Im Falle der Dödelsäcke bekommt dieser jedoch ein scheinbar neues Gewand. Flöte (Tin Whistle) und Dudelsack gehören schließlich normalerweise nicht zur Standardausstattung von Punks, die- ganz oberflächlich betrachtet- gerne Texte über Politik, Alkohol und nackte Frauen schreiben. Auf der neuesten Scheibe „HerrenGedeck“ jedoch sind sie wieder fester Bestandteil des Repertoires und werden großzügig eingesetzt, um dem Folk- Punk alle Ehre zu geben. Oder auch nicht?Es sieht zugegebenermaßen ein wenig merkwürdig aus, eine CD in den Händen zu halten, auf deren Cover ein Mann zu sehen ist, der Ähnlichkeiten mit unserer Vorstellung von Jesus hat, dabei von zwei Frauen umgeben ist, welche überall Abdrücke von verschmutzten Händen auf ihren Klamotten haben und in dem CD- Case selbst liegt eine Pommesgabel aus Holz. Sobald man das Case öffnet, weiß man allerdings auch wofür. Die CD ist ein Plastikteller, gefüllt mit Pommes und Bratwurst. Alles klar soweit! Das Ruhrgebiet- Image wird bedient.Also schnell den Teller in die Anlage geschoben und zugehört. Doch gleich hier kommt das erste Problem auf den aufmerksamen Rezipienten zu. Die Aufnahme macht es einem sehr schwierig, den genauen Worten des Sängers zu folgen, da der Gesang stark hinter den Instrumenten verborgen ist. Diese machen ihre Sache allerdings ganz gut. Nette, für Punk typische Gitarrenriffs, ziehen sich ohne größere Schnörkeleien durch die CD. Demselben Muster fühlt sich scheinbar der Drummer verpflichtet, der ohne Ecken und Kanten das leicht gehobene Midtempo vorgibt. Die Krone wird dem Ganzen durch die beiden Männer verliehen, die das Album durch Flöten- und Dudelsackspiel leicht fröhlich und gemütlich klingen lassen. Dazu sei gesagt, dass tragischerweise der Dudelsackspieler Niko Morh, dem das Album auch gewidmet ist, kurz vor Erscheinen dieses verstarb.Aber selbst in Anbetracht der scheinbar heiteren Stimmung sind die Texte, welche stellenweise denen ihrer Bochumer Kollegen Die Kassierer ähneln, jedoch meiner Meinung nach weit dahinter stehen, nicht immer ganz so trivial, wie man es vermuten würde. So gibt es durchaus ernst Gemeintes, obwohl dies häufig ironisch, teilweise sogar sarkastisch, dargelegt wird. Die Themen der selbsternannten „Ruhrpottschotten“ umspannen einige der größeren Ereignisse bzw. Personen der letzten Jahre: den aktuellen amerikanischen Präsidenten, den Papst- Wechsel, Telefonwerbung oder auch die CDU (inklusive ihrer explizit genannten Bundeskanzlerin). Meine persönlichen Highlights- textlich gesehen- sind jedoch zum einen der Track „Weekendstars“, in dem sich die 7 Jungs selbst als Band feiern und darauf hinweisen, dass sie nun mittlerweile seit 17 Jahren (derzeit dürften es 18 Jahre sein) durch die Gegend touren und eigentlich noch immer keine Stars sind, häufig nur für Spritgeld spielen und sich selbst mal danken möchten. Als zweites wäre hier der Song „55 Plus“ erwähnungswürdig, der darüber handelt, dass die Band die jungen Groupies eigentlich gar nicht mag, sondern eher auf Frauen ab 55 steht. Bei solchen Texten bewundere ich persönlich immer, wie man darauf kommt, so etwas aufzunehmen.Denn diese Lieder sind, soweit man sich darüber amüsieren kann, noch die besten. Alles andere fällt leider, trotz Ansätzen von Politpunk, vermischt mit heiterer und ironischer Grundstimmung etwas mager und teilweise auch sehr albern, manchmal fast peinlich aus. Hier wird George W. Bush mit Hitler verglichen, dort Frau Merkel als spießig hingestellt. Häufig werden Phrasen genutzt, die ebenso alt wie meist auch albern rüberkommen, selbst wenn sie in ein humoristisches Umfeld eingebettet sind. Bands wie Knochenfabrik haben diesen Spagat meiner Meinung nach besser hinbekommen. Nicht nur, dass der Gesang, der dennoch an einigen Stellen einen netten Text hat, schwer zu verstehen ist. Auch das auf Dauer doch ein bisschen einfallslose Spiel der beiden Gitarristen sowie des Schlagzeugs und ganz besonders das über die ganzen 15 Songs der Platte beinahe gleich durchgespielte Midtempo machen es auf längere Zeit etwas zu eintönig, um sich die Scheibe mehrmals anzuhören. Wobei anzumerken bleibt, dass Flöte, Dudelsack und Refrains mit Chören zum Mitgrölen diese Schwachpunkte ein wenig mildern und mit dem Track „Mixed Pickles“ auch mal ein Dudelsacksolo für Abwechslung sorgt.Die Produktion der Platte, die im „Sonic Temple“- Studio auf Mallorca eingespielt wurde, ist dagegen im Allgemeinen ganz gut ausgefallen, von obiger Gesangsabstimmung abgesehen. Ich gehe mal davon aus, dass sich die Qualitäten der Band eher bei einem Live- Auftritt entfalten, da dort durch die Anleihen aus dem Folk und die Chorus- Parts bestimmt Stimmung aufkommt. Dennoch ist „HerrenGedeck“ mit ihren fast 48 Minuten Drehzeit sicherlich ganz gut für den einen oder anderen, der gerne im Sommer auch mal in den Park geht, um eins, zwei leckere Bierchen zu trinken, nicht alles ganz so todernst nimmt. Und wem es so gar nicht gefällt, dem bleibt immer noch die Pommesgabel. Leider nur so gerade noch Mittelmaß.