Aha. Die Gemeinde St Martinus hatte also zum Rockabend geladen. Das konnte ja mal interessant werden, denn wer „Rauchverbot“-Schilder auf den Toiletten aufhängt, hat auch meistens nicht viel über für Musik der harten Gangart. Ein großes Festivalzelt jedenfalls mit Platz für ca. 200 Mann bot den Veranstaltungsort dar und implizierte an diesem schwülen, heißen aber auch sehr sehr stickigen Tage einen Abend, an dem man die Flüssigkeit nicht unbedingt auf normalen Wege loswurde, sondern sie wahlweise auch über den ganzen Körper absondern konnte.

Aber auch einer, an dem allerlei Vorurteile verworfen werden sollten:

Relativ pünktlich, um 21:10 h nämlich, startete die erste Band. Ein alter Bekannter aus

Hagen direkt, die Deutsch-Punkrocker Pannkooken. Trotz der Bullenhitze, die sich

zusehends im heiligen Festzelt staute, hatten sich nahezu alle Besucher, hauptsächlich junges

Publikum zwischen 13 und 19 Jahren, in besagte Textilbehausung gequetscht.

Circa 100

Leute durften dem für die Musik der vier Schreihälse ungewöhnlich theatralischen Intro

beiwohnen, das als musikalische Türklinke für einen Abend voller wirklich interessanter Acts

diente.

Gleich beim ersten Song brachen die in den ersten drei Reihen stehenden, vermutlich festen

Anhängern von Pannkooken in akuten Pogotanz aus, der aber aufgrund des drückenden Klimas

Gleich darauf eine Pause forderte. Die Begeisterung des jungen Publikums minderte sich

jedoch keineswegs, denn der äußerst versierte Mischer aus dem Ostbunker dessen Namen ich

immer wieder vergesse, sorgte dafür, dass der Sound von der ersten bis zur letzten Combo das

Zelt aus allen Nähten flattern ließ. Eine Seltenheit heutzutage.

Auch der zweite Song überzeugte den Verfasser und anscheinend auch das Publikum.

Wippende Köpfe zum wirklich äußerst gekonnten Soli und Tappings vom Mann am 6-Saiter

machten die gute Stimmung fassbar. Man hatte fast schon vergessen, dass man eine typische

Punkband vor sich hatte und stand kurz davor, alle Vorurteile fliegen zu lassen, als der

nächste, dritte Song vom Mann am Mic mit einer groß angelegten „Kapitalismus ist

scheiße!“-Rede eingeleitet wurde. Jedem das seine, dachte ich mir, und die gen Zeltdach gehobenen Fäuste bestätigten meinen objektiv-toleranten Gedankengang, der gleich darauf belohnt wurde, als nämlich der Herr Sänger aus einem wie aus dem nichts aufgetauchten Keyboard feine Synthi-Töne hervorzauberte. Prog-Punk etwa? Ein Auftritt voller Überraschungen!

Der Rest des Gigs gestaltete sich eher profan, da die Band wenig Bühnenarbeit leistete, und dennoch voll überzeugte. Konstant gute Gitarren- und Bassarbeit führten auch Punkmuffel zu der Einsicht, dass Punks nicht nur Punks sind, weil sie nur vier Akkorde kennen, ganz im Gegenteil nämlich: diese Vier Politzecken standen dem Anschein nach mit ganzem Herzen und mit voller Überzeugung hinter der Musik, nicht etwa aus beschränkter Musikalität. Respekt.

Der Klassiker „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ gab der Menge den letzten Kick, und mit tiefsinnigen Ansagen à la „Rückt mal alle vor, dass ist alles progressiv hier!“ sorgten Pannkooken für einen gelungenen Einstieg in den Abend und für beste Unterhaltung.

Um Punkt 22:00 h kündigten sich A colour cold Black an, die mit ihrem konstant wechselnden Stilelementen a) schwerst zu definieren waren und b) das weniger anspruchsvolle und geduldige Publikum mit ihren intelligent arrangierten Balladen und Brechern aus dem Zelt trieb, sodass nur noch knapp die Hälfte des anfangs anwesenden Publikums im Zelt zu sehen war.

Vielleicht tat auch die Hitze ihren Teil dazu, aber nun denn…

Mit leicht verbessertem Sound spielten sich die aus nur drei tapfer gegen Hitze und den Mange an Aufmerksamkeit kämpfenden Hannoveraner durch ein Programm irgendwo zwischen Hard-Rock, Stoner, Grunge und Postcore, das auch den ein oder sogar auch den anderen Hit wie „Pull it up“ durchblicken ließ. Nette Licks und äußerst schöne Zusammenarbeit auf der Bühne boten höchsten Unterhaltungswert.

Der interessante Groove-Metal Song „Katerkopf“, dem einzigen deutschsprachigen Song dieser Combo bot abgedrehtes Riffing, der Rockknaller „Autumn Leaves“ schönes Schießbudengeballer und feine, zweistimmige Bass und Gitarren Kommunikation.

Im Nachhinein ließe sich diese Band eventuell irgendwo versteckt zwischen „Tool“, „Alice in Chains“ und vor allem „Biffy Clyro“ finden, aber das ist mir bei dieser Band ein wirklich viel zu verdammt schmaler Grad.

