Die Untoten – Der Gothic Szene auf den Grund gegangen

Die Untoten – Der Gothic Szene auf den Grund gegangen

Gothic Mode bei EMP
Gothic Mode bei EMP *

Die Gothic Szene wird in der Öffentlichkeit auch als Schwarze Szene betitelt. Das ist so nicht richtig. Genau genommen ist die Gothic Szene ein kleiner Bestandteil der Schwarzen Szene. Jene vereint viele, teils stark voneinander abweichende Strömungen.

Will man die Gothic Szene beleuchten, muss man eine Zeitreise zum Beginn der 1980er Jahre unternehmen. Damals entwickelte sich aus einer Mischung von Punk und New Wave eine neue Bewegung, aus der sich die Gothic Szene oder auch Dark Wave Szene entwickelte. Dark Wave deshalb, weil es außer in England keine reine „Gothic-Rock Szene“ gab. In anderen Ländern mischten sich die Anhänger des New Wave unter das Volk, sodass Gothic zu einer Untergruppe des Dark Wave wurde.

Dabei hat die Szene zu keiner Zeit einen hervorstechenden Faible für das Zeitalter der Gotik gehabt. Der Begriff Gothic rührt von der englischen Bezeichnung für die Vorliebe für Düsteres, Schauriges. Was diese Szene zu der Zeit einte, war die Musik – der Gothic-Rock -, die Beschäftigung mit gern verdrängten Themen, wie Tod und Vergänglichkeit und die Betonung der Individualität durch Selbstinszenierung. Individualität ist wohl das hervorstechendste Merkmal dieser Subkultur. Man kann sagen, dass sich hier größtenteils Einzelgänger für Momente zusammenfinden, in denen es um die bevorzugte Musik und ein wenig Philosophie über viele verpönte Themen geht. Vereinigungen, gleich welcher Couleur, finden sich hier nicht.

Wie so häufig schwappte die Bewegung aus England zu uns nach Deutschland. Hierzulande wurden Goths meist Gruftis genannt, in Anlehnung an die Beschäftigung mit dem Tod, der Leichenblässe im Gesicht und der Treffen auf Friedhöfen. Das Streben nach Individualität, als Abkehr von Anpassung an die Gesellschaft, brachte die besondere Form der Selbstinszenierung hervor. Es ist auch anzunehmen, dass daher die Bevorzugung schwarzer Kleidung rührt. Zusammen mit Schmuck, der heidnische Symbole zeigt, und der Faszination für Okkultes, welches wieder aus dem Streben nach der eigenen Individualität rührt, hatte die Szene schnell das Vorurteil an sich haften, Goths würden dem Satanismus frönen. Dem ist und war nicht so. Zwar gab es vereinzelt Friedhofsschändungen. Diese sind jedoch eher auf jugendlichen Leichtsinn zurückzuführen, denn auf die Zugehörigkeit satanistischer Strömungen. Gothic Szene und Satanismus schließen sich schon wegen der Betonung der Individualität bei den Schwarz gewandeten aus.

Wie viele Anhänger die Szene hat, lässt sich nicht feststellen. Das liegt daran, dass die vielen unterschiedlichen Strömungen sich teil- und zeitweise überschneiden. Reine Gothic Veranstaltungen gab es auch so gut wie nicht, da bei solchen Events auch immer das Geld eine Rolle spielt. Auch die hochfrequentierten Festivals der Schwarzen Szene, wie das M'era Luna in Hildesheim, das Bizarre Festival in Berlin oder das Wave-Gothic-Treffen in Leipzig geben keinen Aufschluss, da sich jeweils die Schwarze Szene einfindet. Dazu kommt, dass, versucht wurde, Gothic zu kommerzialisieren. Um das Jahr 2000 erlebte die lange totgesagte Szene eine Renaissance. Was jedoch mit einer Independent Gruppierung begann und den Stücken der Bands wie Siouxsie and the Banshees, Killing Joke, The Cure, Joy Division, oder Christian Death, huldigte, sollte mit einem Mal und La Fee, Pagani und später Unheilig hören. Das drängte die tatsächlichen Goths weiter in den Untergrund. Am lebhaftesten zeichnet sich die Szene im Internet. Hier wird sich über Musik, Kleidung, Veranstaltungen – weltweit – ausgetauscht.

