„Der Schacht“ – gelungene Kapitalismuskritik und eine Botschaft an uns alle

Der Schacht – Brutal, düster, verstörend. Mit diesen Schlagworten belegt Netflix selbst seine Produktion „Der Schacht“ (2019) von Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia. In einem schachtförmigen Gefängnis unter der Erde leben jeweils zwei Insassen gemeinsam auf einer von mehreren Hundert Ebenen. Alle Ebenen sind durchgängig durch Löcher im Boden und der Decke miteinander verbunden. Durch den Schacht fährt einmal am Tag eine Plattform mit Essen. Jede Ebene hat zwei Minuten Zeit zum Essen, bevor sie zur nächsten Ebene fährt. Auf den oberen Ebenen ist der Tisch noch reich gedeckt, auf den unteren völlig geplündert. Die Menschen kämpfen um ihr Überleben- abhängig von den Personen über ihnen. Wer unten und wer oben ist, ändert sich. Jeden Monat werden die Insassen wahllos auf andere Ebenen gesetzt.

Der Schacht – Fressen oder gefressen werden

„Der Schacht“ - gelungene Kapitalismuskritik und eine Botschaft an uns alle
„Der Schacht“ – gelungene Kapitalismuskritik und eine Botschaft an uns alle (NETFLIX)

Augen auf, Ebene 48. Goreng (Ivan Massagué) erwacht in seinem selbst gewählten Gefängnis. Für sechs Monate hat er sich einsperren lassen, als Belohnung erhält er ein Studiendiplom. Sein Mitinsasse Trimagasi (Zorion Eguileor) sitzt eine Strafe für Totschlag ab. „Es gibt drei Arten von Leuten. Die von oben, die von unten, die, die fallen“ klärt ihn Trimagasi auf. Bald erfährt Goreng, wie ernst er diesen Satz nehmen muss. Im darauffolgenden Monat wachen beide auf Ebene 171 auf. So weit unten bleibt kein Essen mehr auf der Plattform übrig. Trimagasi hat ihn im Schlaf gefesselt und eröffnet, dass er Teile seines Körpers essen wird. Goreng wird von Miharu (Alexandra Masangkay) gerettet, die auf der Plattform jeden Monat abwärts den Schacht entlangfährt. Sie sucht nach ihrem Kind.

Ein neuer Monat und Imoguiri (Antonia San Juan) erwarten den deutlich gezeichneten Goreng auf Ebene 33. Die ehemalige Schacht-Beamtin ist nun selbst im Schacht, um „zu helfen“. Es gehe um das Erwirken einer spontanen Solidarität. Imoguiri versucht, die unteren Ebenen zu überzeugen, nur eine angemessene Portion zu essen: So sei genug für alle Ebenen da. Die Überzeugungsversuche schlagen fehl. Imoguiri erhängt sich im nächsten Monat auf Ebene 202 und bringt ihren Körper als Opfer dar.

Der Schacht – Das Funktionsprinzip brechen

Nachdem er sich einen Monat lang von der Leiche Imoguiris ernährt hat, erwacht Goreng auf Ebene 6 zusammen mit Baharat (Emilio Buale). Beide beschließen, das Funktionsprinzip des Schachtes zu brechen, und fahren mit der Plattform nach unten. Sie geben unter Waffeneinsatz auf den Ebenen nur rationierte Portionen aus. Eine Pannacotta wollen sie unangetastet wieder nach oben senden, als Symbol für eine nötige Veränderung. Sie durchfahren das Elend des Schachts, werden schwer verwundet, zunehmend sehen sie nur noch Leichen oder menschenleere Zellen. In der letzten, 333. Ebene finden sie ein hungriges Mädchen. Zögerlich überreichen sie ihr die Pannacotta. Baharat stirbt an seinen erlittenen Verletzungen. Goreng erkennt, dass nicht die Pannacotta, sondern das Mädchen die Botschaft ist. Er lässt sie allein auf der Plattform nach oben fahren und überlässt sich dem Tod.

Die Botschaft ist sie

„Der Schacht“ - gelungene Kapitalismuskritik und eine Botschaft an uns alle
„Der Schacht“ – gelungene Kapitalismuskritik und eine Botschaft an uns alle (NETFLIX)

Der Schacht präsentiert eine gelungene Kritik am Kapitalismus als Gesellschaftsordnung. Es herrscht, wer dem anderen drohen kann: oben über unten. Die Ebenen kooperieren nicht, stattdessen nimmt sich jede, so viel sie kann. Eine Aussicht auf Besserung besteht nicht. Nicht grundlos führt Goreng das Buch „Don Quijote“ mit sich. In diesem führt der Protagonist sein Leben lang einen unmöglichen Kampf gegen Windmühlen und verstirbt am Ende. Gleichzeitig entnimmt er dem Buch den Aufruf, eigene Reichtümer „gut auszugeben“. Das findet im Schacht wie der Gesellschaft nicht statt. Das Essen, Sinnbild für jedes knappe Gut, was der Kapitalismus zu verteilen sucht, wird mit Füßen getreten.

Die Figuren verkörpern Triebkräfte in der Gesellschaft. Goreng steht für Solidarität und kämpft mit den Umständen. Trimagasi steht für Egoismus und soziale Inkompetenz, sowie die Anpassung an die Umstände. Imoguiri zeigt Resignation und Aufopferung. Baharat repräsentiert Revolution in zweifacher Hinsicht: Er versucht, hinaufzukommen, und fährt mit herunter- beides in dem Wunsch, der „Hölle“ zu entkommen.

Zuletzt fokussiert der Film auf ein Symbol, um das System zu verändern – zunächst die Pannacotta, dann das Mädchen. Auf dem Grund des verdorbenen Systems taucht es als unschuldiges und verwundbares Geschöpf auf. Als solches wird es durch das System hindurch nach oben geschickt. Das kann verschieden interpretiert werden. Zum einen werden der Organisation die Zustände und die eigene Verlogenheit vorgehalten, da es (entgegen der Aussage Imoguiris) doch Kinder im Schacht gibt. Zum anderen kann das Mädchen als unbefleckter Neustart angesehen werden, den das System für eine Veränderung braucht.

Auch religiöse Bezüge bestehen. Der Schacht wird mehrmals „Hölle“ genannt, zu der Parallelen bestehen: je tiefer die Ebene, desto größer die Grausamkeit. 333 Ebenen á 2 Personen ergibt 666 Insassen, die Zahl des Antichristen. Über all dem steht, einem Schöpfer ähnlich, der Restaurantchef. Jeden Tag gestaltet er mit Hingabe eine Tafel, die makellos dargeboten, jedoch verschandelt wird.

„Der Schacht“ lässt den Zuschauer mit einem pessimistischen Blick auf Menschen und Welt, mehreren offenen Fragen und wenig Hoffnung zurück. Vielleicht ist er gerade aus diesem Grund zu empfehlen und selbst eine Botschaft: an uns alle.

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Der Schacht | Ende erklärt + Analyse | The Platform Netflix von Last Movie Hero

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AutorIn: Max Carl

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