Wertung: 7 von 10

„Nein, nicht auch noch The Distance…“, dachte ich, als ich mir das Video zu „Inspired By You“ ansah. Ein Video mit einen vom Kajal verzerrten Sänger, fingerlose Handschuhe, komische Frisuren, etc.


Gut, vielleicht mag das ein wenig überzogen klingen, aber meine Damen und Herren, wir sprechen hier von einer Band, die vor nicht allzu langer Zeit eine Split-CD mit With Honor, eine weitere mit Outbreak und Some Kind Of Hate, sowie eine EP auf dem „Hardcore-Kultlabel“ Bridge 9 veröffentlichte. Also, was ist hier passiert? Tja, eine ganze Menge ist hier passiert. Nicht nur optisch haben sich die Jungs um Sänger Jay Reason verändert, auch die musikalische Ausprägung hat sich stark gewandelt. Spielten The Distance auf ihren alten Veröffentlichungen noch einen Stil, den man am ehesten als Oldschool-Hardcore mit modernen Screams bezeichnen kann, geht „The Rise The Fall And Everything In Between“ eher in die „sanfte“, melodische Ecke. Zelebriert wird eine Art Hardcore-Punk, mit Stilelementen aus den Bereichen Rock, Pop und Emo. Auha, allein die Verwendung dieser Genres wird das ein oder andere Hardcore-Kid jetzt zur Weißglut bringen. Aber Obacht! The Distance haben nicht ihre alte aggressive Art beerdigt, sondern mixen einen bunten Cocktail aus diesen verschiedenen Einflüssen. So erhält man mit dem Kauf dieses Album ein rotziges, melodiöses und aggressives Werk, das sich mit etablierten Acts dieser Mischung wie z.B. Stretch Arm Strong, Set Your Goals oder Crime In Stereo messen kann.Laut Bassist John Dobyns ist es die „Natürliche Progression“, die The Distance zu dieser Veränderung führte. Die Band wollte also nicht bewusst ein Hardcore-, Rock- oder Pop-Album machen, man überließ einfach alles seinem natürlichen Rhythmus. Und diese undogmatische Herangehensweise ist auch nicht unbedingt verkehrt. Insgesamt kamen nämlich zehn Tracks heraus, die fast allesamt zu überzeugen wissen. Nehmen wir beispielsweise „The Set Up“. Hier geht’s gleich super punkig los und man fragt sich wirklich, ob man hier The Distance oder NOFX hört – so wirklich sicher bin ich mir bis jetzt noch nicht. Dann geht man über zur Single, „Inspired By You“. Ohohoho, trauriger, fast weinerlicher Gesang bestimmt dieses „Klagelied“, das in einem astreinen Emo-Punk-Refrain endet. Immer wieder treffen emolastige Adjektive wie beispielsweise „broken-hearted“ auf agressive Stimmungen, die durch Songs wie „Phase Two“, „Just For A Couple Hours“ und „Before It’s Gone“ repräsentiert werden. Teilweise hat man bei diesen Songs eine wirklich geniale Mischung aus Melodie und Aggression erzeugt, ohne einer Richtung zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.br>Aber natürlich hat dieses Album auch seine Schattenseiten. Für mich ist die hervorgehobene Produktion durch Shep Goodman (der u.a. auch Bayside produzierte) nicht unbedingt das Maß aller Dinge. Gut, sie klingt dick und technisch perfekt. Aber genau dieser technische Aspekt ist auch das Problem. Es wurden teilweise zu viele Effekte über die Stimme gelegt und das so auffällig, dass es irgendwann lästig wird. Wenn man authentisch, so wie The Distance es propagieren, rüberkommen möchte, benötigt man so etwas nicht. Des Weiteren neigt man stellenweise zur Festsetzung im poppigen Midtempo. Ein paar mehr Breaks, hin zu schnelleren Tempi wären sicherlich nicht verkehrt gewesen. Was noch erwähnt werden muss, ist ein Feature von Bert McCraken (The Used). Wer Bert kennt, weiß, dass er eine lästige Heulboje ist, die auf einem guten Album nichts zu suchen hat – auch dann nicht, wenn er ein guter Freund der Band ist.

Man kann also gespannt sein, wie The Distance ihren neuen Stil auf der anstehenden Persistence Tour verkaufen können. Hier steht die Band in einem starken Kontrast zum restlichen Line-Up (u.a. Terror, Walls Of Jericho). Ich denke aber, dass sie die Hallen rocken und auch die alten Fans, mit ein wenig Toleranz, folgen werden.The Distance bieten dem Konsumenten auf „The Rise The Fall And Everything In Between” eine gelungene Mischung aus Hardcore, Punk, Rock und Pop, die sehr catchy daher kommt und nur wenig Durchläufe benötigt, um sich in den Gehörgängen zu verankern. Was bleibt ist die Frage nach der „Natürlichen Progression“. Können wir auf dem nächsten Album wieder mit etwas komplett Neuem rechnen? Abwarten…