Wertung: 10 von 10

„In A Flesh Aquarium“ feiert sein fünftes Wiegenfest, und endlich gebären die Kanadier Unexpect dem einzigartigen Schrein für Avantgarde-Nerds ein Geschwisterchen. Klar, die Kinder ähneln sich. Nur hat das jüngere eine kleinere Nase, blassere Bäckchen, dafür größere Ohren, glattere Haut und robustere Kniescheiben. Hauptsache gesund.


Das Kind hat einen Namen: „Fables Of The Sleepless Empire“. In diesem schlaflosen Fabelreich hängt die Population keineswegs übermüdet an den Gestaden, nein, hier steppt unentwegt der Meister Petz im ganzen Halbkreis. Der Wurzelwicht trägt den Kopf vom Bi-Ba Butzemann spazieren, während dieser, oder was von ihm übrig bleibt, mit der Zahnfee unter einer fischgesichtigen Schlingpflanze tollt. Der Feuerputz schenkt eiskalten Glühwein aus, hinter ihm verzehren Schratvierlinge einen orakelnden Elektrobaum. Das Einhorn galoppiert auf dem Rücken des Weihnachtsmanns und verteilt Opiatkamelle und fluoreszierende Erfrischungsstäbchen aus dessen prallgefüllten Sack an bedürftige Nacktmullalpakas und fleißig ihre Drahtesel flickende Tornados. Ein hospitalistischer Minotaurus gleitet unter den Augen der Weißen Frau, in immer gleichen Wischbewegungen, mit einem Krümel-Weg-Tuch über ein in Wellen wallendes Schachbrett, dessen Bewohner, gliedmaßenverkehrte, philosophierende Zombies, die den Durst ihrer glasstacheligen Knuddelteddys im Verlauf an einer architektonisch interessanten Sprudelsäule mit säure- und süßhaltigem Ausfluss stillen. Die Zuhörerschaft ist herzlich eingeladen. Das eintauchen dürfte nicht schwer fallen, liegt der Ursprung des Eldorados doch in der tellurischen Realität.

Auf „Fables Of The Sleepless Empire“ jagen sechs durch einen Satellitenkollektivblitz beflügelte Musikanten polychrome, bewegliche, doch stets klar wahrnehmbare Klanggemälde aus ihren strapazierten Werkzeugen, eskotieren fortdauernd ein wechselhaftes Grün.

Unexpect sind allerdings nachvollziehbarer geworden, was Manche marginal enttäuschen wird. Verwunderung erwartet nur noch, wer „In A Flesh Aquarium“ versehentlich überging. Natürlich ist „Fables Of The Sleepless Empire“ noch lange kein Easy-Listening-Mindfuck, es ist noch immer ein Mindfuck, geboren um aus den Popöchen aller ewiggestrigen Puristen ein Metallmüll-Endlager zu machen.

Wer auf Vergleiche besteht, dem ist mit Dillinger Escape Plan meets Diablo Swing Orchestra zumindest annähernd geholfen. Unexpect sind einzigartig. Aus den technischen Sperenzchen, vor allem auf dem neunsaitigen Bass, des Weirdo-Progressive-Metals, ragt ein schnaubender Dämon und die Stimme einer klar formulierenden, teils in Trance getanzter Kirke hervor.

Zwischen den Synthesizer-Space-Sounds auf „Unsolved Ideas Of A Distorted Guest“, hier offenbart sich ganz besonders das Zeug zu großem Songwriting, gäbe es Avantgarde Metal Charts hätten diese hiermit einen Langzeitspitzenreiter (sozusagen ein „Waka Waka“ oder „Dragostea Din Tei“ des Avantgarde Metals), und dem abschließenden Triptychon mit dramatischem Ausgang findet sich neben abgefahrener Metal-Virtuosität, niemals nur der Weirdness wegen, sich perfekt einfügende Einsprengsel verschiedenster musikalischer Couleur, von Klassik über Jazz bis Mambo. Dazu steckt in all dem Präzisionswust unglaubliche Schönheit.

Man könnte über dieses Album entweder ein Buch schreiben oder nur einen Satz: Extraterrestrische Zirkusmusik mit irdischen Mitteln.

Unguter Weise blieb die Veröffentlichung bislang eher unbemerkt. Unexpect haben sich entschieden die Sache in Eigenregie durchzuziehen, mit finanzieller Unterstützung von Canada’s Private Radio Broadcasters. „Fables Of The Sleepless Empire“ ist durch den Selbstvertrieb nicht überall zu finden und wird am Besten direkt von der Band geordert.

Tracklist:

  • 01. Unsolved Ideas Of A Distorted Guest
  • 02. Words
  • 03. Orange Vigilantes
  • 04. Mechanical Phoenix
  • 05. The Quantum Symphony
  • 06. Unfed Pendulum
  • 07. In The Mind Of The Last Whale
  • 08. Silence This Parasite
  • 09. A Fading Stance
  • 10. When The Joyful Dead Are Dancing
  • 11. Until Yet A Few More Deaths Do Us Part

TOPSCORE

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