Dampfmaschine laden zum Grillabend. Ich treffe Sänger Siggy Rock, die Gitarristen Hase und Fitten, Bassist Rave Paulsen und Schlagzeuger Schnalli im Außengehege des Bastard Clubs. Nach dem Verzehr allerlei lecker exotischer Tiere vom Bratrost, nebst einiger herber Kaltgetränke, kann das ausführliche Gespräch starten. Ich habe natürlich an alles gedacht, bis auf die Batterien für das Aufnahmegerät. An dieser Stelle möchte ich Andre vom Internetradio Rautemusik (unbedingt mal reinhören) noch mal meinen herzlichsten Dank aussprechen, der mir freundlicherweise seinen Aufzeichnungsapparat zur Verfügung gestellt hat.

Der Informationsoverkill ließ den Interviewwanst in Stücke bersten, also servieren wir euch den Kladderadatsch in drei Teilen.


OM: Ihr habt mit den Ärzten gespielt, vor knapp 60000 Leuten an zwei Tagen in Linz. Wie habt ihr das wahrgenommen und was hattet ihr für einen Eindruck wie euch das Publikum wahrgenommen hat?

Schnalli: Wir waren schon ziemlich überrascht als das Management anrief. Das war schon cool. Wir hatten das erst aufgefasst als guten Supportslot, in irgendeiner Turnhalle vor vier- fünftausend Leuten. Dann hat man im Internet nachgeschaut und da war’s dieses EM-Stadion in Österreich, wo bei Konzerten Kapazitäten von bis zu 35000 Leuten sind. Da fährst du mit deinem kleinen Bulli durch dieses riesige Stadion. Riesenbühne, da stehen zwanzig Stagehands die deine Koffer rausholen. Man muss sagen, da kriegst du gar keinen richtigen Schiss oder so ’ne Aufregung, weil das alles so locker war. Das war das, was mir als erstes dort aufgefallen war. Es war ’ne lockerere Produktion als wenn ich hier oben ein fünfzig Mann Konzert mache. Jeder wusste wo was auch immer hinkommt, jeder wusste wer für wen zuständig ist. Wir selbst sind da auch vorsichtig rangegangen, weil Die Ärzte nun keine Band sind, die jeden Abend nur vor dreißig Leuten spielt. Aber es wurde cool angenommen. Die sind auf uns zugekommen: „Geile Platte, blablabla!“ Es waren einfach zwei unvergessliche Tage. Am ersten Tag waren es irgendwie 24000 oder 25000, am zweiten waren 35000 oder so da. Das war Wahnsinn. 95% hatten das noch nie gehört, gelesen, was auch immer. Das bekam man vorab auch im Gästebuch der Ärzte schon mit: „Was haben die da denn jetzt schon wieder für ’ne Band, was ist das denn jetzt, Dampfmaschine?“ Also ich würde sagen, das Publikum hat’s gut aufgenommen.

OM: Habt ihr das selber wahrgenommen, dass da so viele Leute stehen?

Schnalli: Zwanzig Minuten vor der Show waren wir sehr aufgeregt. Aber dann, besonders weil wir natürlich auch im Hellen gespielt haben, da siehst du natürlich viel mehr als wenn dir da irgendwelche Latüchten in die Fresse ballern, wenn du abends um elf auf der Bühne stehst. Aber das war schon cool. Das war einfach wirklich ein geiles Ding, ich könnte das gerne jedes Wochenende machen. Ich glaube von allen Seiten wurde das positiv aufgenommen. Ich habe das ja gelesen im Gästebuch danach. Einige schrieben: „Was war das denn für ’ne Scheiße?“ Und einige schrieben eben: „Der absolute Hammer!“ Und das macht mich persönlich und ich glaube auch die Band…

Fitten: „Ich hatte einen Albtraum von der Kimme des Sängers.“ Das hat ein kleines Mädchen geschrieben.

Schnalli: Ich persönlich finde das geiler als wenn die schreiben würden: „Die haben auch gespielt.“ Also entweder sollen die das auch richtig scheiße finden, weil dann interessieren sich ja die Leute auch eher dafür: „Sind die wirklich scheiße? Machen die wirklich Müll?“ Danach kannst du eben sagen: „Och, die waren doch ganz cool, was hattet ihr denn?“ Oder die sagen eben: „Stimmt, das ist ja wirklich der totale Müll, was die da machen.“

Hase: Das hat schon was gebracht. Da haste dann auch Leute mit gezogen.

OM: Ihr geht jetzt wieder auf Tour. In Osnabrück ist natürlich ausverkauft. Ist die Nachfrage allgemein gestiegen?

Schnalli: Die Nachfrage ist ja da. Das Ding ist, wir kriegen das beruflich einfach nicht gebacken. Wir können jetzt keine 60, 70, 80 Shows im Jahr spielen.

OM: Aber ihr könntet.

Schnalli: Ja, das schon.

OM: Also ist die Nachfrage gestiegen seit dem letzten Album?

Siggy Rock: Auf jeden Fall.

Schnalli: Ja, das auf jeden Fall. Also letztes Jahr haben wir bestimmt 12, 13, 14 Shows gecancelt…

Siggy Rock: Das Witzige ist, was ein Bisschen falsch gelaufen ist bei der ganzen Good Witch zu Dampfmaschine Geschichte. Ich glaub‘ es haben einfach noch viele Leute, die Good Witch geil finden, noch immer nicht so richtig geschnallt, dass es jetzt immer Dampfmaschine ist, dass es die gleiche Band ist. Aber egal, seit der „I Love My Body“, muss man ganz klar sagen, läuft’s viel besser. Es läuft so gut wie vorher nie.

