Ja, DEN Jürgen Fliege, den derzeit allüberall kontrovers diskutierten Glaubensmann, konnte OsnaMetal.de, als erstes Metal-Magazin überhaupt, mit metallischer Religions-Thematik konfrontieren. Man mag von ihm und von der Interview-Idee halten was man will, es waren ihm doch einige interessante Aussagen zu entlocken. Zumindest für Leute, die spirituellen Inhalten nicht grundweg despektierlich gegenüberstehen, oder eben doch und gerade deshalb…


OM: Diese Musiker haben schon eine extreme Form des Okkultismus für sich gewählt.

Jürgen Fliege: Deshalb will ich nicht über sie urteilen, sondern ich sehe nur: Da gibt es einen extremen Ausdruck. Da müsste ich gucken: Ist das was Selbst zerstörerisches oder ist es im Grunde genommen was Kreatives? Menschen werden nur glücklich wenn sie kreativ sind.

OM: Von den Musikern selbst wird das als sich in eine innere Leere begebend bezeichnet und höhere Mächte durch sich wirken lassen.

Jürgen Fliege: Ja, aber wenn sie die Religionen dieser Welt angucken, dann sehen sie auf einmal, dass das Blut eine wichtige Rolle gespielt hat. Ob Sie zu indianischen Traditionen gehen oder ob Sie zur christlich-jüdischen Tradition gehen, ob Sie ein einziges Mal dabei gewesen sind wenn ein Tier geschächtet wird, da fließt das Blut. Und da muss ich sagen, wenn das Künstler machen, dann guck ich mich gleich um wo das bei mir genauso der Fall ist. Damit ich nicht ins Urteilen komme, sondern ins Nachdenken. Ich kann nicht hingehen und sagen: Da haben wir nichts mit zu tun. Doch, da habt ihr eine Menge mit zu tun. Ich selber finde das nicht richtig, also für mich nicht richtig. Mein erster Impuls ist ja: Kann ich verstehen. Das machen die aus einer tiefen, inneren, richtigen Haltung heraus. Das machen diese Hochreligionen genauso wie die indianische Tradition, genauso die afrikanische Tradition. Die arbeiten alle mit Blut.

OM: Diese Musiker, ich sag‘ mal, beschwören das Chaos.

Jürgen Fliege: Ja, Chaos, das habe ich vorhin mal die Supernova genannt. Natürlich, ich kann nicht hingehen und mit meinem spießigen Lebensmodell südlich von Wuppertal aus dem bergischen Land versuchen die ganze Welt zu beschreiben. Wenn ich sehe das die Dinge aufeinander knallen, um wieder neu geboren zu werden, dann ist das für mich nicht so wahnsinnig schlimm.

OM: Das ist ja das Ding, dass aus dem Chaos dann wieder Neues entsteht.

Jürgen Fliege: Ja, so ist es. Wenn das gesehen wird, ist das doch in Ordnung.

OM: Aber es ist schon eine extreme Verurteilung dessen was im Moment besteht.

Jürgen Fliege: Schießen sie oder schießen sie nicht? Stechen sie oder stechen sie nicht?

OM: Es gab in der Vergangenheit, Anfang der Neunziger, tatsächlich, wenn auch jetzt nicht unbedingt ideologisch bewegt, Morde und Kirchenbrände.

Jürgen Fliege: Da wäre dann Schluss mit lustig bei mir. Du kannst es machen um dein Leben zu begreifen, aber es darf nicht auf die Knochen der anderen gehen. Du hast kein Recht mit deiner Ideologie, die mag noch so toll sein, noch so richtig sein, einen anderen Menschen zu verletzen. Damit wirst du nicht zum Sohn Gottes, ich übertreibe jetzt mal ein bisschen.

OM: Es war wohl die bisher extremste Form von jugendlichem Aufbegehren. Eine Vielzahl der Musiker bereuen auch heute ihre Taten…

Jürgen Fliege: Aber auch da würde ich sagen: Pass mal auf, bevor wir ins Urteilen gehen, stoßen wir darauf, dass in unserer Religion als Grundlage ein Mensch geopfert wird. Dieses Opfern und dieses Töten…

OM: Es hatte in diesem Fall jetzt nichts mit Opferung zu tun…

Jürgen Fliege: Es hat in diesem Fall etwas mit einem Gewaltexzess zu tun.

OM: Ja, wahrscheinlich.

Jürgen Fliege: Also so: Pass mal auf, heute ist Schluss mit lustig, geh nach Hause. Oder was immer man machen muss um dem ein Ende zu bereiten. Also für mich sind es auch immer, das habe ich ja auch vorhin schon ein paar Mal betont, auch Versuche, aus einer erstickenden und erstickten Religiosität erneut wie ein Vulkan nach oben zu blubbern, ein Geysir zu sein und zu sagen: Es muss was Neues kommen.

OM: Diese Musikrichtung ist auch von Misanthropie geprägt. Ist Menschenhass überhaupt etwas womit man Leben kann?

Jürgen Fliege: Also ich würde das nicht zu meiner Ideologie machen.

OM: Das hieße ja auch, dass man sich selbst mit verurteilt.

Jürgen Fliege: Dann heißt es ja, dass ich mich selber hasse und damit kann man glaube ich nicht glücklich werden und damit hat man auch kein Konzept für die Zukunft.

OM: Bei einigen geht es ja auch darum sich selbst über andere zu stellen oder selbst zum, ja, Gott zu werden.

Jürgen Fliege: Das ist eine Geschichte, da würde ich auch vorsichtig sein. Was passiert um 23 Uhr nachts, kannst du durchhalten im Controlling oder musst du aufgeben? Also ich würde da gerne biographischer oder lebensgeschichtlicher vorgehen und sage: Schau doch mal, du machst diese Erfahrung jeden Abend, und du machst sie wahrscheinlich in der Sexualität auch und sonst wo. Überall ist das Modell: Du musst aufgeben, du musst die weiße Fahne hissen, und das ist das Modell des Lebens.

OM: Ich frage mich auch inwieweit diese Leute das in ihrem Alltag konstant durchhalten können.

Jürgen Fliege: Da ist doch was ausgebildet. Wenn ich hingehe in solch ein Gespräch, wenn’s überhaupt zu Stande kommt, dann sage ich: Schau doch mal, du lügst dir selber einen in die Tasche. Ich könnte über dich ein Video machen wie du nachts schläfst. Was hältst du eigentlich davon, du Gott? Du gibst an wie Nachbars Lumpi. Aber das würde ich versuchen sehr liebevoll zu sehen, weil: Warum macht der das? Jeder religiöse Mensch ist aus irgendwelchen Defiziten oder Positivem zu so einer Religion gekommen, auch der Musiker. Ich würde mir gerne angucken, welche Organe vorher nicht funktioniert haben.

OM: Es ist ja erst in den letzten Jahren zu solch einer verbreiteten Ernsthaftigkeit in dem Bereich gekommen. Es ist ja auch in anderen esoterischen Bereichen so, dass es da mittlerweile eine enorme Nachfrage gibt.

Jürgen Fliege: Der Bundespräsident Johannes Rau, der hat mal gesagt: „Die Sekten sind die Sünden der Kirche.“ Also wenn man so will die Esoteriker, die neue Versuche machen, die Beschwörer, die Spiritisten. Die füllen doch nur ein Defizit aus, was sozusagen die Kirche mit ihrem merkwürdigen Anspruch von Gewerkschaft für die ganze Welt nicht erfüllen kann. Die Spiritisten gehen in die Geschichte Tod und Leben, die Kirchen gehen nur in den Verteilungskampf. Verstehen Sie was ich meine? Und das Bedürfnis der Musiker ist immer Tod und Leben und weniger Verteilungskampf..

OM: Wie erklären sie sich das, dass diese Nachfrage nach Spirituellem so gewachsen ist…

Jürgen Fliege: Weil sie kultisch nicht mehr bearbeitet wird. Die toten Vater und Mutter, der Friedhof etc., die Großeltern. Da meinen die Leute die spielten alle keine Rolle, die hätten alle keine Wirkung mehr auf uns Lebende. Haben sie aber. Und dann geht die junge Generation hin, so nenne ich das jetzt einfach mal, als 64 Jahre alter Mann, und sagt: Ich pfeif euch was, ich beschwöre die jetzt. Aber auch Jesus selber sagt: „Drei Generationen wirken immer.“ Dann bastelt man sich seine eigene Religion, weil in der großen das Element nicht mehr drin ist von Tod und Auferstehung. sondern nur noch als beschworener Satz, aber nicht mehr als erfahrbare, spürbare, gruselige Wirkung.

OM: Ist das auch eine Suche nach Erklärungen oder einfach nur nach Halt?

Jürgen Fliege: Es ist eine Suche nach Zugehörigkeit und Halt, die über den eigenen Tod hinausgeht. Ich will nicht in diesem Leben gehalten werden, sondern in jedem Leben gehalten werden, und das können nur die Toten. Die Lebenden können mich nicht halten. Kaum das der Herzinfarkt da ist, gehöre ich zu anderen. Und deswegen suche ich mir in diesem Leben schon, wer mich im anderen Leben hält.

OM: Ist für Sie ein Leben ohne Spiritualität eigentlich möglich?

Jürgen Fliege: Nein, ist es nicht. Für mich sowieso nicht, aber da bin ich ja sozusagen ein Lohnprediger. Stimmt zwar nicht, weil ich ja keinen Lohn mehr bekomme, aber ist egal. Nein, aber Sie machen es von der Musik her klar und ich mache es beispielsweise von einer Krankheit des Menschen her klar. Jede Krankheit ist ein Weg in die Stille. Das Suchen in der Stille, das Lauschen in der Stille, das Lauschen nach dem Jenseits des Todes ist uns Menschen immanent. Also ist Spiritualität ein wesentliches Gewürz des Lebens.

OM: Also ist jeder Mensch auch ein spiritueller Mensch, ob er will oder nicht.

Jürgen Fliege: Na klar, aber ich muss ihn nicht in mein christliches, dummes Schema pressen. Nicht dummes, sondern beschränktes.

OM: Okay. Durch die Informationsflut des World Wide Web sickerte eine an Sie gerichtete Botschaft zu mir durch. Es handelt sich dabei um eine Botschaft eines Musikers namens Chryst, Chryst in diesem Fall mit Ypsilon. Chrysts Anliegen ist die Dekonstruktion des Abendlandes durch eine Revolution im Unterbewussten. Ich soll Ihnen Folgendes Mitteilen: „Mein Sohn, ich danke Dir für deinen unermüdlichen Einsatz, gebenedeit sei deine Internet-Kirche, welche Licht ins Dunkel der Bytes und Pixel bringt. Verbreite die Kunde von Chryst im ganzen Abendlande.“ Möchten Sie dem noch etwas entgegnen?

Jürgen Fliege: Entgegnen sowieso nicht. Die Kunst des Lebens heißt zuzustimmen. Ich finde es in Ordnung, ich stimme zu.

OM: Dann bedanke ich mich recht herzlich für dieses Gespräch.

Jürgen Fliege: Es war viel besser als ich dachte.

OM: Tatsächlich? Was hätten Sie denn erwartet?

Jürgen Fliege: Ich hatte irgend so einen Verrückten erwartet, der fast schon Rap-mässig mich fragt. Ich stoße auf einen Menschen der mit tiefen Gedanken durch sein bisheriges Leben wandert und das gefällt mir gut.

OM: Vielen Dank! Ja, mit Hip Hop haben wir nicht so viel am Hut.

Jürgen Fliege: Ja okay, hehe. Bis Bald.

OM: Bis Bald. Tschüß!

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