OM: Um mal ganz aktuell anzufangen: Euer Album „Zeit ist Gift“ ist ja seit dem 14. November erhältlich. Wisst ihr schon etwa, wie erfolgreich ihr damit seid?

Matze: Erste Zahlen kriegen wir Anfang April, denk ich. Es sieht bisher eigentlich ganz ordentlich aus. Die Erwartungen waren nicht so hoch, aber ich denke, die packen wir.

OM: Und wie kommt jetzt der Titel “Zeit ist Gift“ zustande? Welche Aussage hat das für euch?

Matze: Wir haben so lange dran gesessen! Es wurde endlich einmal Zeit für einen Einschnitt und es hat uns halt irgendwo auch gebremst die ganze Zeit. Und jetzt mit dem neuen Album ist der Kopf wieder frei, es wird wieder mehr live gespielt, neues Material entsteht. Stefan ist dabei – es geht einfach wieder nach vorne. Es war eben eine Bremse, die ganze Zeit, die es benötigt hat.

Matthik: Zum Anderen hat es aber auch – es ist ja auch wieder ironisch oder doppeldeutig wie so vieles bei uns – natürlich auch inhaltlich einen Bezug zu den Texten.

Denn was bedeutet „Zeit ist Gift“? Das bedeutet, dass zu viel Zeit, die man nicht richtig nutzt, tatsächlich giftig ist, den Menschen zerstören kann. Und da denk ich zum Beispiel auch an die ganzen 0-8-15 – Parolendrescher-„Bands“. „Ich brauch keine sinnvolle Beschäftigung, brauch nichts zu arbeiten, ich kann den ganzen Tag Bier trinken und aus dem Fenster gucken“ – das zerstört Menschen, sie entwickeln sich zu Soziopathen. Und wenn man sich das auf der Platte anschaut, dann wird man schon den einen oder anderen Verweis dazu finden.

Ein schöner Hinweis wäre schon der Song „Zeitvertreib“, weil der alles andere als ein lustiges Lied á la „Ich will mir doch nur meine Zeit vertreiben“ ist, er ist genau das Gegenteil. Aber man muss schon genau hinhören.

OM: Ich habe irgendwo gelesen, wie eure Musik als „Punk der kritischen Vernunft“ bezeichnet. Könnt ihr euch erklären, wie und mit welcher Berechtigung das zustande kommt?

Matthik: Also bei dem Ausdruck „Punk der kritischen Vernunft“ denke ich erst einmal an Immanuel Kant, mit dem ich aber ansonsten gar nichts zu tun haben will.

Und zu „kritisch“ und „vernünftig“: als kritisch würde ich es bezeichnen, was wir machen. Ob das vernünftig ist, das ist etwas anders

Matze: Das eher nicht – und Punk ist es auch nicht wirklich.

Matthik: Aber die Frage kommt bestimmt auch noch?

OM: Sehr richtig. Und wenn wir gerade dabei sind, könnt ihr es ja gleich einmal verraten: Seht ihr euch als Punks?

Stefan: Ich bin’s nicht!

Matze: Ich brauch auch keine Schublade für etwas und ich muss auch nicht irgend etwas entsprechen, ich muss keiner Gruppe entsprechen, um das tun zu können, worauf ich Bock hab.

Das ist ja das Trauerspiel bei so vielen Bands, das krieg ich ja in meinem Studio ganz genau mit. Die sagen: „Das muss aber Punk sein weil wir und darüber identifizieren und dementsprechend ist dann das, was da passiert, bei den meisten Bands vorgegeben durch die Schublade, in die sie sich stecken und stecken lassen. Wir brechen da ein bisschen aus und für viele Leute ist „Punk“ dann ein Behelf, um uns einzuordnen.

Mathik: Ich überleg noch.

OM: Was ist eure Musik denn für euch?

Matze: Das ist Rockmusik.

