Lest hier den zweiten Teil unseres Festival-Berichts vom diesjährigen Rockharz Open Air; Teil 1 findet ihr hier.


Freitag

Mein Freitag beginnt mit Wolfheart. Die erst 2013 gegründete Band spielt melodischen Death Metal mit Pagan-Einflüssen und konnte bereits mit ihrem Debutalbum „Winterborn“ auf sich aufmerksam machen. Den meisten Festivalbesuchern scheint die Band allerdings kein Begriff zu sein, denn im Infield finden sich noch reichlich viele Lücken, als das Intro aus den Boxen knallt und die Band die Bühne betritt. Davon lassen sich die Finnen (schon wieder Finnen) allerdings nicht beeindrucken und zocken selbstbewusst ihre Show runter. Die tiefen Growls kommen gut zur Geltung und passen sich gut in den Mix aus harten Gitarrenriffs und schnellen Blastbeats ein. Zwischendurch wird es aber auch immer mal wieder ruhig und schon fast doomig. Die Zuschauer scheinen auch nicht so recht zu wissen, woran sie sind, und beäugen das Treiben auf der Bühne schon fast andächtig. Zum Ende gibt es aber den verdienten Applaus. Diese Band hat auf jeden Fall Potential. Bullet können mich nur wenig überzeugen. Mit ihrem rock’n’Roll-lastigem Heavy Metal klingen sie extrem nach Airbourne und werden irgendwie nach drei Songs tierisch langweilig. Immer wieder die gleichen Riffs und auch rhythmustechnisch tut sich da relativ wenig. Den anderen Besuchern scheint es ähnlich zu gehen, und so ist es vor der Bühne eher mäßig gefüllt. Davon hatte ich mir mehr versprochen, gerade auch weil die Band immer wieder für ihre gute Live-Performance gelobt wird. Vielleicht ist es aber auch einfach nur nicht mein Ding. Equilibrium präsentieren sich nach dem Abgang der Geschwister Völkl personaltechnisch mal wieder im neuen Gewand. Als neuen Gitarristen hat man sich ex-Wolfchant-Sechssaiter Dominik R. Crey an Bord geholt. Und für den verwaisten Bassistenposten konnte wieder eine Frau mit Format gewonnen werden. Jen Majura wurde bereits durch die Band Knorkator und diverse Gastauftritte bei Rage bekannt. Nun zockt sie also für die bayrischen Pagan-Metaller. Und um es gleich vorwegzunehmen: Alle Musiker machen heute einen super Job. Die neuen Songs wie „Wirtshaus Gaudi“ oder „Waldschrein“ kommen beim Publikum gut an und die Stimmung kocht fast über. Einige treiben es sogar so weit, sich mit einem Schlauchboot über die Köpfe der Zuschauer hinweg tragen zu lassen. Bis zum FOH-Turm ist das Gelände voll und man hat schon Schwierigkeiten ans Bier zu kommen. Dann doch lieber „Met“. Und wer hat denn da „Blut im Auge“. Egal, alles was die Band der Meute vorwirft wird bereitwillig abgefeiert. Und auch die Band, allen voran Sänger Robse, hat mächtig Spaß auf der Bühne. Einziger Wermutstropfen ist der aufkommende Wind, der leider viel vom Klang gen Teufelsmauer trägt. Ansonsten top.

