Ja, DEN Jürgen Fliege, den derzeit allüberall kontrovers diskutierten Glaubensmann, konnte OsnaMetal.de, als erstes Metal-Magazin überhaupt, mit metallischer Religions-Thematik konfrontieren. Man mag von ihm und von der Interview-Idee halten was man will, es waren ihm doch einige interessante Aussagen zu entlocken. Zumindest für Leute, die spirituellen Inhalten nicht grundweg despektierlich gegenüberstehen, oder eben doch und gerade deshalb…


OM: Hallo Herr Fliege, erstmal vorweg vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen für ein Gespräch mit OsnaMetal.de. Wie geht es Ihnen nach der zuletzt für Sie medial recht turbulenten Zeit?

Jürgen Fliege: Nur die Harten kommen in den Garten. Also das ist schon schwierig, wenn man missbraucht wird als Gespött der Leute. Aber was anderes ist einem ja auch nicht versprochen worden. Also da muss man schon durchhalten.

OM: Das soll auch hier nicht weiter unser Thema sein. Ich gehe davon aus, dass es Ihr erstes Interview mit einem Metal-Magazin ist?

Jürgen Fliege: So ist es, so ist es.

OM: Welche Art musikalischer Werke beschallt denn Ihre heimischen Kemenaten?

Jürgen Fliege: Ich kann glaube ich die CDs, die ich überhaupt in meinem Leben gekauft habe, an zwei Händen abzählen. Und was es da an Chorälen gibt habe ich mir auch noch nie gekauft, aber sicherlich kenne ich mein Gesangbuch auswendig, und natürlich habe ich meinen Johann Sebastian Bach, und ich habe meinen Eric Clapton.

OM: Also gab es in Ihrer Biographie schon Berührungspunkte mit Rockmusik.

Jürgen Fliege: Wenn man 68er ist, kommst du ohne Rolling Stones und ohne Beatles überhaupt nicht ins Leben.

OM: Also, es existiert ja keine allgemein anerkannte Definition des Begriffs Religion…

Jürgen Fliege: Es gibt zwei. Also zwei, wenn man so will, wissenschaftliche Religionen. Einerseits hat es was mit den Wurzeln zu tun. Einmal religio: Rückerinnerung, Rückbesinnung, und das andere hat was mit Lesen zu tun, um eine Sache herumgehen, intensiv lesen, auflesen, sich intensiv kümmern um. Das sind die beiden Wurzeln, das ist Religion.

OM: Sie scheinen ja recht tolerant gegenüber von gängigen Glaubensrichtungen abgespalteten Gemeinschaften zu sein.

Jürgen Fliege: Ich bin in meiner eigenen sicher genug und deswegen kann ich tolerant sein. Wenn man selber nicht sicher ist, dann kämpft man. Wenn man sicher ist, muss man nicht mehr kämpfen.

OM: Es gibt Menschen, für die ist Heavy Metal Religion, oder Schalke 04.

Jürgen Fliege: Das ist erstmal völlig vernünftig. Vernünftig ist was anderes, selbstverständlich. Aber Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe ist wichtig. Weil ein Individuum ist niemand durch Bewusstsein ein Original zu sein, verhält sich nur umgekehrt zur Erfahrung.

OM: Also können Sie das akzeptieren.

Jürgen Fliege: Ja, das finde ich völlig in Ordnung. Schalke 04, finde ich schön, wenn die auf dem Friedhof singen: „Steh‘ auf, wenn du ein Schalker bist!“ Dummerweise bleiben die aber meist auf Schalke oder in Gelsenkirchen auf dem Friedhof liegen. Also allein dieses Lied bei Beerdigungen zu singen, finde ich wunderbar. Das würde ich auch singen lassen, wenn ich da eine Beerdigung machen müsste, in Gelsenkirchen. Da hat man so viel Freude bei diesem Lied, mit Tränen in den Augen würde ich es toll finden.

OM: Wo hört für Sie denn Religion auf und wo fängt es an für Sie bizarr zu werden?

Jürgen Fliege: Wenn Menschen wehgetan wird, also wenn Menschen zum Opfer werden. Man selber… meistens fällt das nicht auf, dass man sich selber opfert, aber wenn andere Menschen geopfert werden, dann ist für mich sozusagen das Ende der Fahnenstange erreicht. Verletzungen gehen nicht, sondern Religion ist immer der Versuch sein eigenes Leben positiv zu deuten. Und wo das auf die Knochen anderer geht, muss man sagen: Schluss! Weswegen es auch schwierig ist im Moment katholisch zu sein. Ich habe nicht gesagt unmöglich, aber schwierig, weil es offenbar systematisch auf die Knochen von Kindern geht.

OM: Zurück zur Rockmusik. Die Rockmusik hat eine lange Geschichte mit dem Teufel. Die Wurzeln liegen im Delta Blues. Der Blues-Musiker Robert Johnson soll an einer Wegkreuzung dem Teufel begegnet sein, und seine Seele gegen spielerische Fähigkeiten eingetauscht haben. Was halten Sie von solchen Legenden?

Jürgen Fliege: Das Muster dieser Legende ist uralt, und wenn Sie Ihre heilige Schrift aufblättern, da gibt es diese Hiob-Geschichte. Da gibt es genau diese Geschichte, nämlich eine Verabredung zwischen Gott und Teufel, dass sie sozusagen dem Hiob helfen. Und dann kennen Sie das bei Goethes „Faust“. Diese Geschichte, Gott und Teufel kümmern sich um eine Seele und man verwettet seine Seele oder man verkauft seine Seele, ist ein Muster in fast allen gängigen Kulturen. Wenn man das dann nun mal entkleidet, psychologisch trocken entkleidet, was steckt da eigentlich dahinter? Das man tatsächlich aus irgendeiner Angst oder Begeisterung heraus sagt: Ich möchte zu einer großen Macht gehören. Also: Ich möchte auch dienen. Das steckt in uns allen drin, bis hin zur Domina, also: Ich möchte gerne dienen, einer großen bewegenden Sache. Und dann ist mir das im Grunde genommen auch scheißegal, ob das eine scheinbar gute oder eine schlechte Sache ist. Hauptsache es ist etwas Großes, was mich Mitnehmendes. Bei Schalke 04 ist es die Westkurve oder die Südkurve oder was weiß ich, in Wacken sind es 80.000 Leute.

OM: Da haben Sie also auch schon von gehört.

Jürgen Fliege: Na klar, und das finde ich super. Wenn man dann auf einmal sieht, wie mit den scheinbaren Attributen des Teufels der Friede ausbricht, dann grinse ich, denn das ist der Columbus-Effekt: Wenn du nach Westen reist, kommst du im Osten an. Man muss aufpassen, weil Jesus hat einmal gesagt: „Der Liebe Gott lässt die Sonne aufgehen über Gutes und Böses gleichermaßen.“ Ein aufgeklärter religiöser Mensch kennt den Unterschied zwischen Gut und Böse gar nicht. Was unterscheidet die Sonne vom Regen? Was unterscheidet die Nacht vom Tag? Kann es nicht sein, dass das alles sinnvolle Energien sind, sich ergänzende Energien sind? Deswegen gehöre ich überhaupt nicht zu den Moralisten, die auch nur sagen können: Das ist Gott und das ist Teufel! Man muss sich ja nur mal angucken, wann Leute anfangen Heavy Metal oder Rockmusik zu machen. Dann ist es ja auch immer sozusagen ein Schrei nach Leben. Auch ein Schrei, dass das Leben stärker ist, für all die die ich will das das leben sie mitnimmt.

OM: Es ist an sich nichts Destruktives.

Jürgen Fliege: Nee, natürlich nicht. Ich möchte gerne, dass eine große Bewegung mich voll erfüllt. Und bitteschön Rhythmus machen, denn das hat Tucholsky schon gemacht: „Der Mensch ist ein Wesen, das Krach macht und trommelt.“

OM: Das was man aber als böse bezeichnet, ist ja im weitesten Sinn immer wieder Thema in der Rockmusik gewesen. Wenn auch ohne weiteren ideologischen Hintergrund, wurde das immer wieder aufgegriffen…

Jürgen Fliege: Das ist nur der Protest. Das ist der Aufschrei, der Protest, der Widerstand. Man sieht nicht, dass das so genannte Zerstörerische auch das Kreative ist. Wenn zwei Sterne wie in einer Supernova aufeinander knallen, ist das Kreativität, ja oder nein? Das ist Kreativität. Aufeinanderknallen ist Kreativität. Wenn man dann nur das Zerstörerische sieht, ist man blind. Du musst doch immer beides sehen. Du musst doch sehen: Das ist das Kreative, das ist das Zerstörerische und dient das Zerstörerische dem Kreativen und ist dieser Mensch, der da zerstörerisch wirkt, ist er im Grunde genommen ein Kreativer?

OM: Also ist das auch die Faszination am Spiel mit dem Bösen?

Jürgen Fliege: Ich nenne das nicht das Böse.

OM: Ja, ich habe schon verstanden.

Jürgen Fliege: Es ist dieses Spiel mit den Mächten, von denen man ganz genau weiß, die sind stärker als man selbst. Und man kommt mit ihnen nur weiter, wenn man sich ihnen anvertraut. Aber jetzt mal ein kleiner, romantischer Ausflug: Wenn Sie Sex haben oder heiraten, werden Sie auch merken, dass die Liebe stärker ist als ich. Dem kann sich keiner entziehen. Das ist eine große Sehnsucht und die drückt sich natürlich in solcher Musik aus. Und die Entdeckung, dass es das Destruktive als solches gar nicht gibt.

OM: Kann der explizite Umgang damit nicht auch Gegenteiliges bewirken, dass bewusst oder unbewusst, Feuer mit Feuer bekämpft wird?

Jürgen Fliege: Wenn Sie ein frommer Mensch sind, ein christlich-religiöser, dann kann es sein, dass Sie krank enden. Dann kann es sein, dass Sie verletzt, als Opfer, als Minusmann enden. Also wem Sie sich anvertrauen, welches Label der hat, sagt über das was Sie daraus machen überhaupt noch gar nichts. Ich muss mich einer großen Sache anvertrauen um mich weiterzuentwickeln, weil jeden Abend kurz nach 23 Uhr, geht die Controlling-Lampe aus, da muss ich mich sowieso hingeben. Also gehört Hingabe und Aufgabe von Controlling, und Wegschwimmen, in die Nacht schwimmen, in den Schlaf schwimmen, in die Träume schwimmen, zu einer ganz wichtigen Lebenserfahrung. Und das will man in der Musik immer wieder auch beschwören, und da wirst du mitgenommen. Das kann zerstörerisch sein. „I never promised you a rose garden.“

OM: Ich hatte Ihnen Links zukommen lassen. Ich weiß nicht ob Sie sich die angeschaut haben.

Jürgen Fliege: Nee, habe ich nicht.

OM: Sie haben wahrscheinlich noch nichts von Black Metal gehört?

Jürgen Fliege: Doch natürlich.

OM: Es gibt da Gruppen, die predigen Misanthropie, halten das Christentum für die Religion der Schwachen.

Jürgen Fliege: Jetzt muss man sich fragen, wo haben die da Recht? Erstens mal, kann es vielleicht sein, dass das Christentum tatsächlich einen Opferkult darstellt und das die Teilnehmer des Christentums zu großen Teilen tatsächlich zufrieden sind eine Opferhaltung im Leben einzunehmen? Da ist was Wahres dran. Ich nehme das sozusagen als einen Spiegel meiner eigenen Heimat oder meiner eigenen Religion und sage: Da sehen Leute etwas, was tatsächlich in unserer Tradition oft pervertiert worden ist. Die Leute tragen einfach das was sie tragen, anstatt sich dagegen aufzulehnen. Die fühlen sich wohl ein Opfer zu sein, statt zum Täter zu werden, und da schlagen einfach die Generationen dahinter auf den Putz und sagen: Wir nicht! Da kritisieren sie etwas richtig. Die wollen Täter werden, im Kreativen wie im Destruktiven, aber sie wollen sich nicht mehr sozusagen in eine Tradition begeben wo das Opfernde kultiviert wird. Hingabe ist etwas anderes als Opfern könnte man auch sagen. In der Liebe gibt man sich hin und erfährt, wenn man so will, eine Erfahrung jenseits der eigenen Ego-Grenze. Also in der Sexualität und in der Spiritualität. In der Musik nebenbei auch. Und das ist wichtig. Wo das sozusagen pervertiert wird und die Leute nur einfach Opfer sind: Ich bin Opfer des gelben Fiebers, keiner mag mich leiden, da ist das schlimm. Und das würde ich gerne als Kritik nehmen, wenn ich ein solches Lied höre oder einen solchen Text höre.

OM: Die Musik ist ja auch von ziemlicher Aggressivität geprägt und von Hass.

Jürgen Fliege: Aber Hass ist auch nur eine andere Form von Liebe. Was machen die Musiker, wenn sie von der Bühne gehen? Hauen die alles kaputt? Verletzt es einen Menschen? Tun sie einem das Messer zwischen die Rippen stechen oder was machen die? Oder kann es sein, dass es nur Ausdruck ist?

OM: Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen von auf der Bühne. Wie ich gelesen habe heißt ja Ihr diesjähriges Thema auf dem Wörishofener Herbst „Ehrfurcht vor dem Leben“. Und es gibt einige Gruppen die sich mit Tierblut besudeln vor dem Auftritt. Das Blut als Symbol für das Leben, um das Leben quasi zu verschwenden..

Jürgen Fliege: Ich bin vorsichtig mit solchen Symbolen. Ich bin auch vorsichtig mit den Worten und der Sprache. Ich würde die selber nicht wählen. Ich versuche aber, wenn ich das mitbekomme, zu hören: Was meint der, was will der? Für mich ist das der Beginn von Kommunikation und nicht der Beginn des Urteils. Punkt. Also heißt nicht Punkt, Ende des Interviews.

Hier gibt’s Teil 2.

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