Matthik: Das ist und bleibt Deutschrock. Es ist Krautrock. Vielleicht ist es Hochgeschwindigkeitsdeutschrock. Aber auf jeden Fall ist es sehr schnelle Musik, die wütend daherkommt.

Matze: Das Problem ist nur, wenn du sagst Deutschrock, dann wirst du gleich wieder mit anderen Deutschrockbands verglichen, die dieses Klischee erfüllen. Genauso ist es, wenn du sagst. Du machst Punk, dann wirst du mit allen Punkbands verglichen. Das Problem ist nicht die Einordnung in Schubladen, sondern die Enge dieser Laden. Die Zuordnung als solche sehe ich nicht kritisch. Ich kann auch damit leben, wenn jemand sagt, wir machen Punk, wenn er dann nicht erwartet, dass wir die Art von Punk machen, die all die anderen Punkbands machen, die er da einordnet.

OM: Was haltet ihr denn von „Punk“ heutzutage und dem, was als „Punk“ bezeichnet wird?

Matze: Wenn ich mir das anschaue, was Anfang der 80er hier angefangen hat in Deutschland, etwa in Hamburg und Berlin, als es nicht trennbar war: Ne Punkszene, ne Alternativszene, eine Hausbesetzerszene, eine Autonomenszene. Das waren Leute, die hatten noch Ideale, die hatten Inhalte und Ziele. Mittlerweile ist die Schulbade nicht mehr AntiFa, Autonom und Punk, mittlerweile heißt diese Schublade Punk und Oi! Und da heißt es dann ficken und saufen. Und das ist auf jeden Fall nicht unser Ding!

Matthik: Es ist mir immer rätselhaft gewesen, dass der Begriff Punk, der für eine Jugendbewegung und für eine Abspaltung einer Jugendbewegung eingesetzt wurde, dass der plötzlich zu einem Musikgenre geworden ist. Das hab ich bis heute nicht verstanden, vielleicht kann es mir irgendwann irgendwer irgendwo mal erklären. Es ist eine ablehnende Jugendbewegung geworden, genau wie die 68er – Bewegung eine gewesen ist. Nur logischerweise gibt es keine 68er – Musik. Was soll das sein? Die Bewegung hatte ja politisch-soziale Inhalte und genauso ist es mit dem Punk.

Wenn man das Credo von einem meiner zumindest musikalischen und textlichen Vorbilder zu Grunde legt, nämlich von Yellow Biafra von den Dead Kennedys, der gesagt hat: „Punk means thinking for yourself“. Mehr nicht! Dann kann ich mich damit identifizieren und das was wir machen, mögen die Leute Punk nennen, wenn sie es wollen. Nach dieser Definition ist es keiner. Wir tun das, was wir machen, weil wir es gut finden, und das machen wir auch sehr ehrlich. Und wie es genannt wird und in welche Schubladen es gepresst werden soll von der offenbar gar nicht mal sooo sonderlich toleranten Punkszene in Deutschland – das soll mir recht sein.

OM: Nochmal zurück zu eurem Album respektive euer Musik: Wer zeichnet denn nun für die Texte verantwortlich und mit welcher Motivation werden die geschreiben?

Matthik: Letztendlich wird kein Text veröffentlicht, den nicht alle Bandmitglieder irgendwo okay finden. Auf der jetzigen Scheibe sind die meisten Texte von mir und ähm…

Stefan: Deine Motivation noch!

Matthik: Da denke ich gerade drüber nach. Das ist im Grunde ein Prozess. Es klingt eigentlich ganz witzig, wenn man sagt, die Motivation entspringt einem Prozess oder einer Lähmung heraus.

Ich schreibe Texte niemals dann, wenn ich gute Laune habe und wenn es mir gut geht.

Ich schreibe Texte, wenn ich zum Beispiel die Nachrichten gesehen habe oder den Weltspiegel in der Zeitung gelesen habe. Dann schreibe ich Texte, weil das sehr reale Horrorshow ist, was man da mitbekommt. Und es ist sicherlich manchmal schwierig zu verstehen, aber wer sich ein bisschen die Mühe macht und versucht, hinter die Bilder zu steigen, die in den Texten liegen, der wird darauf kommen, was damit gemeint ist. Und da gebe ich auch keine Tipps.