Schnalli: Also wir haben acht Jahre Good Witch gemacht und es waren tolle Highlights dabei. Eine Tour mit Mastodon, solche Sachen. Was uns eben auch gewundert hat, warum Mastodon unseren Kram ausgesucht haben, Good Witch damals. Da meinten die: „Was soll man an so einem Abend mit ’ner zweiten Prog-Metal-Kapelle?! Das machen wir ja selber schon..“ Das fand ich irgendwo ganz cool. Es gab geile Sachen damals, auch die Unterstützung die wir von Smoke Blow bekommen haben bei der ersten Platte, solche Sachen. Unser erster Labelchef Andreas Kohl, der früher bei Visions war, der Kanzler, der war auch total Fan. Und das ist ein richtig geiler Musik-Freak gewesen der Vogel. Und der hat uns megaviel unterstützt. Ein Bisschen wie der Schröder, nur völlig anderer Typ. Der Schröder kennt uns zehn Jahre, der hat uns sehr oft live gesehen, findet das gut. Für uns ist es eine persönliche Geschichte. Das ist zwanzig Minuten von hier, schon sind wir da und sagen: „Hör mal, wir könnten ja noch das und das machen und was ist denn da und damit?“ Das hat uns vorher eben gefehlt.

OM: Es gibt eine interessante Live-Kritik aus der Rock Hard zu Good Witch-Zeiten. Ihr sollt angeblich total besoffen gewesen sein…

Siggy Rock: Da haben wir ’n richtigen Verriss gekriegt.

Schnalli: Aber richtig. Das war Buffo, der Manager von Tankard. Der kommt jetzt hier nächsten Monat wieder hin, dann kriegt der von uns erst mal einen drauf. Der Typ der ist bei AOK, was ja wirklich sagen wir mal die voll alkoholisierte Version von Dampfmaschine ist. Da fand ich das dann auch natürlich sehr amüsant, dass man das dann irgendwie so sieht. Es gab einmal die Geschichte mit dem Review, was eben sehr lustig war. Der kam auf unsere Show schon nicht klar. Wir waren stocknüchtern. Sunride, mit denen wir auf Tour waren, die haben einen Bulli mitgehabt. Als die Tour anfing sah der schon so aus, als würde der morgen kaputt gehen. Und das passierte eben genau an dem Tag, auf dem Weg von Saarbrücken nach Frankfurt. Wir sind irgendwie eine halbe Stunde vor der Show angekommen, waren alle stocknüchtern, haben unsere Show da durchgezogen…

Hase: Da war natürlich auch nichts los.

Schnalli: Und er stand da eben und steht persönlich halt nur auf den puren Stoner Rock, und dann kommen wir mit unserer Hibbelgeschichte da an und da kam er eben nicht drauf klar. Aber solche Reviews, warum nicht? Manchmal gibt’s Überraschungen, dass selbst irgendein Black Metal Magazin uns irgendwie 12 von 15 Punkten gibt.

Siggy Rock: Jetzt bei „Bete zur Maschine“, im Classic Rock kriegen wir auch ’ne gute Bewertung.

Schnalli: Im Classic Rock Magazin irgendwie acht von zehn Punkten. Man muss es immer rallen. Entweder denken die wir wären irgendwelche komischen Affen, die sich irgendwie zum Horst machen, oder wir nehmen das schon ernst was wir machen…

OM: Aber ihr klingt ja auch schon nach komischen Affen.

Schnalli: Ja, das ist ja auch gut. Man muss ja nicht alles ernst nehmen. Es gibt ja genug ernsthafte Studentenkapellen.

OM: Das ist ja auch ein Riesenkompliment, wenn euch die Leute nicht einordnen können.

Schnalli: Das ist schon das größte Kompliment das wir in den letzten Jahren hatten.

Siggy Rock: Da reiht sich so ein Teil ans andere und es passt ja eigentlich wenig so wirklich zusammen, wenn man mal ehrlich ist. Und das macht ja den Charme aus, weil wir natürlich schon ’ne sehr gut eingespielte Truppe sind und können da eigentlich mit vielen Sachen, die vielleicht fremd sind, echt ganz gut umgehen. Das kompensieren wir sowieso durch… zusammen einfach. Hase und ich machen seit keine Ahnung wie viel Jahren Musik.

OM: Der NOZ wolltet ihr nicht verraten wie der Name eurer ersten Band hieß.

Siggy Rock: Haben wir vergessen leider.

Schnalli: Das weiß ich auch noch nicht. Ich war ganz überrascht, als ich gehört hab‘, dass die eigentlich schon seit ’93 miteinander am Fummeln sind.

OM: Von meiner Seite wär’s das soweit. Wollt ihr noch irgendwas loswerden?

Rave Paulsen: Wir müssen alle Fiesen killen.

Schnalli: Was müssen wir?

Rave Paulsen: Wir müssen alle Fiesen killen.

Schnalli: Fiesen killen?

Rave Paulsen: Kennste das nicht? Das ist ein schönes Buch von Boris Vian.

Hase: Du liest?

Schnalli: Du liest?

Rave Paulsen: Trotzdem, kann ich nur empfehlen.

Fitten: Ja nee, sonst gibt’s nix zu sagen.

OM: Vielen Dank!

http://www.amazon.de/werden-Fiesen-killen-amerikanischer-Roman/dp/3803124069

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen