Zum 5. Mal Hütte Rockt. Ein kleines Jubiläum, zu dem Veranstalter und Gäste sich ausnahmsweise gutes Wetter verdient hätten. Daraus wurde natürlich nichts. Aber wer die Härteprobe in flächendeckender Matschepampe vom Vorjahr überstanden hat, den tangiert die fast schon traditionell hohe Niederschlagswahrscheinlichkeit eh nicht.


Freitag

Ich bin wohl etwas spät dran, von Weitem schallen mir bereits die Ska-Punk-Klänge des Openers Grenzwert entgegen. Als ich das Festivalgelände und schließlich die Bühne erreiche, kann ich gerade noch der Verabschiedung der kunterbunten Truppe beiwohnen. Mit ihnen ein junger Mann im Hasenkostüm das nach Känguru ausschaut. Die anwesenden Zuschauermassen passen noch in ein handelsübliches Wohnzimmer. Schade, schien es doch eine spaßige Angelegenheit gewesen zu sein. Da fällt mir noch auf, dass Jürgen Klopp sich als Meistertrainer nicht zu schade ist, als Ordner auf einem Provinzfestival zu fungieren. Ausbleibende Autogrammwünsche sind vermutlich dem geringen Anteil an Borussia Dortmund Anhängern geschuldet.

So sieht Hütte Rockt also bei herrlichem Sommerwetter aus, hatte man schon fast vergessen. Aber der Wetterbericht verspricht baldige Witterungsvariationen. Während der Umbaupause geht’s zum Pilsstand, wo sich ein Herr mittleren Alters lautstark über das Pfandsystem beschwert. Pfandmarken müssen nebst geleerter Becher am Getränkekartenhäuschen eingelöst werden. Er bleibt nicht der Einzige, Post-Konsum-Aufmerksamkeit ist des Biertrinkers Sache nicht. Ansonsten aber alles gewohnt dufte. Ab zu Xaja, deren Schweinebluesrock voll in Ordnung geht. Mehr Kompaktheit würde den gefühlt recht langen Songs allerdings gut tun. Einige gute Riffideen haben sie zweifellos im Gepäck. Der Coolness-Faktor wird beim Gitarrenspiel mit Kippe im Maul probiert. Zum vergleichsweise unspektakulären Set-Ende verdunkelt sich das Firmament verdächtig stark.

Das sieht nach einem kurzen, kräftigen Schauer aus. Also begebe ich mich zum Nahrungsmittelverzehr an den überdachten Dönerstand, dann bin ich fein raus. Als es dann losgallert wie nur was, fällt mir auf, dass man auch immer die Windrichtung einberechnen muss. In Sekundenschnelle ist 100% Baumwolle nicht mehr die korrekte Bestandteilsangabe für meine Kleidung, ein nicht unerheblicher Anteil Wasser hat sich eingeschlichen. Der Schauer hat sich bald gelegt. Warum die Biertresen so unterschiedlich gut besucht sind, stellt sich heraus als ich zur Abwechslung die gering frequentierte Bude aufsuche: Kein Wunder, die Getränke besitzen blasenfreundliche Temperatur.

Das Die Angefahrenen Schulkinder bereits am späten Nachmittag auftreten, halte ich nicht gerade für ideal. Was soll’s. Die bestgekleideten Herren des Tages lassen zwar heute die Wurst im Glas, obligatorische Publikumsbeleidigungen sind dafür inklusive. Das Feld ist nicht so stark gefüllt wie erwartet, vor dem die Schulkinder ein Potpourri an Klassikern der guten Laune zum Besten bringen. Einigen missfallen aber offensichtlich die dazugehörigen Labereien zwischen Evergreens wie “Daumen im Po” oder “Oohh”. Die berühmte Schnuffeltuchnummer mit Samson, Lilo und Tiffy scheint auch den Protagonisten selbst nicht allzu viel Enthusiasmus zu entlocken. Seltsam alles bei Tageslicht zu erleben, trotzdem bietet man eine geile Show mit allerhand Lachern. Wie üblich beschließen Peter Maffay und Udo Lindenberg den leider zu kurzen Auftritt. Osnabrücks Qualitäts-Untenrum-Entertainment-Crew hätte mehr Raum verdient.

Zeit mal das Zelt aufzusuchen. Klasse Idee, dort während der Pausen ein kleines Rahmenprogramm zu offerieren. Die Zu-Zweit-Unterhalter Wohnraumhelden sehen so aus wie sie heißen und zelebrieren ein Humor-Oeuvre unter Zuhilfenahme akustischer Gitarrenmelodien. Kann man sich als Hintergrundberieselung geben, verdammt lustig geht aber anders. Im Laufe der Zeit mehrt sich jedoch ihre Anhängerzahl sichtlich.

Ich kann nicht behaupten mit großer Vorfreude gen Royal Republic zu latschen. Meinen Nebenmann erinnern die Schweden an eine Schülerband. Eine ziemlich stylische. Und eine ziemlich gute. Die Vorurteile sind schnell relativiert. Der energische Rock ist definitiv das, meinerseits unerwartete, Freitagshighlight. Frontmann Adam Grahn ist ein Scherzkeks und verzagt nicht, beim Versuch die zunächst verhaltenen Leutchen aus ihrer Lethargie zu wecken. Hier kann auch abgehen wem die Platten nicht zwingend zusagen. Die Single “Full Steam Spacemachine”, aus dem letzten Album “We Are The Royal”, entpuppt sich heute als der größte Live-Knaller. Mission voll erfüllt. Und wiederum eine viel zu kurze Eruption.

Es mehren sich aus der Menge ragende, alberne Plastikwikingerhelme. Schnell ist klar: Der Großteil an Besuchern hat sich wegen Torfrock eingefunden. Trotz weitgehend kongenialem Bierpegel, ficht mich die Show nur bedingt an. Aber immerhin erweisen sich meine Befürchtungen bezüglich einer verfremdeten, elektrisch verzerrten Version von “Volle Granate Renate” als unhaltbar. Die Akustikklampfe wird ebenso rausgekramt wie das dazugehörige Holzblasinstrument. Ärger macht sich dann doch breit als ich meinen Torfrock-Favourite “Presslufthammer B-B-B-B-B-B-B-Bernhard” anscheinend, in ein Gespräch verwickelt, verpasse. Ein in meinen Ohren lahmes “Beinhart” weckt entweder Kindheitserinnerungen oder lässt Hochbetagte im Glauben sie wären echte Hardrock-Freaks. Wer die routinierte Vorstellung wiederholt sehen möchte, dem verliest Klaus Büchner noch die kommenden Tourdaten, mit Schwerpunkt auf dem 09.12. im Rosenhof Osnabrück.

Die Wohnraumhelden wirken auf mich mittlerweile wie seichtes Ballermannwedeln mit echten Instrumenten. Immer mehr Anderen gefällt’s. Ich jedenfalls ertränke meine aufkeimende Müdigkeit mittlerweile in Mineralwasser, bevor ich noch mehr Menschen mit gehörigem Schwachsinn vollsülze und verlasse das Ambiente um pomadigen Musikern beim heraufbeschwören vergangener Zeiten zuzusehen.

Boppin’ B sind schon länger am Start als Ehepaare zu Silberhochzeits-feierlichkeiten verheiratet. Und das was sie machen, 50er Jahre Rock ‘n’ Roll resp. Rockabilly mit diversen weiteren Genre-Ingredienzien, machen die Aschaffenburger unheimlich gut. Nur ist der vergangene Erfolg von Pop-Sänger Sashas Dick Brave & The Backbeats nicht nur förderlich gewesen. Boppin’ B bekamen im Zuge dessen einen enormen Popularitätsschub und nahmen gar ein komplettes Album mit Sasha-Hits auf, aber nach einer Vielzahl von Plagiaten ist, auch wenn Boppin’ B wohl das eigentliche “Original” sind, das Ding ziemlich abgefrühstückt. Vollkommen zu Recht ernten sie Begeisterung, aber mir wird die ständige Coverei doch irgendwann zu blöd.

Bisher hätten sie noch jeden Regen abgestellt, behaupten Livingston. Heute hat der Anti-Regen-Gott den Tourbus frühzeitig verlassen. Die Band ist mitleidig mit den unter Dauerbewässerung Stehenden und bedankt sich unermüdlich fürs Verbleiben. Livingston geben sich alle Mühe, doch der Kommerzrock bleibt auch in seinen berührendst gemeinten Momenten ohne Belang. Leider denkbar schlecht gewählte Headliner. Auch ein Stück in Zulu mit passender Perkussionsbegleitung ist höchstens ein willkommener Exot für Raemonn-Fans. Nach vergebenem Warten auf musikalische sowie wettertechnische Besserung in vorderster Front, verziehe ich mich für den Rest des Gigs in die Ferne auf eine trockene Bierzeltgarnitur. Am Ende können sie einem regelrecht leid tun, eine andauernde Abwanderung macht bereits die Absperrungen vor der Bühne sichtbar. Auch wenn mir ein Hütte-Rockt-Fotograf von gestiegener Nachfrage berichtet, bleibt bei mir der Eindruck eher geringerer Gästezahl als im Jahr of the Matsch.

Mit der Eloquenz eines klatschnassen Lappens, stapfe ich über die aufgeweichte Wiese dem Ausgang zu. Ein guter Tag mit reizlosem Ausklang.

Samstag

Aus der Not geboren ist es nun an mir, meinen Kollegen Ernesto zu vertreten, welcher aus zeitlichen Gründen dem 2. Festivaltag fernbleiben musste – Aber man hilft ja gern aus!

In diesem Sinne muss ich leider mit dem alles niederschmetternden Satz beginnen: “Ernesto, du hast nicht viel verpasst”.

Leider, denn die Macher des Festivals geben sich bekanntlich stets große Mühe, ein gelungenes und abwechslungsreiches Event auf die Beine zu stellen; dies ist 2011, soviel sei schon kumuliert gesagt, nur bedingt gelungen.

Über das Thema Dauerregen und Schlammschlacht mutmaßlich minderjähriger Betrunkener vor der Bühne möchte ich mich nun nicht mehr weiter auslassen. Beides gehört leider nahezu seit Anbeginn der Festivalreihe zu eben dieser.