OM: welchen Stellenwert nehmen damit die Texte für eure Musik ein? Habt ihr sie nur, weil ihr Texte braucht, oder sind die Texte euer Hauptanliegen?

Matze: Die Texte sind enorm viel wichtiger, die Musik unterstütz sie nur. Also die Message kommt über den Text und die Musik macht die Atmosphäre dazu.

OM: Dann dient eure Band also lediglich dazu, eure bzw. Matthiks Texte der Welt mitzuteilen?

Stefan: Das ist auf jeden Fall eine der Leistungen, die diese Band vollbringt.

Matze: Das ist ein Teil des Ganzen. Sicherlich nicht nur, aber die Stücke ohne Gesang sind einfach nicht mehr die Selben Stücke. Das ist eine Einheit und das ist auch untrennbar. Genauso wie die Texte, ohne Musik gelesen, möglicherweise leicht verlieren würden, genauso würde die Musik ganz deutlich verlieren ohne den Gesang, ohne die Texte.

Matthik: Die brauchen sich schon gegenseitig!

Der Stellenwert der Texte ist aber nicht so zu verstehen, dass wir unsere Botschaft, die in den Texten zu finden ist, der Welt unbedingt als neue Wahrheit verkaufen müssen. Wer darin etwas entdecken will, der kann es auch tun, und wer darin etwas ganz anderes entdeckt als das, was eigentlich gemeint war, dann ist das für mich absolut in Ordnung. Man soll sich seine eigene Geschichte ausdenken, sich selber überlegen: „Was bedeutet das für mich?“

Matze: Es geht auf jeden Fall darum, uns auszudrücken, und da spielt es primär erst mal keine Rolle, ob es dabei um unsere Musik oder die Texte geht. Das ist der Ausdruck, und der findet sich in beidem.

OM: Habt ihr Vorbilder, von denen ihr euch beeinflusst seht?

Stefan: Vorbilder? Würd’ ich nicht sagen.

Matze: Das einzige legitime Vorbild, was ich mir vorstelle, ist das, was wir in zehn Jahren machen. Das ist das, wo ich hinkommen will, das ist die Idee, die ich dabei hab. Und ich seh’ jetzt keine andere Band oder keinen anderen Künstler, wo ich mir sage: Ich will so sein wie die, ich will so klingen wie dieser oder jener, sondern ich will dieser Idee nach, diesem Ideal, was ich davon hab, wie wir in zehn oder zwanzig Jahren klingen.

Matthik: Ich glaube auch nicht, dass man in der Musik von uns irgendwelche Versatzstücke findet, die sehr stark an andere Bands erinnern. Das sind fast immer Produktions- und Soundgeschichten, was die Leute an andere Bands denken lässt. Aber dass wir sehr von einer bestimmten Band oder von einem Künstler beeinflusst sind, das ist sicherlich nicht der Fall. Ich persönlich bin zum Beispiel immer wieder, und dass mag für viele lustig klingen, aber ich bin immer wieder fasziniert von der Energie, die Beethoven in seine Stücke gepackt hat und die aus der Musik dann auch entsteht. Und das ist, was unsere Stücke angeht, sicherlich eines der wichtigsten Elemente: Energie.

Und wir haben uns auch wirklich niemals Gedanken darüber gemacht, für welche Zielgruppe unsere Musik ist. Die findet sich bei Konzerten. Was die Zielgruppe wird, das ist eine sehr langsame, aber sehr stetige Entwicklung. Die Zielgruppe wird immer bunter, und damit mein ich nicht nur die Haarfärbung, damit meine ich auch das Alter und damit meine ich auch, dass zunehmend mehr Leute zu Konzerten kommen, die ihre Individualität nicht in Form einer Lederjacke mit Nieten an der Garderobe abgegeben haben. Insofern wird es bunter, es ist durchmischter, das Publikum.