Neben der Tatsache, dass die die Individualität stets hervorgehoben wird, wären da noch die Besonderheit, dass diese Jugendkultur sich bei näherer Betrachtung mitnichten als jugendlich herausstellt. Viele der Anhänger, die in den 80er Jahren die Basis für die Szene geschaffen haben, sind noch heute in ihr verhaftet. Somit ist hier ein Generationen übergeifender Austausch gegeben, den andere Jugendkulturen nicht vorzuweisen haben. Auch am Tanzstil und an seiner Friedfertigkeit erkennt man den echten Grufti.

Gothic bei EMP
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Goths und der Satanismus

Die dunkle Aura der Goths und die häufig getragenen Symbole, die gerne einmal verwechselt werden, haben vor allem in der Vergangenheit dazu geführt, dass Gothics ständig mit dem Satanismus in Verbindung gebracht wurden. Wirft man allerdings einen Blick in die Geschichte, wird man feststellen, dass die wenigsten Fälle von satanistischen Gewaltverbrechen von Goths ausgeführt wurden. Es mag sein, dass sich der Gothic auch für den Satanismus interessiert – doch das tut er höchstens, weil er seinen Horizont erweitern will und intellektuell genug ist, um das Gute aus einem Glaubenssystem herauszufiltern, das er deshalb noch lange nicht vollständig annimmt. Viele Goths sind Atheisten oder Deisten, oder sie gehören einem friedlichen, heidnischen Glauben an; tatsächliche Satanisten sind auch in der schwarzen Szene die absolute Minderheit. Und diejenigen, die es sind, würden niemals einem anderen Lebewesen schaden.

Melancholische Künstler

Goths werden gern als traurige Gestalten gesehen, die sich in Schwarz hüllen, den ganzen Tag nur traurige Gedichte schreiben oder depressive Bilder zeichnen. Die Kunst ist in der Szene durchaus nicht unwichtig, doch sie dient nicht dem Zweck, der Welt mitzuteilen, wenn es einem Anhänger einmal schlecht geht. Vielmehr sieht er sie als sein eigenes Ventil an, das er nutzen kann, um im Privaten mit seinen Gefühlen fertig zu werden. Aus einer traurigen Grundstimmung heraus sind bereits Kunstwerke entstanden, die heute alles andere als belächelt werden: Man denke beispielsweise an die Gedichte des Römers Ovid oder an Die Leiden des jungen Werther – diese Werke wären ohne Trauer niemals entstanden. Gothics kennen in ihrer Kunst zudem weitaus mehr Themen als nur die Trauer; sie setzen sich gerne auch mit der Liebe oder anderen einschneidenden Lebenserfahrungen auseinander. Und damit wollen sie noch nicht einmal Aufmerksamkeit erregen, sie gehen oft sehr bescheiden mit gelungenen Kunstwerken aller Art um. Kunst bedeutet vorrangig die eigene Verarbeitung.

Psychische Probleme sind allgegenwärtig

Der Gothic wird gerne mit psychischen Problemen in Verbindung gebracht. Das Klischee mag mit Teenagern zusammenhängen, die einige Probleme im Leben und im Erwachsenwerden haben und sich zur gleichen Zeit zur Gothic-Szene bekennen. Viele Personen mit schlimmen Erfahrungen im Leben wenden sich ebenfalls an die schwarze Szene, um dort Trost zu finden und ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Allerdings hat nicht jeder Gothic automatisch auch einen psychologisch relevanten Hintergrund. Manche stoßen zur Gothic-Szene, da sie einfach gerne nachdenken und entdecken, dass sie sich lieber schwarz kleiden, anstatt wie jeder andere auszusehen. Außerdem haben auch sehr viele „normale“ Menschen psychische Probleme, gehen aber vielleicht nicht offen genug damit um. Anstatt sich zu ihnen zu bekennen und sich helfen zu lassen, verstecken sie sie lieber – fraglich, welche Strategie die bessere Idee ist.

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Autor: ArchiVader
19.06.2013

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