Mit dem Ende 2010 erschienen „Der Freiwillige Bettler“ hat das holländische Duo Urfaust erneut ein Meisterwerk unkonventionellen Black Metals veröffentlicht, mit dem die Beiden eindrucksvoll ihre Ausnahmestellung innerhalb der ‚Szene‘ manifestieren und dieser zudem erneut ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken. Die Gelegenheit Einblicke in die düstere, morbide Welt dieser Band zu erlangen, musste einfach ergriffen werden. Schlagwerker VRDBR war so freundlich Rede und Antwort zu stehen.

Interview mit dem holländischen Duo Urfaust vom 29.03.2011

Interview mit dem holländischen Duo Urfaust vom 29.03.2011

OM: Hi VRDRBR, da über euch nur wenig bekannt ist und ihr bisher nur wenige Interviews gegeben habt, erzähl unseren Lesern, die eure Musik vielleicht noch nicht kennen, doch zunächst ein wenig über Urfaust, das Konzept dahinter und wie alles entstanden ist.

VRDRBR: Urfausts Musik folgt dem Stil der frühen Burzum und Isengard Alben. Diese alten Aufnahmen sind die Grundlage unserer Musik und stellen für uns immer noch eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration dar. Der Urfaust Sound folgt dem Geiste des alten Black Metal und das war auch der Hauptgrund für uns die Band zu gründen, um diesen Sound am Leben zu erhalten und die Flamme weiterzutragen.

OM: Euer Sound ist einzigartig und auf jeden Fall weit von jedem Stereotyp entfernt. Wenn ich eure Musik höre, frage ich mich häufig, wie es euch immer wieder gelingt, die typische Urfaust-Atmosphäre zu erzeugen und einzufangen. Erzähl uns doch bitte etwas über den Prozess des Songwritings und die Aufnahmen zu eurem aktuellen Album – und darüber wie ihr generell an einen Urfaust Song herangeht.

VRDRBR: Wir sind Teil der Atmosphäre die wir erschaffen … genauso wie unsere Bräuche, unsere Rituale. Kein Schnickschnack, keine aufwändigen Studioeffekte: Wir brauchen nur einen ruhigen Ort, an dem wir ein paar Drinks kippen können, einige Mikrophone, Mr. Deportator für die Aufnahmen und etwas altes Vintage Equipment: kaputt, geliehen, gestohlen oder selbst gekauft, darum geht es nicht: Wir sind was wir erschaffen und wir erschaffen was wir sind.

OM: Vor der Veröffentlichung von „Der freiwillige Bettler“ hörte ich, dass ihr Teile des Albums in einer alten Kirche aufgenommen habt und dass ihr während der Aufnahmen eingeschneit seid. Stimmt das und hatten diese Umstände Einfluss auf das Endergebnis?

VRDRBR: Ja, die Umgebung und die Umstände unter denen das Album entstanden ist waren ziemlich rau und würden wohl die meisten Leute abschrecken: Ich lebe in einer sehr abgeschiedenen Ecke, weit weg von den übervölkerten Teilen im Norden der Niederlande. Dies war der perfekte Ort für uns, um unsere Rituale durchzuführen. Es war sehr einsam, sehr einfache Verhältnisse, keine Heizung, kein warmes Wasser – wir konnten froh sein, genug Elektrizität für den kompletten Aufnahmeprozess zu haben. Wir wurden durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten und hatten keine Möglichkeit den Hof zu verlassen, da der Feldweg, der zur nächsten Straße führte vom Schnee bedeckt war. Einige Rituale haben wir auch im Bunker – unter ähnlich angenehmen Umständen – aufgenommen. Unsere Rituale in derartig trostlosen Verhältnissen durchzuführen, mit Hilfe unseres Aufnahme-Meisters Deportator, versetzt uns in die richtige Stimmung und führt uns in die totale Finsternis. Das okkulte Feuer in unserem Inneren wird von den Geistern des Alkohols angeheizt und wir tauchen in eine unbekannte Welt ein, die weit von diesem Ort entfernt ist … Je größer das erbrachte Opfer desto besser das Ergebnis!

Zu der Geschichte mit der Kirche: Seit wir unsere Aufnahmen dort beendet haben, wird die Kirche nicht mehr genutzt, da der hiesige Pastor davon überzeugt ist, wir hätten dort etwas zurückgelassen. Wer weiß, was wir dort zurückgelassen haben, es könnte das gleiche Wesen sein, dass wir am Ende unseres Rituals auf Island heraufbeschworen haben, welches den Vulkan Eyjafjallajökull ausbrechen ließ.

OM: Die Stimme ist ein wichtiger Teil eurer Musik, die gleichzeitig eine ganz eigene Aura besitzt. Auf „Der Freiwillige Betller“ verleiht IX eurer Musik mit seinem Organ erneut in gewisser Weise eine zusätzliche Dimension. Kannst du einen Einblick geben was ihn in dieser Hinsicht inspiriert?

VRDRBR: IX wurde schon immer vom Paradox der Verbindung cleaner Vocals und extremer Musik inspiriert, wie zum Beispiel von den alten Scorn und Godflesh Alben. Urfaust setzten die Stimme auf viele Arten ein.