OM: Auf eurer Website, www.Morgentot.de, habe ich mit Überraschung gelesen, dass ich schon Veröffentlichungen auf Samplern in Japan hattet, das war sehr überraschend für mich. Könnt ihr erklären, wie ihr da ran gekommen seid?

Matze: Das liegt an einem Sampler, der in Deutschland gefertigt, aber international vertrieben wurde, dabei ging es um Coverstücke. Wir haben „Layla“ von Eric Clapton gecovert, und dann kam ein japanisches Label auf die Idee, auch so etwas zu machen. Die haben dann die Bands von dem ersten Sampler angeschrieben und dann eine eigene Zusammenstellung gemacht, die hieß dann „Punk it!“ und da waren halt ausschließlich schnellere Coverstücke darauf. Da haben wir dann „Layla“ veröffentlicht und nachdem drei oder vier Teile herausgekommen sind, gab es dann eine „Best of“, auf der wir dann auch vertreten waren – und das interessanterweise auch sehr viel weiter vorne.

Stefan: Wir haben sozusagen noch keine Fuß in die japanische Tür bekommen, aber die Tür ist bereits einen Spalt aufgegangen…

OM: .. was zunächst aber doch schon relativ erstaunlich scheint. Gibt es in Japan einen Markt für deutsche und deutschsprachige Musik?

Matze: Die Japaner haben auf jeden Fall immer in großen Mengen deutschen Metal importiert, das war eigentlich immer schon ganz riesig, wenn ich an Helloween oder an Grave Digger denke. Die Japaner stehen, glaube ich, insbesondere und gerade auf das deutsche Zeug. Obwohl das ja unsere einzige Veröffentlichung auf Englisch ist. (Gelächter)

Matthik: Wir wollen’s den Japanern auch nicht zu leicht machen 😉

OM: Zur Zeit seid ihr ja zwar nicht in Japan, aber auf diversen Auftritten unterwegs, vor allem auch viel mit Zaunpfahl, wie auch kürzlich im Osnabrücker Ostbunker. Habt ihr eine besondere Verbindung zu denen?

Matze: Wir haben vor sieben oder acht Jahren angefangen, einige Wochenenden zusammen mit Zaunpfahl zu spielen, daraus ist dann im Lauf der Zeit auch eine Freundschaft gewachsen. Die haben ja letztens ihr Album aufgenommen, und weil die dazu gerade da waren, haben wir uns überlegt, dass wir mal wieder zusammen spielen in Osnabrück. Als Revanche gibt es jetzt ein paar Sachen im Osten, und ich denke, dass wir gerade in der nächsten Zeit wieder sehr viel mehr miteinander spielen werden.

Matthik: Wir haben halt bis zur Veröffentlichung des Albums relativ wenig live gespielt und uns auch recht wenig um Konzerte bemüht, und das wird sich jetzt rapide wieder ändern.

Das war eigentlich eine Zufallsbekanntschaft mit Zaunpfahl, und irgendwie trifft man sich bei diversen Festivals ja doch immer wieder, und am Ende von langen Nächten waren wir halt immer diejenigen, die immer noch am Tisch saßen. Denn Zaunpfahl sehen ihre Aufgabe als Musiker auch nicht darin, sich erst einmal ordentlich zuzuschütten, und so blieben wir dann übrig als die nicht ganz so Versoffenen. Die trafen sich dann am Ende einer langen Nacht morgens beim Frühstück wieder und konnten noch sprechen – so kam das eigentlich.

OM: Auftreten in Osnabrück tut ihr aber relativ selten, kann das sein? Woran liegt das?

