Man mag sich dem Gefühl nicht verwehren, dass der Wettergott, Verzeihung Wettersatan, sich nun endgültig beim Rockharz Open Air dafür entschuldigen möchte, was er dem Festival in den vergangenen Jahren alles angetan hat. Eiskalte Nächte, Sturm und Jahrhundertregen. Bis noch vor einigen Jahren konnte man eigentlich sicher sein, dass man den Arsch nass bekommt, wenn man aufs Rockharz fährt. Im letzten Jahr dann die entscheidende Wende. Knallender Sonnenschein und ein bis zu 38 Grad heißer Brutofen. Und auch in diesem Jahr können die Besucher bei tollem Wetter, guter Stimmung und coolen Bands ein entspanntes und friedliches Wochenende verleben. Aber beginnen wir doch mit dem Anfang.


Mit leichter Verspätung öffnet der Zeltplatz am Mittwochnachmittag seine Pforten und die Feierwütigen richten sich auf dem Zeltplatz ein. Wie erwartet gibt es beim Einlass einige Verzögerungen aufgrund der Kontrollen durch die Security, danach geht aber alles Ruckzuck. Zelt aufgebaut, Grill angefeuert und erst einmal ein kühles Getränk zu sich nehmen. Am Abend steht dann noch die Osnabrücker Band Dampfmaschine auf der Bühne, die bei den Leuten ganz gut ankommt, bei mir allerdings nicht wirklich punkten kann. Daher trete ich schon relativ bald den Weg zurück zum Zelt an. auf dem Weg überrascht mich dann ein gewaltiger Regenschauer dem auch diverse Pavilions zum Opfer fallen. Dies soll aber neben einem weiteren nächtlichen Wolkenbruch am Donnerstagabend die einzige unschöne Wettererscheinung in diesem Jahr bleiben.

Das eigentliche Festival beginnt am Donnerstag mit der Schweizer Truppe Dreamshade. Diese junge Band spielt technisch versierten, vom Gothenburg Sound inspirierten, Melodic Death Metal und hat gerade erst ihr Debut rausgehauen. Die Jungs stehen selbstbewusst auf der Bühne und liefern eine tolle Show ab. Schade nur, dass sie vor einem fast leeren Gelände spielen, weil der Einlass am heutigen Morgen katastrophal ist. Erst etwa fünf Minuten vor dem Gig wird der Eingang geöffnet. Dies führt natürlich dazu, dass viele Fans die Band gar nicht oder nur teilweise sehen können. Dass Metal mit Frauengesang durchaus potential hat, beweist Britta von Cripper heute auf eindrucksvolle Weise. Die Frontsau der Hannoveraner Thrash Metal Senkrechtstarter ist heute stimmlich besonders gut aufgelegt und auf der Bühne sehr präsent. Einen optischen Höhepunkt setzt natürlich wieder einmal Basser Bass-T, der regelmäßig seine ultralangen Dreadlocks kreisen lässt.

Es folgt ein kurzer Spaziergang über das Festivalgelände inklusive Erkundung der Merch- und Essenstände. Alles in allem sehr übersichtlich, und vom Preis-Leistungsverhältnis her OK. Währenddessen rocken The New Black die Dark Stage und scheinen beim Publikum recht gut anzukommen. Ein erstes kleines Highlight sind dann Stratovarius, die quasi wie der Phönix aus der Asche auferstanden sind und einen klasse Gig hinlegen. Nichts erinnert mehr an den lustlosen Gig, den ich im letzten Jahr in Wacken gesehen hatte. Mit „Infernal Maze“ und „Darkest Hours“ hat man zwei neue Stücke im Programm und damit genau den Nerv des Publikums getroffen. Aber auch die alten Stücke werden kraftvoll präsentiert. Wenn die Jungs so weitermachen, können sie sicherlich bald wieder zu einer verlässlichen Größe im Powermetal werden. Freiwild und Hypocrisy spart sich der Schreiberling dieser Zeilen ganz bewusst aufgrund von Desinteresse und zur Nahrungsaufnahme. Zu Amorphis lässt sich lediglich sagen, dass es wohl keinen würdigeren Abschlussgig für den ersten Abend geben kann. Pünktlich zum Konzertbeginn schließt Petrus seine Himmelspforten und der Regen lässt nach. Die finnischen Ausnahmemetaller nehmen uns an diesem Abend mit auf eine wundervolle Reise durch keltische Mythen und finnische Geschichte. Und das alles bei bestem Sound und eindrucksvoller Lichtshow. Von den musikalischen Fähigkeiten der einzelnen Musiker mal ganz abgesehen.

