Gothicbewegung und der Gothiclifestyle – die Gothicszene

Die Gothic-Szene ist die meiste Zeit unauffällig, kann aber allein durch ihre Kleidung auch intensiv auffallen. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie auch in den Medien nicht unentdeckt geblieben ist. Sie erstatten allerdings nicht nur sachliche Berichte, wenn die Gothicbewegung beispielsweise durch Festivals oder alljährliche Versammlungen auf sich aufmerksam macht – sie haben auch in der Vergangenheit das Bild der Gothicszene entscheidend geprägt. Dabei hat sie jedoch nicht immer sachliche, korrekte Arbeit geleistet.

Die Gothicbewegung – Weit mehr als nur ein Musik-Genre

Gothic Mode bei EMP
Gothic Mode bei EMP *

Die Gothicbewegung ist eine Jugendbewegung, die recht vielschichtig ist. Die Gothicbewegung rankt sich in erster Linie um bestimmte Musikformen, in denen meistens auch die Texte eine sehr große Rolle spielen.

Gothic lässt sich bis in die Zeit des Punk und Wave zurückverfolgen, also bis zum Anfang der 80iger Jahre. Besonders die Musikrichtung Dark Wave entwickelte sich in die Richtung weiter, die später als Gothic bezeichnet wurde. Bereits Bands wie The Cure, New Model Army, Danzig oder The Sisters of Mercy sind frühe Formen von der Musik, die heute oft als Gothic bezeichnet wird, nannte sich damals aber Wave oder Dark Wave.

Dennoch war es auch zur Zeit, als diese Bands besonders populär bei bestimmten Jugendgruppen waren, üblich sich häufig vollkommen schwarz oder aber schwarz kombiniert mit Rot- oder Lilatönen zu kleiden. Auch die Einrichtung der Jugendzimmer begann damals, sich bei den Jugendlichen, die der Musikrichtung Gothic oder Dark Wave zugetan waren, sehr zu verändern. So waren Totelschädel, Rosenkränze, Knochen, schwarze Tapeten oder gar Särge, die als Bett benutzt wurden oder Grabsteine als Dekoration in dieser Szene nicht ungewöhnlich.

Mit Bands wie Lacrimosa, Silke Bischof, Asp und besonders Goethes Erben wurde dann zunehmend auch wirklich der Begriff Gothic für diese Form von Musik gebraucht. Verunsicherte Eltern erfuhren bei Interesse von ihren Kindern meistens, dass sie düsteren Texte, die nicht selten den Tod oder gar Selbstmord zum Inhalt hatten, kein Grund zur Sorge seien. Die Gothic Kids sind keine Generation von depressiven Jugendlichen. Diese Jugendlichen sind nur häufig sehr ruhig und eher introvertiert, nachdenklich und fast immer ausgesprochen friedfertig.

Auch wenn die im Gothicshop verkaufte Kleidung für die Gothicbewegung fast immer schwarz ist, ist es wichtig zu wissen, dass Gothic nichts mit Satanismus zu tun hat. Der ist vielmehr der Black Metal Szene zuzuordnen. Ebenso wird zwar in jedem Gothicshop Bekleidung aus dem viktorianischen Zeitalter angeboten, aber dieser Modetrend hat dennoch nichts mit dem Mittelalter oder gar Gotik zu tun, auch wenn der Begriff Gothic dazu verführt, das zu denken.

Gothicbewegung: Gothic bei EMP
Gothic bei EMP *

Wave und Gotik Festival

Eine der bekanntesten Veranstaltungen der Gothic Szene in Deutschland ist das Wave und Gotik Festival in Leipzig. Hier trifft sich die gesamte Gothic Szene jedes Jahr, um gemeinsam Musik zu hören. Und natürlich ist dieses Festival auch ein Anlass, um sich als Gothic Fan modisch in Szene zu setzen. Alles, was dafür gebraucht wird, bekommen die Fans im Gothicshop.

Es handelt sich hierbei nicht nur um Oberbekleidung oder dazu passende Schuhe aus der Gothic-Szene, sondern natürlich auch um den dazu passenden Schmuck, die Accessoires und viele andere Details, die gern in der Gothic Szene Verwendung finden. Und das sind nicht nur schwarze Kerzen und dergleichen.

Die Jugendlichen, die Gothic lieben, sind weder aggressiv noch politisch aktiv. Die Gothic Szene hat vielmehr den Ruf, besonders friedfertig und ruhig zu sein. Dementsprechend ist auch ihr Tanzstil, der sich eher minimalistisch zeigt und bis zu einem einfach ruhigen Stillstehen auf der Tanzfläche Ausdruck finden kann. Gothic Kids, die danach gefragt wurden, warum sie auf der Tanzfläche einfach still stehen würden, sagten, sie würden dann die Musik einfach in sich hineinströmen lassen und sich dem Gefühl hingeben.

