Zur fünften Auflage des Nezzerama-Festivals lud die Band Nezzer als Namensgeber und Organisator eine Vielzahl von Bands ein, die ein breites Spektrum an Genres abdeckten. Eine Bilanz:


Eingeleitet wurde das Konzert durch die Osnabrücker Band Dolby Chantal. Nie gehört? Kein Wunder: Dem Vernehmen nach sind sie nicht nur ein recht junger Stern am Osnabrücker Bandhimmel, sondern auch Vertreter eines Genres, das dem durchschnittlichen OsnaMetal.de-Leser wohl meistens fremd ist. Fern der immerhin recht offenen Grenzen, die durch die Begriffe „Metal, Gothic, Rock und Punk“ abgesteckt werden, hat sich das Sextett lupenreinem Pop verschrieben.

Nun ja, Derartiges hört man ja alltäglich im Radio, hat sich also daran gewöhnt. Und zur Ehre der Band sei gesagt, dass sie sicherlich nicht zu den schlechtesten Vertretern ihrer Zunft gehören, mit ihrem Genre aber die Erwartungen des durchschnittlichen Rockkonzertbesuchers nicht erfüllen. Immerhin waren viele der Konzertbesucher überdurchschnittlich, so dass die Resonanz auf die erste Band des Abends recht wohlwollend war, zumal Sängerin Rosalie – das sei an dieser Stelle nicht verschwiegen – eine bezaubernde Augenweide darstellte.

Direkt nach Ende des Auftrittes von Dolby Chantal begannen Mangelware auf der kleinen Bühne (für Ortskundige: Im Foyer der Lagerhalle) ihr Set. Die vier Musiker, die sich 1997 in Bad Bentheim zur Band zusammengefunden haben, spielten deutschsprachigen Pop-Rock, der ein wenig an Bands wie Kettcar oder entfernt Tomte erinnerte. Leider weniger interessant als letztere und auch musikalisch weniger ansprechend als erstere. Sehr poplastig, sehr ruhig, textlich herzschmerzorientiert belanglos – eine Band, die ebenfalls sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist oder sein muss. Aber auch sie fand ihre Freunde, die mit dieser Musik etwas anfangen konnten.

Positiv überrascht wurde ich dagegen von den folgenden Credenza. Recht progressiver Alternative Rock, der mit wuchtigen Hardcore- und Metaleinschlägen nicht geizte. Er sorgte für ein entspanntes Dröhnen im Trommelfell und bewies, dass es sich bei dem Quartett um eine der vielen regionalen Bands handelt, die völlig zu Unrecht noch nicht ins Bewusstsein der Osnabrücker Konzertgänger gedrungen sind. Erdig, druckvoll und mit reichlich Sendungsbewusstsein fand die Darbietung der Gruppe leider nur vergleichsweise wenig Resonanz im doch recht vollen Saal der Lagerhalle.

Es folgte, wiederum auf der zweiten Bühne, eine Fortsetzung des Mangelware-Sets, bevor die oftmals heftig diskutierten Therapiezentrum auf der Hauptbühne erschienen. Der neue Schlagzeuger Daniel Krämer, der Jan Hendrik Heuer abgelöst hat, scheint sich auch gut eingelebt zu haben: die Band brachte mit gewohnter musikalischer Souveränität ihre deutschsprachigen Poprock-Stücke und beeindruckte diejenigen Zuschauer, die schon die ersten „Gehversuche“ der Band vor einigen Jahren mitbekommen durften, wieder einmal durch eine erstaunliche Entwicklung. Namentlich Frontfrau Gianna demonstrierte durch einen beständigen Gratwandel zwischen Bühnenvamp und „Unschuld vom Lande“, dass sie sich auf der Bühne wohl fühlt.

Zurück zur zweiten Bühne: (Anwsers from) the great beyond warten nicht nur mit tiefschürfender Namensgebung auf, sondern vermischen auch in ihrer Bandbeschreibung Tief- und Unsinn bis zur Unkenntlichkeit.

Das lässt jedoch keine Rückschlüsse auf das musikalische Wirken zu, das durchaus solide ist. Mehr leider auch nicht, denn statt Dynamik oder Kraft beweist die Stimme von janeBODEGA, die von robertS und Wong Doe musikalisch begleitet wird, eher Müdigkeit. Viele sahen das anders, was wiederum bewies, dass dieser Abend so ziemlich jedem Musikgeschmack etwas zu bieten versuchte.

Zwischendurch empfahl sich der Blick auf den Merchandise-Tisch des Osnabrücker Labels Timezone, das unter anderem für die Osnabrücker Band LaminiusX wie auch für die Gruppe Hyper (Manch einem bekannt durch die Fußballhymne „Fühl die Elektrizität“) zuständig ist. Vor allem aber auch für den Nezzerama-eigenen Sampler, der mit insgesamt 17 Stücken sämtliche Bands des Abends wiedergibt und für zehn Euro nach wie vor erhältlich ist, beispielsweise unter www.timezone-records.de.

Genug der Verbraucherinformation: Es wäre inkonsequent, würden Nezzer nicht auf ihrem eigenen Festival spielen. Pure, handgemachte Rockmusik liefern die Jungens dabei ab, ohne großartige Innovationen – aber auch ohne größere Anlässe für Kritik. Musikalisch eigentlich top, die Jungens. Was im Grunde noch fehlt ist ein wenig mehr Dynamik von Sänger „Tifty“, der doch eher unbewegt scheint. Das tat der Freude keine Abbruch, Freunde der sympathischen Jungens und all die, die noch Freunde werden wollen, schienen gut zufrieden und feierten die Gastgeber des Abends.