Konzentrieren wir unseren Fokus lieber auf das Wesentliche – die Bands. Doch auch hier lässt sich die Runnig Order von 12.00 bis 21.00 recht einsilbig und schnell abarbeiten. Nett, gut gemeint, unterhaltsam. Alles nicht wirklich schlecht, aber alles auch keine echten Reisser. Die regionalen Helden Nezzer, Gunslinger, Day to Resist, Speed Bump und Sudden Death machten ihre Sache allesamt grundsolide, zeigten Spielfreude und taten ihr Bestes, um die Zuschauer vor die Bühne zu ziehen; dies gelang aber nur in Ausnahmefällen. Mit Ausnahme von dem “Hütte Rockt Bandcontest Gewinner” Day to Resist, die wohl einige Schulkameraden mitgebracht hatten, war der Plaz vor der Bühne recht überschaubar. Im Klartext heisst das: Seltenst mehr als 50 Nasen tummelten sich im Bühnenbereich. Eine weitere Ausnahme bildete die Osnabrücker Todesmetallformation Sudden Death, die, wie zu erwarten, mit absoluter Spielfreude und dem typischen Weckermanschen Bass-Ausritt ins Publikum punkten konnte. Die Jungs zogen die meist (mehr oder minder) langhaarigen vor die Mainstage; geschätzte 150 durften es gewesen sein.

Die Hambuger Skatoons trumpften dann mit einem Schön-Wetter-Ska-Punk-Mix auf. Dieser Auftritt bedeutete das erste Mal richtig Alarm am und im Bühnenbereich. “Es wurde gesungen, getanzt und gelacht”, um mal einen alten Gassenhauer zu bemühen. Das Eis war endgütlig gebrochen!!

Nö! Denn der nominelle Co-Headliner Templeton Pek tat alles, um die gute Stimmung wieder zu ruinieren. Gut, Absicht will ich dem Birminghamer Trio wahrlich nicht unterstellen, ebenso wenig fachliches Nichtwissen. Solider Brit-Punk, musikalisch nett. Dennoch schien es, als wäre die Spielfreude der Jungs um Basser/Sänger Neal auf der Insel geblieben – dabei sollten sie sich doch im GM Hütter Regen fast wie daheim fühlen. Lange Rede gar kein Sinn; der Auftritt schwankte zwischen mau und überflüssig, entsprechend wanderte der Groß-Großteil der vorher von den Skatoons in Verzückung gesetzten Zuschauer wieder in trockenere Gefilde Richtung Second Stage (Zelt) ab, um sich auf einen der Pausenfüller-Gigs von Das Pack, die mit munterem Fun-Rock-Metal die Fans begeisterten, vorzubereiten. Genau 13 Leute zählte ich noch vor der Bühne, während sich Templton Pek anschickten, ihren Kurz-Track “30 Seconds too far” zu zelebrieren. Der Song dauert tatsächlich nur die versprochenen 30 Sekunden und soll den Rekord für das kürzeste Lied in den Charts brechen. Ein hohes Ziel.

Nun dann aber doch Bewegung vor und auf der Bühne. Es wurde hektisch geschraubt, das Licht wurde neu justiert, das gesamte Drumkit umgebaut. Der Headliner kommt! Wie zu erwarten dauerte der Umbau doppelt so lang wie veranschlagt; Headliner-Bonus eben. Einige Fans hielten sich mit obzönen Rufen Richtung Band über Wasser (ob es wohl betrunkene Minderjährige waren? Wer weiss das schon…), der Großteil aber der nun sicherlich 500-600 Fans vor der Bühne schwelgte in froher Erwartung auf die H-Blockx aus dem benachbarten Münster.

Die Mannen um Mastermind Henning, mit dem OsnaMetal.de erst jüngst noch ein Interview führen durfte wirkten professionell und hatten die Fans von Beginn an im Griff. Es gab viel Interaktion und auch Klassiker wie “Move”, “Risin´ High” und natürlich das Cash-Cover “Ring of Fire” durften nicht fehlen. Genau 70 Minuten taten Fans und Band erfolgreich alles, um der 2011er Ausgabe des Hütte Rockt Festival noch einen Glanzpunkt in einem sonst eher als mittelmäßig mit positven Ausschlägen zu bewertenden Event zu geben.

Es wurde weiter viel in die Festival-Infrastruktur investiert. Verbesserung der sanitären Anlagen (im VIP-Bereich gab es sogar Duschcontainer – ein Luxus, den nichtmal ein Major-Festival wie das Summer Breeze aufweist *Seitenhieb*), Sound und Technik im Generellen waren überdurchschittlich und die bei Events dieser Größenordnung nötigen Securitys machten einen guten Job. Der Regen gehört anscheinend inzwischen zum Programm (in Anlehnung an den bekannten W:O:A-Slogan sollte man sich vielleicht den Spruch “Hütte Rockt – No shine, only rain” auf die Mützen sticken). Einzig das Billing war 2011 in Bezug auf Bands und Spielzeiten teilweise unglücklich zusammengestellt.

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