Ganz allgemein neigen Jugendliche, die der Musikrichtung und Lebenseinstellung Gothic zugetan sind dazu, nicht ausländerfeinlich, tolerant und keinesfalls rechtsradikal zu sein. Trotzdem sind sie nicht als politisch aktiv einzustufen. Sie organisieren sich nicht, um das System zu verändern. Häufig findet sich die Einstellung, sich mit den Gegebenheiten abzufinden, weil die Gothicbewegung die Ansicht vertritt, dass sich ohnehin nicht viel ändern ließe.

So ist auch die Beschäftigung mit dem Tod zu verstehen, die sich gerade bei der Lebensphilosophie der Gothic Kids wiederfindet. Der Tod gehört in den Augen dieser Gothicbewegung zum Leben dazu und sollte akzeptiert und nicht verdrängt werden. Das hat nichts mit Todessehnsucht zu tun, sondern einfach der Akzeptanz, dass niemand dem Tod entgehen kann und diese Jugendlichen sich lieber aktiv damit auseinandersetzen, irgendwann geliebte Menschen zu verlieren und auch selbst einmal sterben zu müssen.

Was nach dem Tod geschehen mag, wird sehr oft in Filmen, die zu dieser Szene gehören, aber auch den Liedertexten sehr genau beschrieben. Auch wenn die detaillierten Schilderungen vom Sterben und der Möglichkeit, was nach dem Tod passieren könnte, Außenstehenden wie Suizidgedanken erscheinen mögen, sind sie das keinesfalls. Die Gothic Szene verdrängt den Tod nur nicht, wie es viele andere Kulturen und Bewegungen wie die Gothicbewegung zu tun pflegen. Mit einer religiösen Einstellung hat das wiederum nichts zu tun.

Inszenierungen wie im Theater

Wenn Gothic Bands sich auf der Bühne in Szene setzen, dann gleicht das oft Inszenierungen, die fast an Theater oder Oper erinnern können. Die einzelnen Lieder einer Vorführung, die später dann meistens über die dazu gehörenden Gothicshops in Form von CDs erworben werden können, können inhaltlich so eng zusammenhängen, dass die Aufführung wie eine Art Schauspiel wirkt. Sehr bekannt wurde durch diese Art der Darbietung unter anderem die Gothic Band Goethes Erben. Die Texte der einzelnen Lieder werden oft nicht gesungen, sondern sehr ausdrucksstark gesprochen, teilweise wird jedes einzelne Wort betont und in Szene gesetzt, so dass die gesamte Inszenierung die Zuschauer gefangen nimmt.

Die Schwarze Szene: Gothicbewegung und der Gothiclifestyle
Die Schwarze Szene: Gothicbewegung und der Gothiclifestyle

Es ist selbstverständlich, dass sich die Fans derartiger Gothic Bands auch sehr aufwendig in Szene setzen, bevor sie zu so einer Veranstaltung gehen oder fahren. Wenn so eine Darbietung ansteht, wird noch einmal genau das Outfit kontrolliert und bei Bedarf im Gothic Shop ergänzt oder durch noch ausdrucksvollere Kleidungsstücke und den dazu gehörenden Schmuck ersetzt. Mieder und filigrane Handschuhe, lange schwarze Spitzenkleider aus dem Rokoko, dem viktorianischen Zeitalter oder im Jugendstil sind zur Zeit sehr beliebt. Auch die jungen Männer kleiden sich dazu passend oft sehr romantisch. Es kommt sogar vor, dass Männer in dieser Szene lange Röcke tragen. Auch wenn sich die Gothic Szene ja einmal aus dem Wave und Punk entwickelt hat, sind heute Löcher in der Kleidung, Fetzen oder ein bewusst ungepflegtes Erscheinungsbild in der Gothic Szene eher out. Heute wirken diese Jugendlichen gepflegt und ausgesprochen ästhetisch, wenn sie sich bei einem Gothic Konzert treffen.

Die Gothic-Szene findet ihren Ursprung in den späten 1970er Jahren als sogenannter Post-Punk, einem Rockmusik-Stil und hat nichts mit den historischen Goten oder der Gotik als Epoche zu tun. Viel mehr kam dieser Rockstil durch seine düstere und schaurige Mischung zu seinem Namen und nicht, wie oftmals fehlinterpretiert, durch die Gotik-Epoche oder das Mittelalter.

