„Mutter sind einfach Kult. Ich hab’ die mal gesehen, eher zufällig, in Bonn. Der Sänger hat sich während des Konzerts einen Teller Suppe auf die Bühne kommen lassen. War wohl Bohnensuppe. Jedenfalls hat er dann im Instrumentalteil des Songs angefangen die Bohnen aus der Suppe zu Fischen und sein Gesicht damit dekoriert. Nach ungefähr 3 Minuten war sein ganzes Gesicht voller Bohnen, nur der Mund war noch frei. Dann hat er sich den Rest der Suppe über den Kopf gekippt. Das sah echt ganz schräg aus. Der ganze Kerl voll Suppe. Das Lied danach war sehr rockig, und der Sänger hat sich voll viel bewegt. Die ganze Suppendekoration fiel wieder von ihm ab. Als dann sein Gesicht wieder zum Vorschein kam, sah man, dass die Suppe wohl sehr heiß war, denn seine Fresse war voll Rot. Er hat aber bis zum Ende durch gesungen. Abgefahren war das. Die Musik fand ich allerdings eher behämmert bis experimentell.“


So „Abgefahrenes“ wie diese, im Forum der Seite plattentests.de gefundene, Erfahrungsschilderung, kann ich leider nicht berichten. Doch gut eine Woche nach dem Mutter-Konzert im Osnabrücker Glanz & Gloria, rotieren noch immer, beinahe ausnahmslos, Mutter-Tonträger daheim in der Anlage. So schlecht kann es wohl auch ohne Bohnensuppe nicht gewesen sein.

Es ist das letzte Konzert der Tour. Eine viertel Stunde nach Einlass trudle ich in der Spelunke ein. Niemand konnte sich zur Begleitung überreden lassen, schon gar nicht meine Lebensabendgefährtin. Die Duldung des Mutter-Pinup-Kalenders (beinhaltet Zeichnungen von Max Müller, ein Restbestand ist noch immer erhältlich, lohnt sich auch zum Jahresende noch, als nette Dreingabe gibt es pro Monat ein unveröffentlichtes Stück als Download) im Wohnzimmer, hält sie für ausreichend. Die Einsamkeit will sich nicht so recht legen, denn außer mir ist niemand da. Nicht ausgeschlossen, dass es so bleibt, ich vermute Osnabrück nicht zwingend in der Rolle einer Mutter-Metropole.

Zu Konzertbeginn hat sich immerhin eine etwas größere Schulklasse, bestehend aus Personen verschiedenster Altersstufen, vor das Podest gesellt, während Gitarrist und Weltenbummler HF Coltello, den man in Mutter-Videos vor allem Bier trinken sieht, das lang kriechende Stück „Stimmen“ einleitet. Es mag das – im wahrsten Sinne des Wortes – schwerste Stück des neuen Albums sein, gleichwohl mein liebstes. Keyboarder Tom Scheutzlich, Bassist Michael Fröhlich und der enorm effektive Schlagzeuger Florian Koerner zu Gustorf (hauptberuflich Filmproduzent), der seiner behaarten Brust ungern Textilien zumutet, stoßen dazu und erschaffen den ersten großen Moment des Abends. Sänger Max Müller bahnt sich problemfrei, weil viel Platz, den Weg durch die Besucherschar. Der spindeldürre Mann ist Jahrgang 1963, wirkt aber mit seiner beneidenswerten Mähne eher wie ein zeitloses, humanoides Insekt. Er scheint übellaunig und unnahbar. Er ist bzw. performt seine Texte. Außer einem zynischen Dank für Applaus hat er kaum Gesprächsbedarf. „Bitte nicht reden zwischen den Liedern. War ’n Scherz,“ bemerkt er ambivalent, um vor dem nächsten Stück wieder Unterhaltungen zu unterbinden. Bei „Regenwurm“ sieht man ihn vor der Bühne kauern, wandelnd durch die umstehenden Blicke und sich auf eine Seitenbank setzen, um singend einen herumliegenden Veranstaltungsflyer zu begutachten.

Der Schwerpunkt liegt klar auf den letzten beiden Alben „Trinken Singen Schiessen“ und „Mein kleiner Krieg“. Live mit massigeren, hypnotischen Noise-Wänden, in denen jene anziehenden, atmosphärischen Klangmuster entstehen, welche klebrige Fangnetze spinnen. Und ebenso einzigartig wie auf Platte. Die Band besitzt im Zusammenspiel eine schwer greifbare, wuchtige Ausstrahlung. Warum das kaum jemanden interessiert, bleibt ein Rätsel.

Nach neunzig Minuten ist Schluss. Ein erneuter Gang zum Merchandise-Stand und dann ab nach Hause, weiter Mutter hören.

So, was war das jetzt eigentlich? Ein Spaß rieselndes Happening geht anders. Vielleicht mürrische Depression, die glücklich macht. Wenn ich die geklaute Einleitung nun auf mein Erlebtes ummünze, liest sich das wie folgt: Mutter sind einfach verehrungswürdig. Ich hab’ die mal gesehen, ganz mutwillig, in Osnabrück. Der Sänger hat sich vor dem Konzert die Haare wachsen lassen und ist auf die Bühne gekommen. Waren wohl echte Haare. Jedenfalls hat er dann im Instrumentalteil des Songs angefangen, die Haare zu schütteln um mit denen sein Gesicht zu dekorieren. Nach ungefähr 3 Minuten, möglicherweise auch weniger, war sein ganzes Gesicht voller Haare, nicht mal der Mund war mehr frei. Dann hat er sich seines Pullovers und seines Hemds entledigt. Das sah echt ganz schräg aus. Der ganze Kerl ohne Pullover und Hemd. Das Lied danach war sehr rockig und der Sänger hat sich voll viel bewegt. Die ganze Gesichtsdekoration fiel hin und wieder zur Seite. Als dann sein Gesicht wieder zum Vorschein kam, sah man, dass die Haare wohl sehr schweißig waren, denn seine Physiognomie war voll verschwitzt. Er hat aber bis zum Ende durch gesungen. Abgefahren war das. Die Musik fand ich übrigens unheimlich geil.

Setlist:

  • Stimmen (Kannst du sie hören)
  • Häuser ohne Augen
  • Wohltäter
  • Krieg ist vorbei
  • Loch
  • Wo die Sonne nicht scheint
  • Regenwurm
  • Die Alten hassen die Jungen
  • Böckhstr. 26
  • Erlösung von Oben
  • Von dem schönen Schein und dem dummen Sein
  • Spoorlos
  • Wir waren niemals hier

Zugabe:

  • Zwischen Zeilen lesen

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