OM: Hallo Markus von Crematory und vielen Dank für deine Zeit!

Ihr gehört zum Bekanntesten, was die deutsche Gothic-Metal-Szene zu exportieren hat.

Seit 1991 habt ihr euch immer weiterentwickelt und neue Einflüsse in eure Musik aufgenommen. Wie kommt es zu diesen Einflüssen?

Markus: Hallo erst mal Sarah und danke für dein Interesse an Crematory!

15 Jahre sind wirklich eine lange Zeit, aber manchmal fällt einem überhaupt nicht auf wie schnell die Zeit wirklich vergeht. Der Crematory-Sound lebt in der Tat von den Einflüssen der einzelnen Geschmäcker der Musiker. Felix steht vornehmlich auf Death/Black Metal und Gothic-Mucke, Matze auf progressiven Power Metal/Thrash, Harald auf EBM, Katrin mag Chartsmusik und ich stehe auf Dancefloor-Zeugs. Bei uns macht es einfach die Mischung und je nachdem wessen Idee gerade beim Songwriting bevorzugt wird so klingt dann hinterher auch der Song.

OM: Gehen euch nach 15 Jahren Bandgeschichte nicht langsam die Ideen und Inspirationen aus?

Markus: Naja, man muß sich in der Tat immer wieder neu erfinden. Aber da sich auch die Musik um einen herum ändert, gehen einem auch nie die Inspirationsquellen aus. Zudem haben wir uns ja vor ‚Revolution’ genau deshalb eine dreijährige Auszeit genommen, um den Kreativ-Akku wieder aufzutanken. Manchen Bands nehmen sich einfach 5 Jahre Zeit zwischen zwei Alben – das wäre nun wiederum nicht unser Ding.

OM: Nun brachtet ihr am 04.08.2006 euer neues Album „Klagebilder“ heraus. Welche Erwartungen habt ihr an das Album und den Release?

Markus: Das Album ist gerade auf Position 66 der deutschen Albumcharts eingestiegen – das ist für die heutige Zeit, mit einem deutschsprachigen Rockalbum ein großer Erfolg. Es ist heutzutage unheimlich schwierig eine gute Vorabpromotion zu machen, wenn man praktisch nichts hörbares mehr verschicken kann. Wir hatten für ganz Europa 30 Exemplare, die an handverlesene Pressepartner gingen – anders kann man die Gefahr durch illegale Dowloads nicht eindämmen. Wir erwarten mit diesem Release endlich sämtliche Voruteile, die die Fans dort draußen gegen Crematory haben einerseits zu bestätigen und andererseits zu entkräften – so wie es jeder gerade braucht, haha.

OM: Wie kam zu dem Titel?

Markus: Mein Favorit wäre ‚Höllenbrand’ gewesen. Felix kam dann mit ‚Klagebilder’ an – damit konnte ich zuerst gar nicht anfangen. Aber da wir eine demokratische Band sind, habe ich mich dann überzeugen lassen, dass dieser Titel ziemlich außergewöhnlich ist – vor allem sehr metaphernreich.

Da kann jeder selbst seinen Geist schweifen lassen und hineininterpretieren was er will.

OM: Track 04 von „Klagebilder“ heißt „kein Liebeslied“. Ein recht ungewöhnlicher aber interessanter und meiner Meinung nach vor allem ein herausstechender Titel. Deswegen erlaube die Frage: Worum geht es in diesem Song?

Markus: ‚Kein Liebelied’ ist auch musikalisch sehr ungewöhnlich für uns – sehr melodiös und melancholisch. Wie in allen Texten verarbeitet Felix da sehr intime Erlebnisse von Wut, Aggression, Schmerz und Sex. Er teilt das explizit auch sehr ungern mit, um was es darin genau geht – da soll eben Interpretationsspielraum sein. Grundsätzlich drehen sich die Lyrics immer um alltägliche Dinge, die dir und mir widerfahren können. So kann sich der Hörer vielleicht damit identifizieren und seine Probleme auf diese Art bewältigen. Wenn wir dazu beitragen könnten, würde uns das sehr freuen.

