Mit Sunday Matinée-Stimmung machten wir uns am Sonntag trotz 15 Grad, Dauerregen und Sturm, aber auch Sonnenschein auf nach Herford zum zweiten X Rockfest. Bereits um 10 Uhr öffneten sich die Pforten des Geländes und das Open Air startete um 11 Uhr zunächst mit einigen Bands aus den moderneren Core-Gefilden: Wovenwar (ehemals As I Lay Dying), Anygivenday (ersetzten die abgesagten Of Mice and Men) und die Alt-Extrem-Metaller von Napalm Death machten den Anfang. Wir schlugen gegen Mitte des Sets von Napalm Death auf und orientierten uns zunächst zwischen den unzähligen Ständen und sehr zahlreich erschienenen Besuchern. Die Preise auf dem Festival für die Tagesverpflegung waren recht hoch, aber noch nicht unverschämt. Glücklicherweise grenzte direkt ans Festivalgelände ein Schnellrestaurant eines bekannten schottischen Farmers an und auch das Königreich der Burger ist fußläufig in sehr kurzer Zeit zu erreichen. Auf dem Festivalgelände gab es Döner, Pizza, Pommes, Brat- und Currywurst und asiatisches Essen aus dem ortsansässigen Asiarestaurant. Dort gab es nebenbei gesagt auch die günstigsten Getränke. Toiletten waren in ausreichender Anzahl vorhanden und somit sollte es auf einem Eintages-Festival dem geneigten Besucher an nichts mangeln.

Den echten Anfang für unseren Festivaltag machten die spielfreudigen Jungs von August Burns Red. Die christliche Metalcore Band ist spätestens seit ihrem 2007er Debüt „Messengers“ fest etabliert und aus der Szene nicht mehr wegzudenken. Das jüngere Publikum mit Fleshtunnels, knallbunten T-Shirts und Socken bis auf Kniehöhe, hatte seine Freunde an den mit rhythmischen Riffs und Breakdowns gespickten Songs, wollte dennoch nicht so richtig abgehen. Möglicherweise hatten Viele ihr Pulver bereits bei den vorherigen Bands verschossen. Mit regelmäßiger Anleitung von der Bühne kam dann jedoch immer wieder auch Bewegung in die träge Masse. Nachdem die Metalcore-Bands das Feld geräumt hatten, änderte sich das Publikum und einige Core-Jünger verließen das Feld.

Deutlich entspannter ging es mit den Retro-/Blues-/Doom-Rockern von Graveyard weiter, die ihre Show ohne viel Tam-Tam durchzogen. Bühnenshow, riesige Bühnenbilder und Karnevalsoutfits wären aber auch schlichtweg unpassend gewesen. Einfach eine kleine Backline und vier bärtige, schwedisch aussehende Typen wie du und ich, also alles im „intimen Rahmen“, (sofern das mit 3000 Besuchern möglich ist). Mit Songs ihrer bisher drei veröffentlichten Alben konnten die Schweden den meisten Besuchern mindestens ein Kopfnicken oder Fußwippen abgewinnen.

Die Jungs der Metalcore-Band Caliban stellten ihr neues 2014er Album „Ghost Empire“ vor und hatten als erste Band auch genügend Dekomaterial für die 20-Meter-Bühne dabei. Diese erinnerte an eine postapokalyptische Geisterstadt und war somit thematisch passend abgestimmt. Leider kam die Deko bei grauem Himmel, aber trotzdem nachmittäglichem Tageslicht nicht so gut zur Geltung, wie das vermutlich beabsichtigt war. Letzten Endes war das allen Beteiligten aber herzlich egal, denn was zählte war die Musik. Und die war sehr modern und in gewohnter Qualität. Die musikalische Darbietung animierte dann auch wieder das anwesende Publikum zu reichlich Interaktion. Gelungen war der Abschluss des Sets mit „Your Song“ vom neuen Album, welcher natürlich – wie könnte es anders sein? – dem Publikum gewidmet war.

Das nächste Überraschungsei ließ nicht lange auf sich warten. Seit wann haben Life Of Agony denn eine Sängerin? Und warum macht sie Power-Yoga Übungen neben dem Drumkit? Diese Frage dürften sich einige der weniger eingeweihten Zuschauer gestellt haben. Die Antwort ist ganz einfach: Sänger Keith Caputo heißt seit einiger Zeit Mina Caputo und wärmte sich vor dem Gig ein wenig auf, um dann mit voller Stimmgewalt und geschmeidigen Bewegungen glänzen zu können. Musikalisch zwischen Grunge und Metal angesiedelt ließ das Quartett aus New York wieder deutlich klassischere Musik vom Stapel, die weniger zum Abgehen als vielmehr zum mitsingen einlud. Musikalisch hat sich trotz der personellen Veränderungen nichts verschlechtert. Insider könnten eine minimale Veränderung der Stimmlage bemerken, die aber keinesfalls negativ ins Gewicht fällt.

