Wertung: 9 von 10

Die Osnabrücker Pendikel waren schon immer monströs gut. Nur schade, wenn man das erst mit den letzten zwei Platten einsieht. Denn wenn man sie erst für sich entdeckt hat, erschwert einem die Nie-wieder-neu-auflegen-Methode von Blunoise Records den Diskographierückblick. Wer zu spät kommt, zahlt viel mehr. Also: umgehend alles von Pendikel erhältliche erwerben, es lohnt sich – in jedem Fall. Doch Vorhang auf.


Es gibt Alben… wie dieses, wie „Pendikeland“; nein, eigentlich gibt es kein anderes Album, welches wie „Pendikeland“ ist. Jedenfalls habe ich die Besprechung geschlagene vier Monate vor mir her geschoben, aber hey: Pendikel haben fast vier Jahre gebraucht. Darf man das als Rezensent für die eigene Aufgabe in Monate umrechnen? Ob der Postbote wohl schon da war? Ach, nicht schon wieder ablenken. Kann ich dem Album überhaupt gerecht werden? Woran liegt’s? Selbstzweifel?

„Du hast mir immer gesagt / Nimm dich nicht ständig so ernst / Dann wird der Kopf nie zu schwer / Ich glaub’ das nicht mehr.“

Wer Pendikel kennt und schätzt, weiß eh schon längst bescheid. Und wer sie kennt weiß auch, und mag es eventuell nicht mehr hören: Es ist eine verdammte Schande, dass dieser Band, außer von ein paar Leuchtbirnen und ahnungsvollen Kritikern, nicht mehr Aufmerksamkeit zu Teil wird. Denkbar, dass das Problem wie bei der ebenso herzlich wenig wahrgenommenen Band Mutter in der Unbequemlichkeit liegt. So beginnt „Pendikeland“, ein Album in drei Aufzügen (sowohl Aufzüge als auch Aufzüge) plus Finale, wie schon „Don’t Cry, Mondgesicht“ (das zynische Suizidstück „Dead City“) mit dem wohl Unangenehmsten.

Obwohl „Hunde und Helfer“ unterwegs sind, wird Hoffnung gleich im Keim erstickt. Das mit schwer pumpenden Riffs durchzogene „Generation Memory“ ist ein Rückblick auf Zeiten in denen der Feind noch klar identifizierbar war („Wir wünschen uns für die Erdung den Kalten Krieg zurück / Stück für Stück). In „Heulsuse“ proklamiert man den Zustand nach einem Aufstand der Depressiven, aus „Ich fühle mich wie ein Vulkan / Ausbruch war vor Millionen Jahren“ wird ein Wir, und die traurige Gewissheit, dass nach jedem Ausbruch zeitraubende Versteinerung eintritt. Ähnliche Formulierungen finden sich am Ende, im göttlichen Prog-Meisterstück „Lift Streikt“ („Ich habe das Licht gesehen / Unendlich weit weg, aber wunderschön“) und dem elektronisch gemalten Schluss „In Pendikeland“ (Zuversicht steht dir ganz gut, liegt auch kein Grund auf der Hand“). Das ist sicher nichts für zweifelsfreie Supermenschen, die Schlag den Raab-Kandidaten. Ob Smash-Hit zur Konsumkritik („Trag die alten Sachen auf“), der Sgt. Pepper-Core von „Metaphern“ oder die bezaubernde Zweisamkeitshommage „Achter de Welt“, alles ist mindestens fesselnd. Mehr Progressive gab es nie bei Pendikel, überall schwelen feine Details. Riffs mit beinaher Doom-Last. Noiserock findet sich nur noch in Resten, dafür gibt’s mehr Programmiertes, gleichzeitig aber opulente, orchestrale Arrangements.

In oder auf „Pendikeland“ herrscht uneindeutige Klarheit. Klarheiten, die sich als Metaphern entpuppen, im besten Fall auch als Paraphrasen. Ein Statement ist dennoch fühlbar. Carsten Sandkämper bedient sich einer, seiner, Sprache, wie sie eben nur bei Pendikel zu finden ist. Ein akademischer Satiriker in Kaffetisch-Sprechlaune unter der Schwermutsglocke. Aufgezeigt wie man mit dem Hammer zweifelt. Der Zweifel an Zuständen, an dem wie es sein soll und an sich selbst. Utopien oder vermeintliche Utopien als Möglichkeit. Depression und Trost ohne „Das wird schon wieder“, der in dieser Hinsicht schlimmsten Zukunftsversprechung.

Drei Monate zu jeder möglichen Zeit in „Pendikeland“ verbracht. Nicht nur ein Mal war das Album bereits willkommener Helfer. Vielleicht schreibt es sich deshalb so schlecht darüber.

Ganz groß, ganz wichtig, bitte einsehen. Es baut sich gemächlich aber bestimmt vor dir auf und bricht wie ein rätselhaftes Aha über dich herein. Es weiß eben mehr als andere. Und ständig schiebt sich nach „Pendikeland“ dieser Kante-Song in Erinnerung:

Die Fragen sind gestellt / das was man sagen kann gesagt / alles ist gut, der Zweifel bleibt / der Schmerz, die Trauer, und der Zorn

Doch für uns ist nichts verloren / solang die Zeit noch in uns wohnt / solang der Schmerz im Wandel bleibt / auch wenn die Zeit ihn nicht mehr heilt

Tracklist:

1. Aufzug

  • 01. Hunde und Helfer
  • 02. Generation Memory
  • 03. Heulsuse

2. Aufzug

  • 04. Trag die alten Sachen auf
  • 05. Dieser Moment
  • 06. Abo auf Pech
  • 07. Metaphern

3. Aufzug

  • 08. Der mit dem Hammer
  • 09. Achter de Welt
  • 10. Reprise
  • 11. Zäune
  • 12. Lift streikt

Finale

  • 13. In Pendikeland

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