Heilmittelwerbegesetz: BGH-Urteil zu Cannabis

Der Bundesgerichtshof hat Ende März 2026 ein Urteil gefällt, das die gesamte Branche für medizinisches Cannabis in Deutschland verändern dürfte. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie weit Informationen über Cannabis als Therapieform gehen dürfen und ab wann solche Aussagen unter die Heilmittelwerbegesetze fallen.

Heilmittelwerbegesetze: BGH schafft neue Grenzen für medizinisches Cannabis

Heilmittelwerbegesetze: BGH-Urteil zu Cannabis
Heilmittelwerbegesetze: BGH-Urteil zu Cannabis

Das Verfahren zwischen Bloomwell und der Wettbewerbszentrale hatte deshalb enorme Bedeutung. Denn bislang herrschte Unsicherheit: Dürfen Plattformen erklären, bei welchen Beschwerden medizinisches Cannabis eingesetzt wird? Oder handelt es sich dabei bereits um verbotene Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel?

Mit seinem Urteil hat der Bundesgerichtshof nun eine klare Linie gezogen. Informationen über mögliche Anwendungsgebiete von medizinischem Cannabis dürfen gegenüber Verbrauchern nur sehr eingeschränkt kommuniziert werden. Die Richter stellten klar: Wer öffentlich darauf hinweist, bei welchen Beschwerden Cannabis helfen könnte, verstößt unter Umständen gegen die Heilmittelwerbegesetze.

Für die Branche bringt das zwar mehr Rechtssicherheit. Gleichzeitig könnte das Urteil dazu führen, dass es für Patientinnen und Patienten deutlich schwieriger wird, seriöse Informationen über eine mögliche Cannabis-Therapie zu finden.

Was genau ist passiert?

Auslöser war ein Verfahren gegen die frühere Website von Algea Care, die inzwischen vollständig in die Plattform Bloomwell integriert wurde. Auf der damaligen Internetseite fanden sich Formulierungen darüber, bei welchen Beschwerden eine Therapie mit medizinischem Cannabis möglicherweise infrage kommen könnte.

Genau diese Aussagen sah die Wettbewerbszentrale als Verstoß gegen die Heilmittelwerbegesetze. Die Begründung: Medizinisches Cannabis ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Für verschreibungspflichtige Arzneimittel gelten in Deutschland besonders strenge Werberegeln.

Das Oberlandesgericht Frankfurt hatte bereits zuvor entschieden, dass diese Aussagen unzulässig seien. Bloomwell zog deshalb vor den Bundesgerichtshof, um höchstrichterlich klären zu lassen, wo die Grenze zwischen neutraler Information und verbotener Werbung verläuft.

Der BGH bestätigte nun im Kern die Auffassung der Vorinstanzen. Öffentlich zugängliche Aussagen darüber, welche Beschwerden durch medizinisches Cannabis behandelt werden können, dürfen gegenüber Laien nicht gemacht werden. Nach Ansicht der Richter könnte dies Patienten dazu verleiten, gezielt nach einem Cannabis-Rezept zu fragen.

Damit greift das Werbeverbot der Heilmittelwerbegesetze.

Faktenbox: Das Urteil in Kürze

  • Aktenzeichen: I ZR 74/25
  • Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 26. März 2026
  • Öffentliche Aussagen zu behandelbaren Beschwerden mit Cannabis sind unzulässig
  • Die Heilmittelwerbegesetze gelten auch für Plattformen zu medizinischem Cannabis
  • Erlaubt bleiben Informationen für Ärzte, Apotheken und andere Fachkreise

Warum die Heilmittelwerbegesetze jetzt wichtiger denn je sind

Die Heilmittelwerbegesetze regeln in Deutschland, wie für Medikamente, Therapien und medizinische Behandlungen geworben werden darf. Ziel ist es, Verbraucher vor unsachlicher oder irreführender Werbung zu schützen.

Besonders streng sind die Regeln bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Für diese darf grundsätzlich nicht direkt gegenüber Endverbrauchern geworben werden.

Der Gesetzgeber will damit verhindern, dass Menschen durch Werbung beeinflusst werden und anschließend ihren Arzt unter Druck setzen, ein bestimmtes Medikament zu verschreiben.

Genau hier sah der BGH beim Thema medizinisches Cannabis ein Problem. Wer liest, dass Cannabis bei Schlafstörungen, chronischen Schmerzen oder Angststörungen helfen könnte, könnte gezielt mit diesem Wunsch in die Arztpraxis gehen.

Nach Auffassung der Richter widerspricht das dem Sinn der Heilmittelwerbegesetze. Die Entscheidung, ob Cannabis medizinisch sinnvoll ist, soll allein beim Arzt liegen.

Warum medizinisches Cannabis anders behandelt wird als andere Therapien

Bloomwell argumentierte, dass nicht für ein konkretes Produkt geworben werde, sondern nur für eine Therapieform. Doch der BGH folgte dieser Sichtweise nicht.