Dann wird es für einen Augenblick lang spannend. Denn jeder möchte wissen, wer nun als Ersatz für Soilwork spielt. Im Laufe der letzten Tage wurde viel spekuliert, wer es denn sein könnte. Aber Ektomorf hatte dann wohl doch keiner auf dem Schirm. Bei mir folgt auf die Spannung jedenfalls leichte Ernüchterung. Denn mit den Ungarn kann ich persönlich nicht ganz so viel anfangen. Die Ektomorf-Fans bekommen jedoch die absolute Vollbedienung. Noch größer ist die Spannung jedoch bei Arch Enemy. Viele der Anwesenden sehen die Band heute wohl erstmals mit der neuen Sängerin Alissa White Gluz. Und die macht ihre Sache wirklich hervorragend. Ihre Stimme klingt etwas düsterer als die von Vorgängerin Angela Gossow, was die Stücke insgesamt noch etwas aggressiver macht. Direkt beim Opener „Yesterday is dead and gone“ wird das deutlich. Auch das Stage-Acting und die Interaktion mit dem Publikum lassen nichts zu wünschen übrig. Schnell bricht vor der Bühne der „War Eternal“ los. Die Matten fliegen und die Pommesgabeln werden gen Bühne gestreckt. Aber nicht nur die neuen Sachen hat Alissa bestens drauf. Auch die Klassiker wie „Dead Eyes see no future“, „Nemesis“ und die Band-Hymne schlechthin „We will rise“ singt und growlt sie sicher und selbstbewusst durch, und erntet dafür einiges an Applaus. Ein sehr vielversprechender Auftritt, der gerne noch zehn bis zwanzig Minuten länger hätte sein können. Auch wenn Helloween heute eine Stunde Spielzeit haben, lassen sich die Power Metal-Veteranen irgendwie auf drei Songs reduzieren. Doch fangen wir am Anfang an. „Eagle fry free“ ist ja an sich ein cooler Opener. Blöd nur, wenn während des halben Songs der Gesang fehlt. Dann verstehe ich nicht so ganz, warum man bei „Live Now“ so eine Riesenshow machen muss und den Song dadurch mehr als unnötig in die Länge zieht. Auch „If I could fly“ gehört meiner Meinung nach mal endlich von der Setlist gestrichen. Und so ist der halbe Gig also schon vergangen, bevor das Publikum überhautp warm wird. So richtig Stimmung kommt eigentlich auch erst auf, als die ersten Akkorde von „Dr. Stein“ aus den Boxen kommen. Nun gibt die Band allerdings richtig Gas und heizt die Leute an. Ein witziges Bild sind dann die zwei riesigen Kürbisköpfe, die bei „Future World“ auf der Bühne aufgeblasen werden. Jetzt ist es ein Helloween-Gig. Die letzten fünf Minuten des Auftritts verbringen wir dann mit lustigen Sing- und Klatsch-Spielen zu „I want out“. Fazit: Durch vierzig Minuten mehr oder weniger belanglose Musik gekämpft, um dann zu den Klassikern der Band richtig abzugehen.

Kommen wir nun zum Oberfucker, fuck, fuck, Alexi Laiho und seine Hate Crew. Eigentlich sollten Children Of Bodom schon im letzten Jahr auftreten, mussten jedoch absagen. Umso größer ist also nun die Vorfreude. Die wird jedoch sehr schnell, wieder einmal aufgrund des Sounds, arg getrübt. Dazu fällt mir einfach nur das Wort „Brei“ ein. So schlecht war der Sound während des gesamten Festivals noch nicht. Und das obwohl ich ziemlich direkt vor dem FOH-Turm stehe. Ich wechsle auf die rechte Seite der Bühne, wo es sich schon mal einen ganzen Ticken besser anhört. Von hier aus lässt sich auch viel besser das absolut ekstatische Publikum beobachten. Ein Crowdsurfer nach dem anderen wird gen Bühne gereicht, und ich sinne darüber nach, ob man sich nicht ein Ampelsystem für Crowdsurfer patentieren lassen sollte. Doch ich werde sofort in die Realität zurückgerufen, als ich plötzlich „Noch ein Bier“-Rufe vernehme. Was soll das? Sabaton waren gestern dran. Glücklicherweise ignoriert es die Band und macht weiter im Programm. Richtig cool wird es, als die Band dann Sachen wie „Hate Me“ raushaut. Und auch „Bodom after midnight“ kommt mal wieder großartig an. Alles in allem ein guter Auftritt, der im letzten Drittel noch einmal richtig Fahrt aufgenommen hat. Zum Abschluss des Tages lassen wir es noch einmal schaurig werden. Denn der Tod ist ein Meister aus Thüringen. Mit ihren bizarren und teils morbiden Lyrics polarisieren Eisregen wie kaum eine andere deutsche Band. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, finden sich noch eine ganze Menge Leute vor der Bühne ein, als das Intro erschallt. Direkt fällt auf, dass der Sound hier deutlich besser ist als zuvor bei Children Of Bodom. Die kratzige Stimme von Michael „Blutkehle“ Roth kommt klar aus der PA und fügt sich gut in den Klangteppich aus Gitarre, Keyboard und Schlagzeug ein. Auch die Lichtshow ist gut auf die Musik abgestimmt und lässt einem das ein oder andere Mal eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Als Einschlafmusik fürs Kinderzimmer ist das allerdings weniger geeignet.

