Samstag 13.07.2013

Samstag, 11:20 Uhr: Welch unchristliche Zeit, den letzten Festivaltag musikalisch zu eröffnen. Bühne frei für die Dark Metal Fraktion von Schwarzer Engel. Die Sonne steht strahlend am Himmel zum titelgebenden Song des bald erscheinenden Neulings „In Brennenden Himmeln“. Nicht das geeignete Setting, um die passende apokalyptische Stimmung aufkommen zu lassen. Qualitativ trifft es „Halb Mensch, halb Gott“ leider auch nicht ganz. Gerade bei den clean-Parts ist Sänger Dave Jason kaum zu hören. Auch die halbherzigen Versuche das Publikum zum Mitmachen zu bewegen, scheitern kläglich. Schade. Persönlich hatte ich mir mehr erhofft. Kurz danach erschallen die ersten Riffs der Band Akrea auf der Nachbarbühne. Deutlich voluminöser, deutlich lauter, deutlich satterer Sound. Auch hier wieder die Frage nach technischer Unzulänglichkeit seitens Schwarzer Engel oder stört der, an diesem Morgen nur sehr leicht gegenwärtige, Wind? Sei’s drum. Innerhalb weniger Minuten füllt sich der Bereich vor der Rock Stage zu einer wahren Menge. Scheinbar nicht nur für mich eine Band mit großem Zukunftspotential und heimlicher Favorit vieler Besucher. Bereits im Vorprogramm der Apokalyptischen Reiter konnten Akrea auf sich aufmerksam machen und erfreuen sich einer stetig wachsenden Fangemeinde. Mit „Servus, Rockharz!“, leitet Frontbart Sebi Panzer im bajuwarischen Slang das Konzert ein. Kaum einen Song später erschaffen die jungen Melodic-Deather ein für die Mittagszeit unerwartetes Schauspiel: Wall of Death in front of the Devil’s Wall! Und es klappt – und wie es klappt. Die Band ist sichtlich angetan und legt voller gruntiger deutscher Songs zwischen (Melodic-)Death und Black/Pagan ein echtes Brett hin. Voll uffe zwölf – um zwölf. Selten um diese Uhrzeit so viel Stimmung und Freude im Publikum auf dem Rockharz gesehen. Der Promo für ihr kommendes Album „Stadt der toten Träume“ steht nichts im Weg. Gegen Nachmittag begibt sich der fröhliche Schreiberling voller Vorfreude auf ein optisches (muharhar), sowie akustisches Highlight gen Bühne. Rakka-Takka, Motherfucker! Zeit für Van Canto! Aus der Vorfreude wird bald bittere Ernüchterung. Die Leistung des deutschen a cappella Gespanns ist unterirdisch. Beim Nightwish Klassiker „Wishmaster“ verlasse ich die Band in Richtung Fressbuden. Der Soundbrei und die stimmlichen Darbietungen der Frontleute lassen die Stimmung ins bodenlose sinken. Selbst der Iron Maiden Evergreen „Fear of the Dark“ zeichnet sich nur durch den tollen Chor des Publikums aus. Ärgerlich. Das geht besser! Glücklicherweise warten noch weitere Highlights auf uns.