Die Situation am Einlass hat sich auch am Freitagmorgen noch keinen Deut verbessert, sodass auch Vogelfrey zunächst vor fast leerem Gelände spielen. Das tut allerdings der Spielfreude der Band keinen Abbruch, die mit „Feenfleisch“ direkt eines ihrer härtesten Stücke spielen. Der Sound ist wieder einmal sehr ordentlich. Lediglich die zeitweisen Aussetzer der verschiedenen Instrumente stört etwas. Gegen Ende des Gigs hat sich das Gelände dann schon gut gefüllt und Vogelfrey verabschieden sich mit dem „Heldentod“ standesgemäß. Die darauf folgenden Stahlmann sind mit ihren weiß gepinselten Gesichtern recht lustig anzusehen und entpuppen sich als nette Partyband. Anzusiedeln irgendwo zwischen Eisbrecher und Rammstein sind sie ein echter Gewinn für die Szene der neuen deutschen Härte. Eine ordentliche Portion melodischen Pagan Metal knallen uns dann Manegarm um die Ohren. Die fünf sympathischen Schweden haben mich bereits Anfang des Jahres auf der Neckbreakers Ball Tour schwer beeindruckt und liefern auch heute wieder eine energiegeladene Show ab. Die gute Mischung aus Grunz- und Klargesang animiert die Zuschauer zu heftigem Moshen und die gekonnt eingestreuten Geigenparts werden klatschend und schreiend abgefeiert. Starker Auftritt. Neben kraftvollem Power Metal haben die Bibel-Rocker Powerwolf auch optisch so einiges zu bieten. Sänger Attila Dorn versprüht schon aufgrund seiner Statur eine ganz besondere Atmosphäre. Die schwarzen Kutten, das dezente Corpsepaint und die an eine Kirche angelehnte Bühnendeko untermalen und verstärken diese Atmosphäre noch. Hinzu kommt, dass alle Musikver inklusive Keyboarder sehr aktiv auf der Bühne unterwegs sind und das Pubklikum ordentlich anheizen. Ein starker und sehenswerter Auftritt. Am offiziellen Merch-Stand muss ich mir dann wieder einmal die Frage stellen, warum die XXL Shirts immer ausverkauft sind, wenn ich mir ein Shirt kaufen möchte. Die Veranstalter müssten doch wissen, dass der gemeine, bierbäuchige Metaller eher selten S oder M T-Shirts trägt. Es sei denn als bauchfreies Top vielleicht. Nun denn, sei`s drum. Ich werde also vertröstet mit den Worten: „Vielleicht bekommen wir morgen wieder was rein“. Hätte mir aber auch irgendwie klar sein müssen. Am Samstag ist dann aber tatsächlich wieder ein Shirt in XXL erhältlich. Ist schon fast wie in Wacken. Aber zurück zur Musik.

Und die erreicht mit den Spielleuten von Saltatio Mortis einen erneuten Höhepunkt. Die illustre Truppe macht eine sehr gute Figur auf der Bühne und sorgt für eine fantastische Stimmung. Der Sound ist klar, durchsichtig und druckvoll und die Zuschauer sind nur allzu bereit alle möglichen Klatsch- und Singspiele mitzumachen. Zum Abschluss des Auftritts versucht sich Sänger Alea dann noch als Crowdsurfer und lässt sich von der Menge tragen. Den Höhepunkt des Auftritts stellt allerdings das mehr oder weniger gemeinsam gesungene „Spielmannsschwur“ dar. Das war Gänsehaut pur und für mich einer der besten, wenn nicht der beste Auftritt des Festivals. Direkt im Anschluss wird dann ex Nightwish Heulboje Tarja Turunen auf die Festivalbesucher losgelassen und kann mich persönlich in keiner Weise überzeugen. Sie wirkt irgendwie lahm auf der Bühne und hat viel von ihrer einstmals so schillernden Ausstrahlung verloren. Die ohnehin nicht gerade Party-tauglichen Songs werden lustlos heruntergespielt. Da hilft auch ein Mike Terrana auf Speed am Schlagzeug nichts mehr. Nightwish mit Tarja hatte seinerzeit etwas Magisches und war eine perfekte Symbiose von Metal und Klassik. Von dieser Magie ist heute bei Tarja leider nichts zu spüren. Gegen viertel vor elf betreten dann die Mannen von Hammerfall die für ihre Verhältnisse spartanisch geschmückte Bühne. Kein Hector, keine Eislandschaft, keine Rampen oder Burgen. Lediglich ein großes Banner hängt an der Bühnenrückwand. Nichts desto trotz ist die Stimmung unter Anhängern der Schweden gut. Alle sind gespannt auf die neuen Songs und ihre Livetauglichkeit. Erwartungsgemäß geht es dann auch mit „Patient Zero“, dem Opener des aktuellen Albums „Infected“ los. Es folgt ein bunt gemischtes Set mit so ziemlich allen großen Hits der Band. Vom neuen Album sind nur noch „B.Y.H“ und „One more time“ mit auf die Setlist gerutscht. Hier wagt man also keine allzu großen Experimente. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass das neue Album im Vorfeld sehr kontrovers diskutiert wurde. Schade eigentlich, denn ich hätte mir noch den ein oder anderen neuen Song gewünscht. Auf jeden Fall ist Sänger Joacim Cans gut bei Stimme und die Band macht kräftig Party. Höhepunkt des Auftritts ist natürlich der Zugabenblock, der mit „Hearts on Fire“ und „ Let The Hammer Fall“ noch mal zwei Hymnen der Band beinhaltet.