Samstag

Kaum hat das Festival begonnen, da ist auch schon wieder Samstag. Und der hat es in diesem Jahr noch einmal in sich. Bereits zur Mittagsstunde hat sich ein ordentlicher Mob vor der Bühne eingefunden, um dem Hardrock von Motorjesus zu lauschen. Die machen ihre Sache auch dementsprechend gut und sorgen für eine erste Runde Frühsport auf dem Festival. Beim letzten Song sieht man die Leute bis zum Mischerturm kräftig klatschen und springen. Gloryhammer mit Chris Bowes (Alestorm) erzählen uns dann ihre Version der Tempelrittergeschichte, in der jegliches Power Metal-Klischee bedient wird. Schottische Schlachtrufe, Drachen, Einhörner usw. Alles findet hier seinen Platz. Und obwohl die Band gerade mal ein Album veröffentlicht hat, so lässt sich das Publikum durch das extrem kurzweilige Spektakel auf der Bühne begeistern und macht kräftig mit. Aber nicht nur mit ihrer Show überzeugen Gloryhammer. Auch musikalisch ist hier alles bestens. Bleibt abzuwarten, wie sich die Band weiterentwickelt, wenn der Alestorm-Bonus aufgebraucht ist.

Nach einer kurzen Erholung am Zelt gönne ich mir dann die Death Metal-Veteranen von Unleashed, die seit mittlerweile 25 Jahren die Metal-Bühnen der Welt unsicher machen. Aber dass bei den Schweden noch lange nicht Schluss ist, machen sie direkt zu Anfang des Auftritts mit „Wir kapitulieren niemals“ klar. Es folgen ca. 45 Minuten auf die Fresse, Metal vom Feinsten. Messerscharfe Riffs und ein treibendes Schlagzeug in einer Lautstärke, die aufs Zwerchfell drückt, untermalen die markante Stimme von Sänger Johny Hedlund. Die gehören noch lange nicht zum alten Eisen. Legion Of The Damned legen dann allerdings in Sachen Härte und Geschwindigkeit noch eine Schüppe drauf. Die Holländer wissen wirklich wie man`s macht und überzeugen durch ihre große, technische Klasse. Schnelle Tempo- und Rhythmen-Wechsel machen den Auftritt sehr interessant und versetzen die Todesanbeter vor der Bühne kräftig in Bewegung. Hier und da steigt sogar ein Staubwölkchen auf. Die Jungs treten heute wirklich so richtig Arsch und haben mindestens ebenso viel Spaß wie die Meute vor der Bühne. Auch Sonic Syndicate machen gut Stimmung und sorgen erst einmal für einen großen Circle-Pit. Insgesamt können sich nur wenige Bands an diesem Wochenende über so viel Gemoshe freuen wie Sonic Syndicate. Lautstärke- wie auch klangtechnisch passt das alles gut zusammen, auch wenn es an einigen Stellen vielleicht etwas zu elektronisch wirkt. Aber darüber kann man sicher hinweg sehen. Leider muss die Männerwelt aber auf einen optischen Leckerbissen verzichten, denn Bassisten Karin Axelsson ist gerade Mutter geworden und kann deshalb nicht auf dem Rockharz spielen. (Einen herzlichen Glückwunsch dazu an dieser Stelle). Aber auch ihre Vertretung macht ihre Sache ebenso wie die anderen Protagonisten auf der Bühne gut. Lediglich der einsetzende Regen verhagelt ein wenig die Stimmung und lässt einen großen Teil der Besucher unter die umstehenden Bierzelte fliehen.