Bei jedem Tankard Gig frage ich mich immer wieder, wie Gerre das eigentlich macht unentwegt wie ein Flummi über die Bühne zu hüpfen. Nimmt er vorher Aufputschmittel oder hat ihm einer was unters Bier gemischt. Sei`s drum. Seine Weight Watchers Kur scheint er aber in letzter Zeit etwas vernachlässigt zu haben. Er hat jedenfalls wieder etwas mehr auf den Rippen. Das hält das Frankfurter „Beer-Metal“ Urgestein aber nicht davon ab das Publikum bis aufs äußerste anzuheizen. Und so kommen Songs wie „A girl called serveza“, „The morning after“, oder „Rectifier“ bestens bei den Leuten an. Es herrscht Kneipenstimmung wie beim Länderspiel. Sehr schön. Mit dem obligatorischen „Freibier für alle, sonst gibt`s Krawalle“ und „(Empty) Tankard“ geht dieser sehr lustige Gig dann zu Ende. Um 18:45 Uhr betreten Ensiferum das Set und bieten einen soliden Auftritt mit einer tollen Mischung ihrer bisherigen Alben. Im Vergleich zum Jahr 2010 ist alles deutlich professioneller und die Band scheint mehr Freude am Dasein zu haben. Dem Publikum ist das egal. Es wird gemosht, gegröhlt, getanzt. Folk Metal at its best. Geile Stimmung. Besser gesagt Einstimmung. Während der letzten Klänge von Ensiferum füllt sich das Infield aufs Äußerste. Es wird optisch ungewöhnlich im Publikum. Das allgegenwärtige Schwarz weicht einem anderen Farbton. Es wird rosa. Was kann man zu einem Auftritt von J.B.O. sagen, das nicht bereits bekannt ist? Der Alkoholpegel der meisten Besucher ist hoch, die Stimmung gewaltig. Klassiker wie „Ein Fest“ oder „Verteidiger des wahren Blödsinns“ werden aus vollsten (im wahrsten Sinne des Wortes) Kehlen mitgegröhlt. Pietätlos oder nicht singen wir fröhlich „Geh ‚mer halt zu Slayer“ oh ohoho!“ Die Menge kocht. Im Anschluss die zweite NDH Größe dieses Festivals: Eisbrecher. In typischer Checker-Manier reißt Frontsau Alexx Wesselsky die Menge mit dem Opener „Exzess Express“ in seinen Bann. Die Setlist ist geprägt von weiteren Stücken des aktuellen Albums „Die Hölle muss warten“: „Metall“, „Augen unter Null“, „Prototyp“, „Verrückt“. Optisches Schmankerl: zu den Staccato-Beats des Songs „Amok“ wird ein Set aus Belchtonnen ausgepackt, bei dem die Band mit neonfarbenen Drums fingiert(?!) im Takt trommelt. Alles wirkt ein Stück weit aufgesetzt, die Ansagen von Wesselsky kamen selten so arrogant rüber („Du bist aber n ganz schön dicker Brummer“ zu einer Person im Publikum, „was ist mit der Dixieseite von euch los?“ beim Versuch die Leute zum Mitklatschen zu bewegen), selbst das Intermezzo von „Biene Maja“ will das Publikum nicht richtig teilhaben lassen. Nach dem typischen „This is deutsch“ mit passender Kopfbedeckung und Stechschritt, schafft es der Checker beim Megaherz Klassiker „Miststück“ in neuem Soundgewand das Publikum doch noch zu packen. Im Vergleich zu Megaherz kommt der Song, bedingt durch Wesselskys dunklere Stimme, noch geiler rüber als bereits am Mittwoch. Punkt für Eisbrecher. Aber auch nahezu der einzige. Weniger Arroganz wäre deutlich angebracht. Man merkt, dass man es hier mit einem narzisstischen Individuum zu tun hat. Nach dem letzten Song verlässt Wesselsky die Bühne, während seine Band noch einmal ein Instrumental aus dem Hut zaubert, das den Boden beben lässt. Alles in allem ein solider, aber nicht überzeugender Auftritt. Das ging 2010 auch mal mit mehr (Mega)Herz.

Doch genug der bösen Worte, die Spannung steigt. Der einzige deutsche Festivalauftritt von Tobi Sammets Avantasia steht an. Mit der längsten Spielzeit von satten zwei Stunden steht uns hier ein Bombastwerk allerhöchster Metalgüte bevor. Zu Recht als Metal-Opera bezeichnet rocken sich Tobi Sammet, Michael Kiske (Ex-Helloween), Bob Catley (Magnum), Eric Martin (Mr. Big), Amanda Sommerville (Trillium), Sascha Paeth (Ex-Heavens Gate), Thomas Rettke (Ex-Heavens Gate), Oliver Hartmann (Ex-At Vance) und weitere Musiker quer durch die Bandhistorie. Sammet und Kiske bilden zeitweise ein Comedy-Duo und scherzen liebevoll mit dem Publikum. (Beim finalen „Sign of the Cross“ stimmt Tobi den Black Sabbath-Dio Hit „Heaven and Hell“ an und kommentiert die müde Reaktion des Publikums sinngemäß mit: „Ok, in Brasilien hätten sie uns an dieser Stelle schon die Hütte abgerissen. Aber hier sind wir ja im Osten. Die kannten in den 80ern ja nichts!“) Man merkt die Spiel- und Sangesfreude allen deutlich an, das Publikum ist absolut verzaubert. Grandios. Da capo!

Fazit

Alles in allem ein sehr starkes Festival mit einigen wenigen Mankos. (Vor allem beim Sound.) Dennoch war die Orga diesmal wirklich sehr gut. Keine riesigen Einlassschlangen während die erste Band des Tages bereits spielt, im Vergleich zum Vorjahr genügend Dixies auf dem Campground, genügend Wasser für alle, saubere Duschen und Toiletten. Die Preise an den Buden sowie die Bierpreise stehen großen Festivals leider in nichts nach. Mit mittlerweile rund 12.000 Besuchern und nahezu sold-out-Status hat sich die Besucherzahl nochmals gegenüber dem Vorjahr gesteigert. Es bleibt abzuwarten, ob hier eine Grenze aufgrund des Naturschutzgebietes rund um den Flugplatz Ballenstedt und der Nichtmöglichkeit zum weiteren Ausbau des Geländes gezogen wird oder das Rockharz in den kommenden Jahren (mal wieder) umzieht. Fakt ist: das Rockharz wird immer beliebter und hat aus Fehlern der Vergangenheit deutlich gelernt. Schönes Ding! Wenn es bleibt, wie es dieses Jahr war, sind wir gern wieder mit dabei.

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