Mit heftigem Applaus nach jedem Song lies die aufmerksam zuhörende Interessentengruppe dem Trio den gebührenden Respekt zukommen, und als ich zeitweise das Zelt aufgrund akuter Lust auf Atemluft verließ, fand ich doch tatsächlich die Anhänger von Pannkooken pogend vorm Zelt. So war das also.

Insgesamt eine sehr interessante Band, die mehr Publikum verdient hätte.

Als dritte Band wurden Radiant angekündigt. Und zwar von eben dem Moderator, der sich mit seiner Autoscooterbudenmannstimme und Sonnenbrille schon beim Turbojugend-Festival die Ehre gab, dass sich nur wenige Wochen vorher auf der anderen Straßenseite zugetragen hatte.

Dieser schon etwas bekanntere Fünfer aus Osna und Hagen überzeugte vom ersten Song um 23:15 an mit hartem, progressivem Emo-Rock ohne viel Geschrei, das, wenn es denn mal zum Einsatz kam, einem blitzartigen Orgasmus gleichkam. Dem braven Menschen am Mikro würde man allein vom optischen (nicht böse gemeint) weder den außerordentlich sicheren Gesang, noch die gute Stimme und das entladende Screaming zutrauen, denen er sich, umringt von seinen Vier Mitstreitern, die von der ersten Minute an Glaubwürdigkeit und Erfahrung gepaart mit Spaß und Hingabe vermittelten, bis zur Ekstase hingab.

Dieser Kerl dort auf der Bühne vereinte ziemlich alle Qualitäten, die der souveräne Allroundsänger heutzutage so vorzuweisen hat: eine gute, zarte Singstimme, glasklare Kopfstimme, ohrenbetäubende Screamoqualitäten sowie (und gerade dieses in Perfektion) eine Imitation von „James Hetfield“, wie ich sie ausserhalb von Nutellicakonzerten so noch nicht gehört habe.

Die Fünf rockten sich zwischen „Paradise Lost“, „Disturbed“ und „Finger Eleven“ hin und her und boten eine Vielfalt und ein Ohrwurmpotential dar, welches an diesem Abend zweifelsohne seinesgleichen suchte.

Auch die Coverversion von „Cemetery Gates“ von „Panthera“ wurde stilecht und mit unglaublich authentischen Gitarrenparts inklusive dem kompletten Solo und allem anderen drum und dran perfektioniert rübergebracht. Applaus, Applaus.

Alles in allem ein catchy Team, von dem man noch hören wird, wenn man nur will.

Um 23:30 läuteten Bitter Orange den Schluss der Veranstaltung ein. Aber mit was für Glocken! Treffend wurden kurz vor Beginn des Gigs alle unter 16 jährigen des Zeltes verwiesen, und das war auch wohl ganz gut so, denn mehr als eine Stunde lang schwitzten Stefan und Konsorten Blut und Wasser, während sie sich durch rund 19 (!!) Songs rockten, die allesamt nur ein Ziel kannten: dem fassungslos und unvorbereitet von der plötzlich freigesetzten Energie gepackten Publikum, dem die Kinnlade auf den Stiefeln lag, das Hirn aus der Nase zu treiben!

Sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Wie blöde verfielen die ersten Reihen in wilden Kampftanz, nachdem das äußerst coole Live-Intro verklungen war.

Die ca. 80 Leute im Zelt, in dem man inzwischen die Luft mit einer Machete zerteilen musste, um vorwärts zu kommen, konnten sich des Mitnickens nicht entziehen. Was kann man über diese Band schon noch sagen? Stoner-Arschtritt-Rock mit Suchpotential und eine Bühnenpräsenz, die wirklich alles in die Tonne kloppt. Mehr nicht. Wirklich nicht. Dieses ungesignte Stoner-Genie machte alles richtig.

Schon witzig, als der völlig verschwitzte Frontmann vom Podium aus seine Mutter grüßte, die an eben jenem Abend Geburtstag hatte! Fast schon beunruhigen ironisch, dass so ein Typ eine ganz normale, nett aussehende Mama hat!

Aber auch die Schar um Frontschwein Stefan soll hinreichend gewürdigt werden:

Christian, Kulski666, Jeff Burner und Niggemegge the Great, wie sich die feinen Herren gerne nennen, lieferten ein wildes Ensemble, gewillt, die Anziehungskraft ihres Anführers mit Links wegzustecken und einfach mal die stillen Genies zu sein, die sie sind. Die Männer hinterm wütenden Frontmann, die alles erst möglich machen und auch selbst keine Gelegenheit zum Posertum ungenutzt vorbeiziehen lassen.

Stonerrock im Stile von und auf einer Welle mit „Smoke Blow“ und „The Awesome Machine“. Genial!

Fazit: Ein wunderbares Konzert mit viel Abwechselung, billigem Bier und zu wenig Ventilatoren. Nächstes Mal wieder!

Setlist Colour cold Black

Caught in the fire

I’m waering you

Pull it up

Under the sky

Katerkopf

Autumn leaves

You, me and the road

Lonely spot

Centrifuge

Ambiguous in amber

The last chapter

Facing myself again

Setlist Bitter Orange:

Ode ans E

Priest Show

Bloodsuck

Fuck the Slut up

Freedom Blues

Good Ol’ Boys

Lonesome Guitarman

White Water

Intro

Lowride

Valentines Square

Lonely Heart

Nightfare

This Place sucks (The queers cover)

Season of the Whore

Trail

Wurstbasar

Love Love Love it

Deadgirls

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Location: xxxxx
Datum: xxxxx
Autor: xxxxxxxx


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