Als schwere Kost kann man die dann folgenden Tiamat wohl mit Recht bezeichnen. Die von melancholischen und schwermütigen Stücken geprägte Setlist sorgt dann doch für eine leicht depressive Stimmung vor der Bühne, welche durch die stimmungsvolle Lichtshow noch zusätzlich untermalt wird. Ein Großteil der Festivalbesucher scheint sich aber den kraftvollen und gut abgemischten Klängen nicht hingeben zu wollen. Der Platz hat sich deutlich gelichtet. Die Anwesenden jedoch lauschen andächtig und verabschieden Sänger Johann Edlund damit würdig. Wird er die Band doch nach diesem Sommer aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Als krasses Gegenprogramm und Garant für gute Laune sind dann die Spaß-Metaller Knorkator an der Reihe. Und die scheinen sich immer größter Beliebtheit zu erfreuen. Vor der Bühne ist es jedenfalls brechend voll und es ist fast kein Durchkommen. Und so lassen sich Stumpen, Alf Ator und co. auch nicht lange bitten, und legen nach dem Intro mit „Schwanzlich willkommen“ los. Sofort setzt sich der Mob in Bewegung und fördert in einer Tour Crowdsurfer nach vorne. Die Security hat also einiges zu tun. Und wäre das nicht genug, haben sich die Fotografen im Graben noch den Spaß einfallen lassen, die Band während der ersten Songs nicht zu fotografieren sondern zu malen. Gerüchten zufolge soll es für einige dieser Werke schon Angebote aus diversen Goethe-Instituten und dem Louvre gegeben haben. Derweil geht die Show auf der Bühne weiter. Alf hilft Stumpen aus den Klamotten, welcher danach, lediglich mit rosa Boxershort bekleidet, diverse Turnübungen vornimmt. Die Setlist ist ziemlich bunt gemischt und bietet Spaß für jedermann. Neben Songs vom neuen Album, wie zum Beispiel „Zoo“, werden also auch Band-Hits wie „Wir werden“ oder „Eigentum“ gezockt. In der Zugabe wird es dann noch einmal „Böse“, bevor man den fulminanten Auftritt mit dem Boney M-Cover „Ma Baker“ ausklingen lässt. Das hat richtig viel Spaß gemacht. Powerwolf ist heute sehr gut aufgelegt und lässt die Puppen tanzen. Oder besser gesagt, die Flammenwerfer. So viel gekokelt wie hier haben die selbsternannten Metal-Priester selten. „Sanctified with Dynamite“ kommt knallhart aus der PA, und Sänger Attila Dorn macht unmissverständlich klar, dass Powerwolf auf ihrem „Kampf gegen schlechte Musik“ wie Hip Hop oder Schlager keinerlei Kompromisse zulassen. Und auch wenn vor der Bühne etwas weniger los zu sein scheint als noch zuvor bei Knorkator, ist die Stimmung bombig. Die Zuschauer haben riesigen Spaß und lassen sich bereitwillig von der Band zum Singen, Klatschen und Springen animieren. Ungefähr ab der Mitte des Gigs meine ich allerdings ein leichtes Kratzen in Attilas Stimme zu hören. Auch die hohen Gesangparts gehen ihm nicht mehr so leicht ab. Dennoch sieht man sowohl bei Band wie auch bei Fans ein breites Grinsen, als der Gig mit dem für die Band typischen „Lupus Dei“ zu Ende geht. Das war heute einer der stärkeren Powerwolf-Auftritte.

Es knallt und funkelt, als In Extremo ihren Auftritt mit „Mein Rasend Herz“ beginnen. Die sieben Vaganten bieten heute einen ähnlich fulminanten Beginn wie schon vor drei Wochen auf der Loreley. Aber im Gegensatz zum Auftritt beim Metalfest, wirkt die heutige Show wesentlich authentischer. Sänger Michael Rhein scheint gut gelaunt zu sein und interagiert wunderbar mit dem Publikum. Sehr schön ist beispielweise seine Ansage zu „Vollmond“, in der er darauf verweist, dass ja heute Vollmond sei. Und diesen kann man dann auch beobachten, als die Band den Song zum Besten gibt. Ein wirklich schönes Bild. Ein ebenfalls sehr beeindruckendes Bild ist das Meer aus Feuerzeugen, welches sich bei den „Merseburger Zaubersprüchen II“ auftut. Insgesamt ist die Stimmung bestens und das Publikum feiert die Band nach allen Regeln der Kunst ab. Ganz besonders bejubelt werden „Feuertaufe“ und „Belladonna“ vom aktuellen Album „Kunstraub“. Wie angestachelt laufen In Extremo dann im zweiten Teil des Auftritts zur Höchstform auf und hauen einen Hit nach dem nächsten raus. Ob „Frei zu sein“ oder „Küss mich“, alles wird bestens gemischt und fehlerfrei abgeliefert. So kann man auch verkraften, dass „Weckt die Toten“ gar nicht und „Verehrt und angespien“ nur sehr spärlich behandelt wird. Wenigstens lässt sich die Band am Ende des Gigs nicht lumpen und zelebriert mit dem Publikum dann noch einmal den „Spielmannsfluch“, bevor die Scheinwerfer auf der Bühne erlöschen. Insgesamt aber auf jeden Fall ein super Auftritt.

Fazit: Das Rockharz Open Air war auch anno 2014 wieder eine Reise wert. Das Wetter hat glücklicherweise mitgespielt und für beste Festivalbedingungen gesorgt. Auch organisatorisch gab es wenig zu meckern. Es gab so gut wie keine Einlassschlangen vor dem Infield, die sanitäre Situation war vollkommen in Ordnung und auch die Kommunikationspolitik bei Änderungen und Ausfällen in der Running Order hat gut funktioniert. Minuspunkte gibt es aber wieder einmal für den Sound, der leider immer wieder den Hörgenuss vor der Bühne getrübt hat. Zum Abschluss eine Empfehlung an alle, die Rockharz 2015 dabei sein wollen: Zögert nicht zu lange mit dem Kauf der Tickets! Schließlich ist auch im nächsten Jahr wieder mit einem Sold out zu rechnen.

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