Matze: Also in Osnabrück haben wir relativ viel gespielt in letzter Zeit, aber die Resonanz in Osnabrück ist immer eher schlechter als in anderen Städten und wir haben 98/99 den Fehler gemacht, drei oder vier mal in Osnabrück zu spielen und danach hat man erst mal die nächsten Jahre Ruhe! Selbst wenn das Jahre her ist, dass du zu viel in der selben Stadt gespielt hast, werden die Leute nicht hingehen, weil es dann heißt „Schon wieder“, auch wenn die Band 5 Jahre nicht da war. Wenn es was Schönes gibt, machen wir das, aber dass wir das massiv suchen, das ist nicht der Fall.

Matthik: Wir haben viel Spaß daran, in andere Städte zu fahren und andere Leute kennen zu lernen. Wir werden auf jeden Fall wieder verschärft nicht nur im norddeutschen Raum präsent sein in diesem und vor allem auch im nächsten Jahr, aber nicht unbedingt hier in der Gegend.

OM: Was haltet ihr generell hier von der lokalen Musiklandschaft?

Matze: Potential ist da. Läden sind auch. Publikum wäre auch da, wenn die Osnabrücker sich bequemen würden, irgendwo hin zu gehen. In Münster und Bielefeld scheint es zu klappen, in Osnabrück irgendwie nicht.

Matthik: Ich habe in Osnabrück häufig das Gefühl, dass die Leute, wenn sie die Veranstaltungshinweise in der Zeitung lesen, sich überlegen: „Hm, da ist ein schönes, interessantes Festival. Wir warten mal ab, was nächste Woche darüber in der Zeitung steht und wenn es gut war, dann gehen wir nächstes Jahr dahin!“ und ich glaube, diese Mentalität gibt es häufig in Osnabrück.

Stefan: Freitags fernsehen ist ja auch was Schönes!

Matthik: Tja…das ist das moderne Höhlengleichnis. Das, was die Menschen im Fernsehen sehen, halten sie im Ernst für die Wirklichkeit. Wäre auch noch einen schönen Song wert.

OM: Gibt es hier in Osnabrück und Umgebung irgend welche Bands, die euch beeindrucken?

Matthik: Interessant finde ich auf jeden Fall Düsenjäger aus Osnabrück. Die sind eine sehr interessante Band, die irgendwie auch das machen, was sie machen, weil sie das gut finden, ohne eine bestimme Zielgruppe bedienen zu wollen, die find ich relativ originell…

Matze: Dann gibt es da natürlich noch die Sektenband!

Matthik: Die legendäre Sektenband! Leider noch sehr unbekannt in Osnabrück, , aber pseudoreligiöse Glaubensgemeinschaften, die sich dem „GospelCore“ verschrieben haben, haben es schwer, sich zu etablieren. Ansonsten jetzt in Osnabrück Bands, die mich sehr beeindrucken? Eher weniger. Das ist bei mir aber auch besonders schwer…

OM: Und aus dem weiten bis ganz weitem Umfeld?

Matthik: Ja, aus dem näheren Umfeld, was mich da vom spirit beeindruckt, ist die Band EA80 aus Mönchen-Gladbach, die äußerst unkonventionell mit dem gesamten Musikbusiness und auch ihrer eigenen Musik umgeht. Das ist nicht nur als Wortbeschönigung zu verstehen, dass die unkonventionell sind. Die lehnen es zum Beispiel generell ab, Interviews zu geben. Sie lehnen es ab, fotografiert zu werden, sie lehnen alle Pressetermine ab, sie lehnen es ab, bei Plattenfirmen zu unterschreiben und die Platten kann man nur bei den Leuten selber bestellen oder bei Konzerten kaufen. Vor allem textlich kann ich Freunden von guten, deutschen, zum Teil avantgardistischen, zum Teil sehr modernen Texten diese Band EA80 nur ans Herz legen. Wer unsere Texte mag, wird auch da einiges finden.

Matze: Bei EA80 sind es aber auch wirklich nur die Texte. Tja, wer beeindruckt mich? Musikalisch sehr fasziniert haben mich in letzter Zeit Muse. Ansonsten hab ich das Gefühl, in den letzten Jahren nicht wirklich etwas für mich gefunden zu haben.