OM: Verarbeitet ihr im neuen Album eigene, persönliche Erfahrungen? Welches Lied spiegelt euch selbst am meisten wieder?

Eigentlich ausschließlich, wie gerade gesagt!

Puh, das ist schwer. Erstens denke ich, dass da jeder einen anderen Song nennen würde, der sich dann auch noch je nach Stimmungslage ändert. Für mich persönlich ist es derzeit ‚Die Abrechnung’, der Opener von ‚Klagebilder’ – das spiegelt meine Gefühle ganz gut wieder.

OM: Welchen Track könnt ihr unseren Lesern besonders ans Herz legen?

Markus: Das von dir bereits erwähnte ‚Kein Liebeslied’, ‚Die Abrechnung’, ‚Höllenbrand’, ‚Nie wieder’ und vor allem das atmosphärische, von Matze gesungene ‚Spiegel meiner Seele’.

OM: Nach euren Angaben wolltet ihr mit „Klagebilder“ noch eine „Schippe drauflegen“ um eure Erfolgs-Alben „Revolution“ oder auch „Act Seven“ zu übertreffen. Wie seid ihr mit diesem Erfolgsdruck umgegangen?

Maks: Man muß den Druck ignorieren. Vor allem setzt das was du meinst ja voraus, dass der Druck von außen größer ist, als der Druck den man sich selbst macht. Zudem ist es eine Sache der Definition: was heißt für dich ‚eine Schippe drauflegen’? Heißt es für dich das gleiche wie für mich? Für mich bedeutet es, sich in vielen Bereichen zu verbessern und Schwachstellen zu erkennen und auszumerzen. ‚Klagebilder’ hat eine bessere Produktion, fettere Gitarren und vor allem viel bessere Vocals und melodiösere Refrains, als alle Platten, die wir zuvor gemacht haben – ich sage immer: die Power von Rammstein, mit den Melodien von Tokio Hotel, haha.

OM: Es heißt, dass ihr euch für „Klagebilder“ eine Überraschung habt einfallen lassen. Mögt ihr euren Fans einen kleinen Tipp diesbezüglich geben?

Markus: Es gab ja eigentlich 2 kleine Überraschungen. Die Meldung ist ja auch ein bisschen älter. Es war lange ein Geheimnis, dass es wieder eine ‚deutsches’ Album werden würde. Außerdem liegt dem limitierten Boxset, welches zeitgleich mit der normalen CD erscheint, eine exklusive Remix-CD aller neuen Stücke bei.

OM: Du hast ja eine Tochter mit Kathrin, die Janina. Wie vereint ihr Familie und Musikkarriere?

Markus: Das frage ich mich jeden Tag, haha. Katrin ist immer für Janina da und ich immer wenn es der Job zulässt. Und wenn der es nicht zulässt, muss man sich die Zeit trotzdem nehmen. Janina ist bei allen Konzerten mit von der Partie. Da leisten wir uns den Luxus eines Babysitters, der ebenfalls mit uns mitfährt und während der Show mit Janina im Hotelzimmer bleibt und auf sie aufpasst.

Rock’n’Roll und Kinder – das funktioniert. Man muss es nur ein bisschen anders arrangieren.

OM: Wie sieht es bei Felix, Matthias und Harald aus, kommt deren Privatleben durch die Musik zu kurz?

Markus: Auch wenn ich mal wieder für die anderen spreche :-): Crematory sind nach wie vor eine Hobby-Band. Alle haben ihren Job, der ihnen den Lebensunterhalt sichern. Felix’ Privatleben ist eng mit der Musik verknüpft, Matze spielt privat ebenfalls in anderen Bands und Harald hat ja auch Nachwuchs bekommen – also bei uns allen ist da alles im grünen Bereich.

