der Rest des Materials hätte ebenso gut auf einem der beiden Vorgängeralben stehen können und ist als durchweg gelungen zu bezeichnen. Es ist schwierig hier einen besonderen Anspieltipp zu geben. Die drei oben genannten, punkigeren Stücke gehören sicherlich in diese Kategorie, ebenso wie „Underdogs and overlords“ oder auch „Whiskey funeral“. Der Sound ist gewohnt roh gehalten, knallt aber vorzüglich. Fenriz zeigt sich wieder einmal von seiner besten Seite. Punktgenaues Drumming, OHNE Trigger-Einsatz. Bravo! Davon könnte sich so manch anderer Metal-Schlagzeuger eine Scheibe abschneiden. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben soll, dass es auf dieser Scheibe, das erste mal seit knapp 10 Jahren, wieder Soli von Nocturno Culto zu hören gibt. Kurze zwar, aber von erster Güte!

Alles in Allem ein hervorragendes Stück Underground-Metal.

Den halben Punkt Abzug gibt es wegen des nicht ganz an das restliche Material heranreichende „Atomic coming“ (welches übrigens dem verstorbenen Voivod-Gitarristen Piggy gewidmet ist) und dem nicht wirklich überzeugenden Cover. Ansonsten kann ich nur sagen, dass ich mich schon auf das nächste, in der Entstehung befindliche, neue Album freue: „Fuck off an die!“

Man darf gespannt sein!

Aura Noir – Hades Rise

Der neuste Streich der Norweger Aura Noir namens „Hades Rise“ ist genau das, was Fans der Band erwartet haben – zum Glück.

Während der Vorgänger aus dem Jahr 2004 bei mir direkt zündete, brauchte ich nun, vier Jahre später, mindestens drei Durchläufe, bis sich so etwas wie Begeisterung breit machte. Die Stücke auf „Hades Rise“ sind weniger eingängig, während den Riffs an sich immer noch der mehr oder weniger primitive Old School – Charme anhaftet. Und darüber hinaus würde ich einige Gitarrenläufe gar als rockig bezeichnen. Ein Wechselspiel zwischen Groove und Gebolze, obwohl das Ganze wie gewohnt natürlich nie in besonders hohe Temporegionen abschweift. Will ja auch niemand. Rein gefühlsmäßig liegt die Band für mich anno 2008 irgendwo zwischen Destruction und Motörhead, worauf mich jetzt bitte niemand festnagelt. Jedenfalls sind etwaige Darkthrone-Einflüsse Vergangenheit. Mehr Thrash, weniger Black, so sieht’s aus.

Die Gesangsarbeit teilen sich Aggressor und Apollyon untereinander auf, wie man es ebenfalls bereits kennt und liebt, wobei mir Letzterer klanglich besser gefällt. Aber das ist reine Geschmackssache. Einfach eine Spur roher und verrückter. Was dagegen schon einigermaßen objektiv bewertet werden darf ist die Qualität des Gesanges, und die fällt gegenüber „The Merciless“ recht schwach ab. Mir fehlt hier deutlich die geballte Aggression, wie man sie damals beispielsweise in „Condor“ bewundert hat. Leider ein kleiner Punktabzug. Das Trommelspiel erfüllt dagegen seinen Zweck wie eh und je, viel mehr aber auch nicht. Immerhin hört man, dass die simplen Rhythmen bemüht variabel gespielt werden. Und schließlich würde ein zu technisches Spiel das gewisse Feeling zerstören, egal ob am Schlagzeug oder an der Klampfe. Von daher: alles in bester Ordnung.

Produktionstechnisch lässt sich eine kleine Änderung vermerken. Allgemein wirkt das Klangbild ein wenig verwaschener, aber durchaus homogen und passend. Das Schlagzeug steht nicht mehr so stark im Vordergrund wie noch 2004. Schade, habe ich persönlich sehr gemocht. Aber seit Euch sicher, dass sich an der Produktion kein Mensch stören wird, der sich ein Aura Noir Album kauft. Erstens ist diese absolut solide und zweitens ist und bleibt es schließlich Aura Noir.

Die Norweger haben den Sprung zu Peaceville bestens überstanden und zeigen sämtlichen Genrekollegen mit „Hades Rise“, wie rotziger Black Thrash Metal zu klingen hat. Und wie mir scheint, mit absoluter Leichtigkeit. Die Jungs haben ihren Platz gefunden, mal wieder.

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Autor: ArchiVader

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