Geographisch gesehen, hat die Gothic-Szene ihren Ursprung im England dieser Zeit. Was seinerzeit eher belächelt und als Jugendkultur abgetan wurde, ist mit der Zeit beinahe salonfähig geworden – doch bis zur einheitlichen Namensgebung dieser Jugendkultur verging noch einige Zeit. So nannten Berliner Anhänger der Szene Ghouls oder Darks, die Nordrhein-Westfalen, fand man die Bezeichnung „Krähen“ wesentlich stimmiger – ähnlich den Franzosen. Sie bezeichneten die Goths als „les corbeaux“, die Raben. All diese Bezeichnungen sind angelehnt an das in der Regel schwarze, mystische Outfit der Szeneanhänger.

Musikalisch liegen der Gothic-Szene eine Mischung aus düsterer Rock Musik (Gothic Rock), aber auch sogenannter Darkwave zu Grunde. Beide Kategorien thematisieren nicht selten Gesellschaftskritiken, den Umgang mit Tod und Vergänglichkeit und gleichermaßen das eigene Scheitern. Mit der Zeit unterstellte man den Gothic Rock dem Darkwave, der seines Zeichens eher elektronisches Äquivalent zum Gothic Rock verstanden werden kann.

Bekannte Gothic-Festivals der Gothicbewegung

Zu den bedeutendsten Treffpunkten der Gothic-Kultur zählen große Festivals wie das Bizarre-Festival in Berlin, das M'era Luna in Hildesheim oder aber auch das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Letzteres zieht jährlich über 18.000 Menschen aus der ganzen Welt nach Leipzig.

Wie viele andere Subkulturen auch, findet „Gothic“ seine festen Bezugspunkte in der Musik. So sind düstere und schaurige Gothic Rock-Bands mitunter Aushängeschilder für die Szenezugehörigkeit. Der Rückzugsintention von Goths entsprechend, wird diese Art der Musik gerne angenommen und mit dem Aufenthalt an Plätzen die diese Eigenarten widerspiegeln bevorzugt – zum Beispiel Friedhöfe, Kathedralen oder entlegene Wälder. Themen wie Tod oder Sterben werden mit weniger Distanz und Unbehagen thematisiert, als in der Gesellschaft üblich – wodurch die Szene abermals an Distanz zur Gesellschaft gewinnt.

Grundsätzlich wird die Szene der Goths (im deutschen fälschlicherweise „Gothics“ genannt) als friedfertige, ästhetisch orientierte Subkultur bezeichnet. Gleichzeitig sagt man ihnen Unnahbarkeit, elitäres Verhalten und Wirklichkeitsfremdheit nach. Letztere Punkte werden damit in Verbindung gebracht, dass der Großteil der Goths die Durchschnittsbevölkerung negativ charakterisiert, nämlich als egoistisch, konservativ und konsumorientiert. Zwar wird kein szeneneinheitliches Gedankengut bestimmt, doch beanspruchen Goths eine starke Individualität und das Bestrebungen, Meinungen und Lebenseinstellung für sich selbst zu entwickeln anstatt vorgefertigte Meinungen zu übernehmen. Sie folgen also nicht dem von ihnen kritisierten Prinzip sozialer Bewährtheit und distanzieren sich somit zum Teil demonstrativ von der Gesellschaft.

Das Erscheinungsbild der Szene selbst orientiert sich unübersehbar am Viktorianischen Zeitalter und an gemeinhin romantischen Abbildern des Mittelalters, ohne dessen Negativaspekte zum Thema zu machen. Dieser Handlungs- und Sichtweise verschafft den Anhängern eine gute Möglichkeit, sich innerlich von der Realität zu distanzieren und auf ästhetische Weise gegen die aktuelle Gesellschaft zu demonstrieren. Hierbei kommt es allerdings immer wieder zu dem Problem, dass die Gesellschaft Goths als Anhänger der Satanismusbewegung ansieht, wegen ihres Outfits und dem Beschäftigen mit historischen okkulten Gegenständen wie zum Beispiel Pentagramm-Symbolen. Grundsätzlich aber, sind Goths eher als Heiden denn als Satanisten anzusehen. Häufig wird auch der Weg des Synkretismus gegangen, in dem man versucht, heidnische und christliche Religionen miteinander zu vereinen.

Gothic ist eine vielseitige und dynamische Kultur, die sich mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitet hat und sich nicht selbst durch vermeintliche Altersgrenzen einschränkt.