Matthik: System of a Down muss man wohl nennen, da sie jahrelang auch abgelehnt wurden von den Plattenfirmen und jahrelang auch keine Konzerte bekommen haben, aber sie sind immer genau bei dem geblieben, was sie immer machen wollten. Vielleicht sind System of a Down die einzig legitimen Nachfolger der Dead Kennedys.

OM: Noch einmal zurück zur Osnabrücker Musikszene. Habt ihr hier Erfahrungen mit der Förderung von lokalen, gerade von jungen, Bands?

Matze: Das Musikbüro macht eine ganze Menge, das auch ganz ordentlich. Es könnte einfach mehr passieren, es gibt nach wie vor einen Proberaummangel in Osnabrück. Die Stadt zieht sich da sehr zurück, was sehr schade ist. Die Förderung von Jugendzentren ist schlecht, das muss man so sagen. Dementsprechend werden halt auch gerade Läden wie der Ostbunker dazu gezwungen, mehr Konzerte zu machen, die einfach funktionieren. Es ist einfach noch nicht verstanden worden, dass Jugendarbeit und Kulturarbeit einfach Geld kostet und nichts einbringt. Sie kostet einfach nur Geld, und sie muss gemacht werden. Und in Osnabrück passiert das zu wenig, denke ich.

Matthik: Ich denke, man darf das gar nicht mal reduzieren auf Musik sondern generell auf Projekte der Jugendarbeit. Wenn man sich die Statistik mal anschaut, dann geht die Schließung von staatlich geförderten Jugendzentren einher beispielsweise mit Wahlerfolgen von rechten Parteien und da mag ein jeder einfach drüber nachdenken.

OM: Habt ihr persönlich denn irgendwelche Unterstützung durch bestimmte Medien oder Veranstalter?

Matze: Also in Osnabrück hast du eigentlich nur die Möglichkeit, wirklich gefördert zu werden, indem du die Presse hinter dir hast. Da gab es vor OsnaMetal.de eigentlich nur das Stadtblatt, und beim Stadtblatt bist du nur dann angesagt, wenn du entweder dort arbeitest oder wenn du schon was gerissen hast. Wir haben mit der ersten Scheibe ganz gut auf uns aufmerksam gemacht, so dass dann irgendwann auch klar war, dass wir eine Osnabrücker Band sind, die dazugehört, so dass man uns nicht ignorieren kann. Als wir die zweite Scheibe draußen hatten, wollte ich CDs für eine Verlosung abgeben. Kommentar war: „Die wird keiner haben wollen!“ Das fand ich ein bisschen traurig, weil wir innerhalb eines halben Jahres 3000 Stück von der ersten verkauft haben. Da dachte ich dann auch „OK, so viel zur Presse in Osnabrück“.

OM: Was haltet ihr denn, wo ihr das schon erwähnt habt, von OsnaMetal.de?

Matze: Ist eine schöne Sache, dass sich Leute engagieren und was machen. Es steckt viel Ehrgeiz dahinter und es hat den schönen Beigeschmack von Uneigennützigkeit. Man merkt, dass es nicht darum geht, ein Internet-fanzine groß zu machen, sondern sich wirklich um die Musik zu kümmern.

Matthik: Ja, Daumen hoch für das Engagement und Respekt für etwas, das ich sehr schön finde. Und was man heutzutage eher selten findet, ob es nun Konzert- oder Cd-Kritiken sind: Ich erfahre bei OsnaMetal.de häufig inhaltlich über die Dinge, die da zu besprechen sind und ich erfahre sehr wenig über den, der dieses Review geschrieben hat. Und so soll es sein und das ist eine schöne Ausnahme!

OM: Habt ihr vor, eure Band erfolgreich zu machen, kommerziell erfolgreich vielleicht? Oder ist die Band bereits eine Verdienstquelle für euch?