Am Samstagmorgen kann man auf dem Zeltplatz dann wirklich wieder vereinzelt gereinigte Dixies vorfinden. Und auch die überlaufenden Pinkel-Inseln scheinen geleert worden zu sein. Im Großen und Ganzen lässt hier die Sauberkeit aber sehr zu wünschen übrig. Auch die allmorgendlichen Schlangen vor dem Dusch- und Toilettencamp tragen nicht gerade zur guten Stimmung bei. Somit begnüge ich mich auch zunächst mit einer Katzenwäsche und dem obligatorischen Zähneputzen und stehe rechtzeitig bei Guns Of Moropolis vor der Bühne. Diese Band ist sowas wie ein Geheimtipp für alle Freunde von Stoner Rock mit Volbeat Einschlag. Die Stücke treten ordentlich Arsch und sind genau das richtige, um sich die müde Birne wach zu schütteln. Die darauf folgenden Orden Ogan können aufgrund ihrer sympathischen Art beim Publikum punkten. Musikalisch erwartet einen hier aber nichts Besonderes. Leider kann sich die Truppe aus dem Sauerland nicht wirklich von der Masse abheben und spielt eine Mischung aus Hardrock und Power Metal. Allerdings ohne jeglichen Wiedererkennungswert. Die Ansätze sind hier durchaus gut, es fehlt aber noch der letzte Schliff. Ganz besonders gespannt bin ich auf die Schweden Grand Magus, die mit ihrem letzen Album „Hammer Of The North“ ein echtes Schwergewicht und eines der besten Metal Alben des Jahres 2010 auf den Weg gebracht haben. Leider scheint diese Band nur wenigen Besuchern ein Begriff zu sein, sodass der Platz eher mäßig gefüllt ist. Die Anwesenden stört das aber herzlich wenig und sie feiern jedes Stück des Trios ordentlich ab. Die Mischung aus Stoner Rock und Doom Metal kommt verdammt gut an. Höhepunkte des Gigs sind natürlich das monumentale „I, The Jury“ und der Titeltrack des aktuellen Album „Hammer Of The North“.

Als mir gegen halb sieben dann die ersten rot-schwarz bemalten „Krieger“ über den Weg laufen, weiß ich Bescheid. Es ist Zeit für Turisas. Der Gig beginnt fulminant mit „To Holmgard and Beyond“ und „One More“. Die Band ist agil auf der Bühne und spornt das Publikum zum klatschen und springen an. So verwandelt sich der gut gefüllte Platz vor der Bühne schnell zu einem wilden Party-Mob. Gegen Mitte des Gigs lässt die Energie der Finnen aber merklich nach und es werden vornehmlich ruhigere Sachen des neuen Albums gebracht. Ich kann mir nicht helfen, aber bei mir zünden die Songs einfach nicht. Erst als gegen Ende mit „Battle Metal“ noch mal ein Klassiker der Band rausgehauen wird springt noch mal ein Funken über. Kein schlechter Auftritt aber eben auch nicht genial. Bei J.B.O. fällt mir auf, dass man die Spaßmetaller aus Franken eigentlich nur betrunken so richtig gut finden kann. Da mir dieser Wunsch heute allerdings verwehrt bleibt, entfällt der Spaßfaktor eben. Bei trockener Analyse des Auftritts bleibt also zu sagen: Kein Song vom neuen Album dabei. Die aktuellen Songs sind immer noch keine Partykracher. Die meisten Leute wollen aber eh nur den alten Scheiß hören und feiern den auch gut ab. „Ein guter Tag zum Sterben“ gehört zwar zu J.B.O. wie die Warzen zu Lemmy, ist aber dennoch total ausgenudelt und die Ansagen von Hannes und Vito waren auch schon mal besser. Highlights des Auftritts sind „Kuschelmetal“ und „Verteidiger des Blödsinns“. Außerdem beschließe ich nun, für den Rest des Abends dem viel zu kleinen Fotograben fern zu bleiben. Zum einen erschwert dort nämlich schon den halben Tag lang die Pyro-Anlage für In Extremo massiv die Sicht auf die Bühne und zum anderen ist die Security mit den zahllosen Crowdsurfern hilflos überfordert. Bereits bei J.B.O. wurden die Fotografen aus Sicherheitsgründen nach nur nicht einmal zwei Liedern aus dem Graben geworfen. Da anzunehmen ist, dass sich diese Situation bei In Extremo noch mal verschlimmern wird, lass ich es lieber gleich bleiben. Auf der Dark Stage rockt unterdessen das deutsche Heavy Metal Flaggschiff UDO die Bühne und eigentlich ist alles wie immer. Herr Dirkschneider und seinen Mannen gehören mal wieder zu den lautesten Bands des Festivals und beschallen somit den halben Campingplatz gleich mit. Die Songauswahl ist, ich sage mal, traditionell und am Ende sind alle froh, wenn sie ihren Helden bei „Balls To The Wall“ das Sign of Victory zeigen dürfen.