OM: Auf „Der Freiwillige Bettler“ finden sich mit den Songtiteln „Der Mensch, die kleine Narrenwelt“ und „Ein leeres Zauberspiel“ erneut Anspielungen auf Goethes Faust, während der Titel des Albums und alle anderen Songs von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ abgeleitet wurden, ein Thema, das sich ebenfalls bereits auf älteren Veröffentlichungen wiederfindet. Welchen Einfluss haben die Werke Goethes und Nietzsches auf eure Arbeit, einmal abgesehen von der Namensgebung und könnten in Zukunft auch noch andere literarische Werke als Inspiration dienen?

VRDRBR: Diese Titel passen auf sehr avantgardistische Weise zu den Urfaust Kompositionen, ähnlich wie bei den Titeln von Kunstwerken.

OM: Nachdem ihr die Splits mit The Ruins Of Beverast und Joyless, die Einsiedler-EP und nun euer neues Album über Ván Records veröffentlicht habt, stellt sich die Frage, wodurch sich diese Label für euch von anderen Plattenfirmen unterscheidet? Was können sie beitragen, wozu andere Labels nicht in der Lage sind?

VRDRBR: Ván Records ist das professionellste Label mit dem wir je zusammengearbeitet haben. Sveinn ist nicht nur ein guter Freund, er steht auch zu 1000% hinter dem Label, seinen Bands und der Sache…

OM: Was steht als nächstes an? Wie sehen eure Pläne für die nächste Zeit, aber auch für die ferne Zukunft aus? Nebenbei bemerkt, hoffe ich, dass wir nicht wieder fünf Jahre auf das nächste Album warten müssen?

VRDRBR: Wir werden sehen, wohin uns unser Weg führt … vielleicht war dies das letzte Album, vielleicht ist es eins von vielen, die noch kommen … Wir werden unsere Rituale nicht nur in bekannten Orten darbieten, für unsere alkoholischen, schwarzen, mystischen Riten werden wir auch zu unbekannten Orten auf der ganzen Welt reisen. IX arbeitet momentan an einigen neuen Stücken, wenn „Der freiwillige Bettler“ eure Sinne berührt hat, werden diese neuen Kompositionen euren Geist zerstören. Das Endergebnis bleibt wie immer verborgen bis man das Vinyl in seinen stinkenden Klauen hält.

OM: „Geist ist Teufel“ wurde 2009 via Terratur Posession wiederveröffentlich und es gab Gerüchte über eine Neuveröffentlichung von „Verräterischer, nichtswürdiger Geist“. Gibt es diesbezüglich etwas Neues zu berichten? Persönlich würde mich zudem interessieren, ob Pläne für eine neue Ausgabe von „Auerauege Raa Verduistering“ bestehen?

VRDRBR: Ja, es gab Gerüchte, es gab verschiedene Meinungen, Leute haben diskutiert und nachgedacht, andere haben darüber geschrieben und einfach etwas behauptet: keine Ahnung ob und wann es passiert. Das wird die Zeit zeigen. Die Leute wissen einen Scheiß!

OM: Urfaust sind berüchtigt für ihre Live-Auftritte, die sorgfältig ausgewählt zu werden scheinen. Im April werdet ihr mit Alcest, Farsot und Dornenreich in Köln auftreten. Für einige Urfaust-Maniacs scheint dieser Rahmen unpassend. Wie kam dieses Billing zustande und was denkst du selbst darüber?

VRDRBR: Wir sind nun schon seit 20 Jahren in der Metal-Szene mit verschiedenen Bands unterwegs und wir geben mittlerweile einen Scheiß auf die Szene und alles was dahinter steckt. Sorry, aber wir sind einfach zu alt dafür. Wir haben in der Vergangenheit unsere Kämpfe ausgefochten aber die Szene zu der wir einst gehörten existiert in den Niederlanden nicht mehr – sie hat uns und unseren Sound am Horizont zurückgelassen. Ich frage mich warum die Leute dieses Ritual unpassend finden: Wir haben Gigs mit extremen Black Metal Bands gespielt, mit fürchterlichen Death Metal Bands, Doom Metal Bands, okkulten Heavy Metal Bands, beschissenen Thrash Metal Bands und Sludge Metal Bands, in wie weit war das anders? Für uns zählt einzig und allein, dass wir unser Ritual für die URFAUST MANIACS darbieten können. Darum tun wird das, wir wollen unseren deutschen Anhängern die Chance geben, unsere berauschenden Rituale live in Deutschland zu sehen, wir wollen, dass sie sich wie betäubte Zombies berauschen lassen. Wir wollen ihnen Einblick in die Leere geben, in einen völlig leeren Geisteszustand. Nach unserem Ritual wollen wir irgendwo in Köln trinken und die Hölle lostreten … Mit alten und neuen Kameraden. Darum tun wir das alles … ist das unpassend? Das ist uns sowas von scheißegal. Urfaust zu sehen kann einem jüngeren Publikum einen Eindruck davon vermitteln, wie sich Black Metal vor zehn oder zwanzig Jahren angehört hat.

OM: Vielen Dank für das Interview. Nutze abschließend doch bitte die Gelegenheit hinzuzufügen, was noch nicht angesprochen wurde, du aber als wichtig erachtest.

VRDRBR: Lauft nicht mit der Herde. Euren Geist zu leeren und alles hinter euch zu lassen ist ein schwerer Weg, aber es lohnt sich. Unglücklicherweise werden die meisten Menschen dies oder auch nur einen Bruchteil davon nie verstehen.
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Datum: 29.03.2011
Autor: T.


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