OM: Ihr spielt nun schon seit 7 Jahren in der heutigen Bandkonstellation. Gibt es da nicht manchmal Stress untereinander? Was sind zum Beispiel typische Streitthemen?

Markus: Du meinst wie in einer guten Ehe, haha. Klar gibt es manchmal Stress. Crematory besteht aus fünf Dickköpfen mit sehr unterschiedlichen Ansichten – da muss es Reibungspunkte geben. Daraus entsteht übrigens auch wieder kreative Energie, wenn einer dem anderen etwas beweisen will.

Typische Streitthemen, hmm. Die Setlist ist immer so ein klassisches Thema. Da will jeder etwas anderes spielen und irgendwie können wir uns immer erst 5 Minuten vor dem Auftritt einigen, welche Songs wir nun schlussendlich performen.

OM: Könnt ihr noch heute -nach so langer Zeit- sagen was euer ganz persönlicher größter Moment bei Crematory war?

Markus: Natürlich der erste Plattenvertrag. Damals hatten wir noch keine Ahnung was für ein Haifischbecken die Musikszene ist. Und dann natürlich der Release von ‚Act Seven’ – viele hatten uns abgeschrieben als uns Lotte verlassen hatte. Da war es umso geiler zu sehen wie gut ‚Act Seven’ funktionierte und immerhin ist die Platte ja auch die Geburtsstunde der heutigen Crematory.

OM: Am 15.7. habt ihr das „Römerstein Open-Air“ geheadlined. Welche Eindrücke habt ihr von da mitgenommen?

Markus: Genaugenommen haben ja Brainstorm geheadlined :-).

Das war ein schnuckeliges Open Air, gut organisiert, das aufgrund der brütenden Hitze aber trotzdem gern ein paar Zuschauer mehr verdient gehabt hätte.

OM: Ihr habt bei dem Gig einen sehr sympathischen Eindruck hinterlassen, sowohl auf, wie auch hinter der Bühne. Was ist euer Rezept, um nach so langer und vor allem höchst erfolgreicher Musikkarriere nicht den „Star raushängen zu lassen“, wie es doch leider bei vielen Bands der Fall ist?

Markus: Wir sind so wie wir sind, Sarah. Wir haben auch unsere Eigenheiten und Ansprüche. Doch das wir immer im Vorfeld einer Show geklärt. Ist vor Ort dann alles so wie vereinbart sind wir immer entspannt und zufrieden. Auch wir können sehr ungemütlich werden, wenn man mit uns Schlitten fahren will. Ansonsten müssen wir uns ja nicht für jemand ausgeben, der wir nicht sind. Unsere Art ist sehr direkt, da kommen zwar viele Leute nicht mit klar, aber Rheinhessen und Kurpfälzer tragen nun mal ihr Herz auf der Zunge.

OM: 1994 wurden zu „Shadows Of Mine“ und „In My Hands“ 2 Videoclips gedreht. Ich stell mir das sehr spannend vor. Wie war das, als ihr euch das erste Mal auf MTV oder VIVA gesehen habt?

Markus: Damals haben die so was wenigstens noch gespielt, haha.

Selbst das neue Lordi-Video wurde ja angeblich von den Musiksendern abgelehnt – und erfolgreicher als die Jungs kann man momentan ja wohl kaum sein. Das sagt alles. Damals war das geil – da denkst du, dass du es geschafft hast und Rockstar wirst – das hat ja nur bedingt hingehauen 🙂

OM: Habt ihr noch Wünsche für die Zukunft?

Markus: Rockstar werden :-)!

Das größte Gut ist die Gesundheit – und die Wünsche ich uns allen.

Und vielleicht eine kalte Coke Zero mit Eis, haha.

OM: OK, sollte doch alles zu realisieren sein! 🙂 Vielen Dank Markus, für deine Zeit, und viel Erfolg noch weiterhin!

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