Die Schwarze Szene: Gothicbewegung und der Gothiclifestyle
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Gothicbewegung: Die Teenager-Goths

Goth wird man meist nicht über Nacht. Die Einstellung haben viele heutige Goths schon als Teenager kennen gelernt, und immer mehr Teenager schließen sich schon früh der Szene an. Sie verkörpern natürlich noch eine andere Einstellung, denn sie sind keine Erwachsenen und suchen in der Szene vieles, was Erwachsene sich nicht mehr von ihr erhoffen. Das reicht von der Ersatzfamilie bis hin zur Abkehr von der Gesellschaft, mit der sie groß geworden sind und mit deren werten sie sich nun nicht mehr orientieren können. Klischeehafte Teenager-Goths haben häufig psychische Probleme, ritzen schlimmstenfalls, treiben sich auf Friedhöfen herum und ziehen sich schwarz an. All das kann zutreffen, doch die meisten Teenager-Gothics befinden sich lediglich auf der Suche nach einer Identität und sind Persönlichkeiten, die gerne viel nachdenken und beginnen, sich von der breiten Masse abzuheben. Solange sie nicht tatsächlich psychische Probleme entwickeln oder sich gar selbst verletzen, ist die Zuwendung zur Gothic-Szene überhaupt keine Schwierigkeit – solange sie sich in der Schule etwas gemäßigter anziehen, als sie es etwa auf einer Gothic-Party tun würden. Denn andernfalls könnte es zu Akzeptanzproblemen bei den Mitschülern kommen.

Goths und ihre sexuellen Vorlieben

Gerne bringt man Gothics auch mit alternativen sexuellen Vorlieben und Praktiken in Verbindung. Besonders häufig vermutet man sie in der BDSM-Szene, wo sie sich gegenseitig Schmerzen zufügen und häufig wechselnde Partner haben, anstatt kennen zu lernen, wie viel Liebe man sich in einer stabilen Beziehung geben kann. Es gibt solche und solche Gothics, und nicht alle finden tatsächlich Gefallen an BDSM-Praktiken. Viele Fetische aus diesem Bereich fallen mit der schwarzen Szene zusammen, doch wer einen solchen Fetisch hat, ist nicht gleich Gothic – und wer Gothic ist, muss nicht zwangsläufig auch Fetischist sein. Eine Verbindung dieser beiden Welten wird eher zufällig sein und keinen schematischen Hintergrund in der gesamten Gothic-Szene haben. Viele Gothics wünschen sich eine stabile, intakte Beziehung, für die sie ihr altes Party- und Abenteurerleben auch durchaus aufgeben würden. Sie haben auch darüber viel nachgedacht und wissen, wie wichtig es ist, jemanden im Leben zu haben, der immer da ist.

Und wenn man doch mal vorübergehend niemanden an der Seite hat gibt es ja noch gewisse verruchte Freudenspender, wie z.B. eine Taschenmuschi. Diese praktischen Sextoys kann man sehr einfach nutzen, denn es ist ähnlich wie beim reinen Masturbieren. Die Hand geht hoch und herunter, nur dass etwas sehr Erregendes noch im Spiel ist. Die Hersteller von Taschenmuschis, wie z.B. wie Fleshlight, setzen dabei sehr realitätsnahes Material ein, das sehr nahe an echte Vaginas herankommt.

Aber klar fehlt hier auch das ganze Spiel rund um BDSM im Alleingang. Jedoch kann man genauso auch als Pärchen eine Gummimuschi als Fetisch im Sex einbauen. Sie kann z.B. den Mann bis kurz vor dem Orgasmus damit befriedigen und dann wieder stoppen, um als dominanter Part zu agieren.

Das Thema Selbstmord in der schwarzen Szene

Gothics werden nicht nur ständig mit psychischen Problemen in Verbindung gebracht, sondern auch mit dem Thema Suizid. In düsteren Gedichten und anderen Kunstwerken findet man gelegentlich Andeutungen, die in eine solche Richtung tendieren. Man sollte dabei aber nicht den folgenden Grundsatz aus der Psychologie vergessen: Wer darüber redet, tut es meist nicht, es handelt sich lediglich um einen Schrei nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Sehr viel mehr will ein Gothic auch gar nicht erreichen, wenn er den Selbstmord thematisiert. Es kann genauso gut sein, dass er mit den Überlegungen lediglich seinen Horizont erweitern will und nicht totschweigen möchte, dass er solche Gedanken hat – viele andere Menschen würden niemals so offen darüber reden, auch wenn es ihnen vielleicht gut täte. Ein abschließender Blick in die Medien zeigt zudem, dass Gothics in der Statistik der Suizide und Versuche eher die Minderheit bilden.

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Autor: ArchiVader
19.06.2013

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