Die Richter machten deutlich: Auch wenn kein bestimmtes Cannabis-Produkt oder keine konkrete Sorte genannt wird, kann bereits die allgemeine Darstellung der Behandlungsmöglichkeiten unter die Heilmittelwerbegesetze fallen.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn viele Anbieter hatten bislang angenommen, dass neutrale Informationen über die Therapie zulässig seien, solange kein konkretes Produkt beworben wird.

Genau diese Annahme gilt nun nur noch eingeschränkt.

Welche Informationen künftig problematisch sein könnten

Nach dem Urteil könnten viele Inhalte, die bislang auf Webseiten, in Blogs oder in Patientenforen üblich waren, rechtlich riskant werden.

Besonders problematisch könnten künftig Aussagen sein wie:

  • „Cannabis hilft gegen Schlafstörungen“
  • „Viele Patienten mit ADHS profitieren von Cannabis“
  • „Cannabis wird erfolgreich bei chronischen Schmerzen eingesetzt“
  • „Diese Erkrankungen können mit Cannabis behandelt werden“

Solche Formulierungen können laut BGH als Werbung interpretiert werden, wenn sie sich an Verbraucher richten.

Zulässig bleiben dagegen eher allgemein gehaltene Informationen, etwa:

  • Erklärung der gesetzlichen Lage
  • Beschreibung des Verschreibungsprozesses
  • Informationen über den Ablauf einer ärztlichen Behandlung
  • Hinweise auf Risiken, Nebenwirkungen und Grenzen der Therapie
Faktenbox: Was weiterhin erlaubt sein dürfte

  • Allgemeine Informationen zum MedCanG
  • Erklärung, wie ein Rezept ausgestellt wird
  • Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen
  • Wissenschaftliche Inhalte für Fachkreise
  • Persönliche Erfahrungen einzelner Patienten, solange keine Werbung erfolgt

Warum das Urteil für Patienten problematisch sein könnte

Die Entscheidung bringt zwar mehr Rechtssicherheit für Unternehmen, Ärzte und Apotheken. Für Patientinnen und Patienten könnte sie aber zu einem echten Problem werden.

Viele Menschen informieren sich heute zuerst online. Gerade beim Thema medizinisches Cannabis ist das wichtig, weil viele Hausärzte oder Fachärzte noch wenig Erfahrung mit dieser Therapieform haben.

Hinzu kommt: Für Cannabisblüten gibt es in der Regel keine klassischen Beipackzettel wie bei herkömmlichen Fertigarzneimitteln. Patienten können also oft nicht einfach in einer Packungsbeilage nachlesen, bei welchen Erkrankungen oder Beschwerden eine Behandlung infrage kommt.

Wenn nun auch neutrale Informationen im Internet eingeschränkt werden, entsteht eine Informationslücke.

Bloomwell kritisierte genau diesen Punkt nach dem Urteil. Die Richter hätten zwar auf Beipackzettel verwiesen, aber solche Beipackzettel existieren bei Cannabisblüten praktisch nicht.

Das könnte dazu führen, dass sich Betroffene künftig nur noch schwer informieren können.


Über den Autor: Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber

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Aus deutscher Sicht bedeutet das …

Aus deutscher Sicht bedeutet das Urteil vor allem, dass die Heilmittelwerbegesetze nun deutlich strenger auf medizinisches Cannabis angewendet werden als viele Branchenvertreter bislang erwartet hatten.

Für deutsche Anbieter entsteht dadurch zwar mehr Rechtssicherheit. Sie wissen nun besser, welche Aussagen erlaubt sind und welche nicht. Gleichzeitig werden seriöse Informationsangebote erschwert.

Vor allem deutsche Unternehmen stehen nun unter großem Druck. Während sie sich streng an die Heilmittelwerbegesetze halten müssen, können ausländische Plattformen häufig deutlich offensiver werben.

Das schafft ein Ungleichgewicht. Deutsche Anbieter laufen Gefahr, gegenüber Unternehmen aus dem Ausland benachteiligt zu werden, obwohl sie sich an die Regeln halten.

Gleichzeitig zeigt das Urteil aber auch, dass die bestehenden Gesetze nach Ansicht des Bundesgerichtshofs ausreichen. Eine Verschärfung des MedCanG hielt das Gericht nicht für notwendig.

Für Deutschland bedeutet das deshalb zweierlei:

Welche Folgen das Urteil für Ärzte, Apotheken und Plattformen hat

Ärzte

Ärzte müssen künftig noch vorsichtiger sein, wenn sie auf ihrer Website oder in sozialen Netzwerken über medizinisches Cannabis sprechen.

Bereits allgemeine Hinweise darauf, bei welchen Erkrankungen Cannabis eingesetzt wird, könnten problematisch sein. Erlaubt bleibt hingegen die sachliche Aufklärung im direkten Arzt-Patienten-Gespräch.

Apotheken

Auch Apotheken müssen aufpassen. Viele Cannabis-Apotheken informieren bislang online über Sorten, Wirkstoffe und typische Anwendungsgebiete.

Solche Inhalte könnten künftig stärker abgemahnt werden, wenn sie als Werbung gegenüber Verbrauchern verstanden werden.