Bezüglich der Feierstimmung können die jungen Australier von Airbourne definitv als Bierkracher mit Eiern im Speckmantel bezeichnet werden. In guter Aussie-Rock-Tradition hatten die Stimmungsgaranten wie immer leichtes Spiel mit der bereits alkoholisierten, gut gelaunten Menge. Kurzum: Sie brachten das Publikum zum Ausflippen. Trotz verkleideter Traversen ließ sich Frontmann Joel O’Keeffe die außergewöhnlichste Showeinlage des Tages nicht nehmen und solierte kurzerhand im Bühnengraben, zerschlug spritzende Bierdosen auf seinem Kopf und ließ sich auf den Schultern eines Crewmitglieds durchs Publikum tragen. Mitgrölend und Crowdsurfend wurde die, wie immer gut gelaunte, Band bei Klassikern wie „Ready to Rock“ und „Runnin‘ wild“ frenetisch abgefeiert. Bemerkenswert waren die üblichen Marshall-Wände in denen alle Verstärker zum Sound beitragen und die gleichzeitig neben dem Backdrop als eine Bühnendeko ihren Job mit Bravour erledigten. Kurzum: So geht Rock’n’Roll und wer was anderes sagt ist ein Spießer!

Endgültig auf Party-Niveau angekommen folgten die Viking-Death-Metaller von Amon Amarth. Diese hatten statt des altbekannten Drachenboots zwei riesengroße, begehbare, nebelspeiende Drachenköpfe, sowie als erste Band jede Menge Extra-Nebel und Pyrotechnik mitgebracht. Vor dieser imposanten Kulisse brachten die Wikinger sämtliche Hits ihrer Karriere unters Volk. Von „Pursuit of the Vikings“ bis „Death in Fire“ und „Guardians of Asgard“ war alles dabei. Als wäre Thor erzürnt über das viel zu kurze Konzert seiner nordischen Repräsentanten, gingen direkt nach dem Konzertende die Himmelschleusen auf und schlossen sich bis zum Konzert der letzten Band des Abends auch nicht mehr. Das hieß: Während der Umbaupause im Regen vor der Bühne ausharren.

Gegen 21 Uhr enterten endlich Machine Head die Bühne und der Regen ließ wieder nach. Sie fackelten nicht lange und holten die Thrash-Keule bereits beim Opener „Imperium“ heraus. Auch „Locust“ und der obligatorische Rausschmeißer „Davidian“ durften nicht fehlen. Mit „Aesthetics Of Hate“ und „Bulldozer“, sowie „Halo“ und „Old“ wurde dann der ganze Platz niedergewalzt. Ganz großes Kino! Leider beendeten Machine Head ihr Set schon nach knapp einer Stunde. Pünklich begann es dann auch wie aus Eimern zu schütten und die Meute suchte das Weite.

Neben den vielen positiven Erlebnissen dieses Festivals gab es auch Verbesserungswürdiges. Hierzu gehörte auf jeden Fall der Sound, denn er war eine Sache für sich. Die Anlage schien mindestens zwei Nummern zu groß für eine Veranstaltung dieser Art an diesem Ort. Bei Doublebass-lastigen Bands hörte man nur noch einen unangenehmen, dröhnenden Soundbrei. Vielleicht lag das auch an den insgesamt 42(!) Subwoofern im Bühnengraben und 12(!) Line Arrays pro Bühnenseite, die einfach zu viel des Guten waren. Was auf dem Wacken normal ist, war leider für die umbaute Fläche auf dem Parkplatz hinter dem X eine Nummer zu heftig.

Ein nächster Kritikpunkt ist die doch eher bescheidene Parkplatzsituation. Diese ist aufgrund der örtlichen Gegebenheiten leider nicht zu ändern, dennoch sind 15-20 Minuten Fußmarsch vom offiziellen Veranstaltungsparkplatz eher suboptimal. Einziger Wermutstropfen der Fußweg lädt zu 1,2,3,4…. Wegbieren ein und immerhin ist der Parkplatz überwacht.

Schon letztes Jahr war das Lineup dieses Open Airs top, jedoch waren 2013 alle Bands hochkarätige Kracher aus dem Bereich Schwermetall. Insgesamt hat es uns gut gefallen und wir hoffen, dass die Veranstalter nächstes Jahr wieder ein Open Air dieser Art organisieren können. Vielleicht spielt dann auch der Wettergott mit.