Nach einem folgenden zweiten Intermezzo von (answers from) the great beyond schickten sich Area24 an, das Publikum zu begeistern. „Nanu“, mag sich da der eine oder andere Freund handgemachten Deutschrocks unversehends gedacht haben, „die Stimme kenn ich doch!“. Und tatsächlich: Der Frontmann MatthiK, der so unversehends aus der Ecke Gothic Rock schallt, war lange Zeit Stimme (und Gitarrenträger) der Deutschrocker Morgentot, die leider Gottes seit Juni 2008 ihre Band „aus Eis gelegt“ haben, wie es die MySpace-Seite verrät.

Um so mehr lohnt sich der Blick auf das Projekt Area 24. Hier hat MatthiK sich von deutschsprachigen Texten verabschiedet und schickt sich in englischer Sprache ungleich düsterer an, neue Pfade einzuschlagen. Schwarze Gewandung und Kerzenlicht dienten als optische Untermalung dieses Vorhabens, das noch stark rocklastig, aber auch deutlich spürbar „dunkler“ wird. Das von Morgentot gewohnte Spiel mit vielsagenden Andeutungen bleibt jedoch – glücklicherweise – erhalten, so dass Area24 auch für Freunde von Morgentot interessant sein dürfte.

Auf der Nebenbühne im Foyer versuchte sich ein Duo unter dem Namen Strothmann & Günzel als Singer und Songwriter, das zwar auf den Nezzerama-Flyern und der entsprechenden Website angekündigt wurde, zu dem es aber nirgends weitere Informationen gab.

Das Rätsel löste sich teilweise auf, denn manch einer erkannte unter dem als Strothmann firmierenden Teil des Duos Markus Strothmann, den Frontmann von Boozed. An diesem Abend verschlug es ihn mit seinem Kommilitonen Günzel jedoch in deutlich ruhigere Gefilde, die, dem flüchtigen Vernehmen nach, humoristische Ambitionen bewiesen.

Highlight des Abends waren unbestritten die folgenden Safkan, die den musikalischen Reigen beendeten. Türkisch-deutsche Rockmusik ist nicht nur ein neues und damit ziemlich innovatives Konzept, es wurde hier auch bravourös umgesetzt: Ordentliches und kräftig vorwärtstreibendes Riffing, mit orientalisch anmutenden Schnörkeln verziert, begleitete die türkischsprachigen Texte. Und, um sämtliche Einwürfe der Art „Parallelgesellschaften“ und „in Deutschland spricht man deutsch“abzuwürgen: Dass die Musiker des Deutschen durchaus mächtig sind, bewiesen die Ansagen zwischen den Stücken mehr als deutlich. Bemerkenswert ist, dass es auch andersherum geht: Gitarrist Matze Lohmöller, als Betreiber des DocmaKlang-Studios (und ebenfalls Gitarrist der erwähnten Morgentot) eine unverzichtbare Größe der regionalen Musikszene, hat seine Vokabeln jedenfalls ordentlich gepaukt und sang als Background-Sänger auf türkisch mit. Imposante Leistung, der die Leistung der übrigen Bandmitglieder allerdings in nichts nachstanden.

Damit bildeten Safkan einen würdigen Abschluss eines Konzertes, das tatsächlich den Geschmack vieler getroffen haben dürfte. Für engstirnige Genre-Ideologen war freilich kein Platz, dazu war die Vielfalt einfach zu breit gefächert. Unter den Anwesenden dürfte es jedoch niemanden gestört haben.

Setlist Dolby Chantal

  • 01 Lichtjahre
  • 02 Engel
  • 03 Immer der Regen
  • 04 Dieses Lied ist Liebe
  • 05 Einsamkeit
  • 06 Celebration
  • 07 Mittendrin

Setlist Mangelware

1. Block

  • 01 Lebe deinen Tag
  • 02 Noh J 889
  • 03 Mein Gegenüber
  • 04 Rauchen verboten
  • 05 Happy Birthday
  • 06 Wir treffen uns um 3

2. Block

  • 07 Wohnungssuche
  • 08 Praktikant
  • 09 Halber Mensch
  • 10 DAFE
  • 11 Würdest du
  • 12 Badekappenpflicht

Setlist Therapiezentrum

  • 01 Hass mich
  • 02 Mädchen mit Jeans
  • 03 Willenlos
  • 04 Blase im Schaum
  • 05 Ich verzichte
  • 06 Regenfeeling
  • 07 Nahezu perfekt
  • 08 Mach die Augen auf
  • 09 Orientierungslos

Setlist Nezzer

  • 01 Wasting
  • 02 Insight
  • 03 Under control
  • 04 Lord of lies
  • 05 Rent
  • 06 Send me out
  • 07 Lipsticks
  • 08 Radio
  • 09 Red plastic

Setlist Safkan:

  • 01 Safkan
  • 02 Özgürlük adina
  • 03 Her sey senin elinde
  • 04 Hadi yoluna güzelim
  • 05 Uyan
  • 06 Melegim
  • 07 Sen kaybettin
  • 08 Leyla
  • 09 Sari cizmeli mehmet aga
  • 10 Dargin
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