Telemedizin-Plattformen

Für Plattformen wie Bloomwell, Telecan oder andere Anbieter von Cannabis-Telemedizin dürfte das Urteil besonders wichtig sein. Sie müssen ihre Inhalte künftig noch sorgfältiger prüfen.

Vor allem Aussagen zu Indikationen, Symptomen oder typischen Beschwerden könnten verschwinden.

Praxisbeispiel

Eine Plattform darf wahrscheinlich weiterhin schreiben: „Du kannst online einen Termin mit einem Arzt vereinbaren, der Erfahrung mit medizinischem Cannabis hat.“

Problematisch wäre dagegen eine Aussage wie: „Wenn du unter Schlafstörungen oder Migräne leidest, kann Cannabis helfen.“

Die medizinischen Grenzen von Cannabis

Bei aller Diskussion über die Heilmittelwerbegesetze darf eines nicht vergessen werden: Medizinisches Cannabis ist kein Wundermittel.

Es gibt Erkrankungen und Beschwerden, bei denen Cannabis helfen kann. Gleichzeitig gibt es klare medizinische Grenzen.

Die beste wissenschaftliche Datenlage gibt es bislang bei:

  • Chronischen Schmerzen
  • Spastiken bei Multipler Sklerose
  • Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie
  • Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust

Weniger eindeutig ist die Studienlage bei:

  • Schlafstörungen
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • ADHS
  • Tinnitus
  • Migräne

Gerade deshalb ist eine ärztliche Prüfung wichtig. Cannabis kann Nebenwirkungen haben und ist nicht für jeden geeignet.

Mögliche Risiken sind:

  • Schwindel
  • Müdigkeit
  • Konzentrationsprobleme
  • Herzrasen
  • Psychische Nebenwirkungen

Bei bestimmten psychischen Vorerkrankungen oder bei einer bestehenden Suchtproblematik kann Cannabis sogar ungeeignet sein.

Vor- und Nachteile des Urteils

Vorteile

  • Mehr Rechtssicherheit für die Branche
  • Klare Anwendung der Heilmittelwerbegesetze
  • Schutz vor aggressiver oder irreführender Werbung
  • Weniger unseriöse Anbieter und fragwürdige Versprechen

Nachteile

  • Weniger Informationen für Patienten
  • Gefahr einer Informationslücke
  • Benachteiligung deutscher Anbieter gegenüber ausländischen Plattformen
  • Unsicherheit für Blogs, Foren und Aufklärungsportale

Meine Einordnung: Warum das Urteil langfristig nicht ausreicht

Das Urteil des BGH schafft kurzfristig Ordnung. Langfristig löst es aber nicht das Grundproblem.

Deutschland und viele andere Länder behandeln Cannabis bis heute anders als andere pflanzliche Arzneimittel. Dadurch entstehen besonders strenge Regeln, Unsicherheit und eine schwierige Informationslage.

Aus meiner Sicht zeigt das Urteil vor allem, dass es dringend bessere und transparentere Informationswege braucht. Patienten sollten die Möglichkeit haben, sich sachlich und neutral über medizinisches Cannabis zu informieren, ohne sofort in den Verdacht der Werbung zu geraten.

Noch deutlicher wird das auf internationaler Ebene. Für eine vollständige Legalisierung von Cannabis weltweit wäre es sinnvoll, einheitliche und moderne Regeln zu schaffen. Solange Cannabis in vielen Ländern rechtlich anders behandelt wird als andere Arzneimittel oder Genussmittel, bleiben Unsicherheit, Stigmatisierung und rechtliche Grauzonen bestehen.

Eine weltweite Legalisierung würde nicht automatisch bedeuten, dass jede Werbung erlaubt wäre. Auch dann müssten Heilmittelwerbegesetze und Verbraucherschutz gelten. Aber Patienten könnten deutlich offener, ehrlicher und transparenter informiert werden.

Gerade im medizinischen Bereich wäre das ein wichtiger Schritt.

Fazit: Heilmittelwerbegesetze verändern die Cannabis-Branche nachhaltig

Das Urteil des Bundesgerichtshofs ist ein Wendepunkt für die deutsche Cannabis-Branche. Die Heilmittelwerbegesetze gelten nun eindeutig auch für allgemeine Aussagen über medizinisches Cannabis.

Unternehmen, Ärzte und Apotheken müssen ihre Inhalte anpassen. Für die Branche entsteht dadurch mehr Rechtssicherheit.

Für Patienten bringt das Urteil jedoch auch Nachteile. Denn künftig könnte es deutlich schwieriger werden, seriöse Informationen über mögliche Einsatzgebiete von Cannabis zu finden.

Die Herausforderung für die kommenden Jahre wird deshalb sein, einen vernünftigen Mittelweg zu finden: strenger Schutz vor irreführender Werbung, aber gleichzeitig genug Raum für sachliche und verständliche Aufklärung.

Nur so kann medizinisches Cannabis langfristig als seriöse Therapieform akzeptiert werden.

Quellen / Infos: https://www.presseportal.de/pm/181997/6243996
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Autor und Bild: Canna-Chad Gregor Paul Thiele

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