Matze: Keinesfalls. Die Band kostet uns immer noch Geld, nach wie vor. Und so lange wir uns das leisten könne, wollen wir damit weitermachen. Vielleicht wendet es sich irgendwann, dass wir so viel einnehmen, dass wir ein bisschen was überhaben. Das ist aber nicht die treibende Kraft, auch nie für diese Band gewesen. Dafür sind wir zu weit weg von dem Mainstream und viel zu nahe an uns selber dran.

Matthik: Wir würden uns sicherlich nicht gegen einen kommerziellen Erfolg wehren, aber das ist sicherlich nichts, was auf der Tagesordnung steht.

OM: Was macht ihr denn sonst beruflich?

Matthik: Ich erfinde mich gerade neu, ich habe bis Ende des letzten Jahres Germanistik und Sprachwissenschaften studiert und weiß damit nicht sonderlich viel anzufangen und such mir gerade etwas Neues. Ich mache diverse Videoprojekte neben der Musik, meistens im medienpädagogischen Bereich mit Jugendlichen in Bramsche in der Alten Webschule und will mal sehen, ob man sich da irgendwie ein zweites Standbein erarbeiten kann.

Matze: Ich mach Musik – den ganzen Tag! Studiojob, also Aufnahmen, Produktion für andere Bands. Daher für mich auch die klare Trennung, mit Morgentot kein Geld zu verdienen, damit wirklich der Kontrast bleibt zwischen dieser privaten Sachen und meinem Job im Studio. Das Studio brauch ich, um den Kühlschrank vollzukriegen, und Morgentot brauch ich für mich.

Stefan: Ich studiere Musikwissenschaften und nebenbei, als Nebenjob, verkaufe ich Tee in einem Teeladen. Und unser Schlagzeuger Svente macht Retouren!

Matthik: Genau. Svente sitzt bei EMP in der Retourenabteilung und nimmt freundlich aufgebrachte Anrufe und E-Mails entgegen.

OM: Habt ihr auch schon irgendwelche extremen Fan-Erlebnisse gehabt oder sonstige Begegnungen mit Zuschauern auf euern Auftritten?

Matthik: Dazu muss man erst einmal sagen: Dass Publikum ist wie ein wildes Tier, das man am Besten nicht zu gut füttert… Aber mal abgesehen von Flaschen- und Steinewerfenden Skinheads… ich glaub, das waren aber gar nicht unsere Fans!

Matze: Wobei der Osten insgesamt sehr viel interessanter ist. Es gibt ein rechtes Extrem, was dort auch sehr viel präsenter ist als hier, aber es gab auch gerade Mitte der 90er eine ganz andere Resonanz. Man merkte einfach, das Publikum war noch nicht so abgefüttert. Wenn ein Konzert war, sind die Leute hingegangen.

Stefan: Aber was mir noch aufgefallen ist als wohl jüngstem Mitglied der Band: Egal ob zehn oder 100 oder 200 Leute vor der Bühne stehen: Diejenigen, die vor der Bühne stehen, die gehen einfach immer ab und können viele, viele Texte mitsingen, was man in so einem Kreis nicht zwingend erwartet, würde ich sagen, mit einem Bekanntheitsstatus als lokale Band, die vielleicht mal ein bisschen rumkommt, aber da nicht als eine professionelle Sache betreibt. Dass da immer eine derartige Resonanz kommt, das beeindruckt mich schon.

OM: Fein! Im Grunde war es das auch schon, aber traditionell kommt das letzte Statement von der Band. Habt ihr also noch eine Frage, die ich euch stellen soll?

Matthik: Frag uns was zur aktuellen „Deutschland sucht den Superstar“ – Entwicklung.

OM: Okay. Was haltet ihr von der aktuellen „DSDS“ – Entwicklung?

Stefan: Ist das eigentlich heute oder morgen? Dieser komische Modelwettbewerb im Alando. Heidi Klum kommt auch!

Matze: Das Publikum kriegt genau das, was es verdient!

Matthik: Ja! Moderne Beutekunst…

OM: Dann vielen Dank für eure Zeit!

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