Nun aber zum unumstrittenen Headliner dieses Festivals. So voll wie bei In Extremo habe ich das Gelände während des gesamten Festivals nicht gesehen. Hier zeigt sich wieder einmal, welche Popularität das Thüringer Septett mittlerweile erreicht hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich das Einhorn und Co. auf Mittelaltermärkten und Stadtfesten verdingten. In Extremo sind zu einer ausgewachsen Rock-Band geworden und so verwundert es auch nicht weiter, dass sie die einzige Band ist, welche durch Pyro- und Flammeneffekte unterstützt wird. Auch die Songauswahl hat sich im Vergleich zu den Anfangstagen stark verändert. Heute setzt In Extremo vorrangig auf ihr neues Album und beginnen mit „Sterneneisen“ gefolgt von „Frei zu sein“ und „Zigeunerskat“. Insgesamt hören wir heute fast ausschließlich Stücke der letzten drei Alben. Optisch setzen das überwiegend in rot gehaltene Bühnenbild und der charismatisch auftretende Sänger Akzente und sorgen so für eine stimmungsvolle Show. Für meinen Geschmack kommt zwar die Frühphase der Band heute viel zu kurz, den Fans aber gefällt es. Der Sound ist in Ordnung ist aber nicht überragend. Gegen 0.00 Uhr geht dann dieser Auftritt mit „Siehst du das Licht“ und „Mein Rasend Herz“ zu Ende. Ich bleibe noch kurz auf dem Gelände um mir den Beginn von Haggard zu geben, ergebe mich dann aber recht schnell meiner Müdigkeit und gehe erschöpft aber glücklich zurück zu meinem Zelt. In der Nacht versuchen dann noch einige Deppen den mühsam von unseren Zeltnachbarn zusammengetragenen Müllhaufen anzuzünden. Neben einigen Rauschwaden und einem Feuerwehreinsatz erzielt dieses Vorhaben jedoch keinen nennenswerten Erfolg. Lediglich der beißende Geruch, den eine angekokelte Matratze hinterlässt hängt mir auch noch am nächsten Morgen während der Rückfahrt in der Nase. Ich kann mir nicht helfen, aber solche Aktionen kenne ich eigentlich nicht von Metal-Festivals (Wacken mal ausgenommen) und wollen mir auch nicht in den Kopf.

Fazit: Das Rockharz Open Air war auch anno 2011 wieder eine Reise wert. In den letzten Jahren hat das Festival einen enormen Schub erfahren und vieles verbessert. Die Bands sind größer, das Gelände ansprechender und die Technik besser geworden. Aber auch altbewährtes, wie das zwei Bühnen System ohne Bandüberschneidung wurde übernommen. Auch wenn ich meine, gewisse Kommerzialisierungstendenzen zu erkennen (der Ticketpreis hat sich gegenüber 2007 beispielswiese fast verdoppelt) ist das Rockharz immer noch ein entspanntes Festival mit kurzen Wegen und wenig Stress. Negativ sind in diesem Jahr allerdings die hygienischen Verhältnisse auf dem Zeltplatz zu bewerten. Das hat in den vergangenen Jahren schon besser geklappt. Außerdem kann es nicht sein, dass der Eingang zum Festivalgelände erst wenige Minuten vor der ersten Band geöffnet wird. Auch hier gibt es Punktabzug. Der Bühnengraben war viel zu klein und die Security war mit den Crowdsurfern oftmals einfach überfordert. Zu empfehlen ist dieses Festival aber auf jeden Fall.

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