Seit dem Wegfall der Kostenübernahme für Cannabisblüten durch die gesetzlichen Krankenkassen stehen viele Patientinnen und Patienten vor einer ungewissen Zukunft. Während die politischen und rechtlichen Änderungen intensiv diskutiert werden, kommen die Menschen, die unmittelbar davon betroffen sind, oft nur selten selbst zu Wort. Doch hinter jeder gesetzlichen Neuregelung stehen persönliche Schicksale, die zeigen, welche Auswirkungen solche Entscheidungen auf den Alltag haben können.
Sabrina: Cannabispatientin seit 2017
Sabrina ist seit 2017 Cannabispatientin. Aufgrund eines komplexen regionalen Schmerzsyndroms (CRPS) und einer Epilepsie ist sie auf medizinisches Cannabis angewiesen. Über viele Jahre wurden ihre Cannabisblüten von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Mit der aktuellen Gesetzesänderung steht sie nun vor der Situation, ihre bisherige Therapie möglicherweise nicht mehr fortführen zu können, weil die Kosten für sie unbezahlbar geworden sind.
Im Interview spricht Sabrina offen über ihren Weg zur Cannabistherapie, die Bedeutung der Cannabisblüten für ihre Lebensqualität und die Erfahrungen mit alternativen Cannabisarzneimitteln. Sie schildert außerdem, wie sie von der Änderung erfahren hat, welche Informationen sie von ihrer Krankenkasse und ihrem behandelnden Arzt erhalten hat und welche Sorgen sie sich um ihre zukünftige medizinische Versorgung macht.
Interview mit Cannabispatientin Sabrina
Bitte stelle dich unseren Leserinnen und Lesern kurz vor. Seit wann bist du Cannabispatientin und welche Erkrankung wird mit medizinischem Cannabis behandelt?
Hallo, ich bin Sabrina, 43 Jahre alt und komme aus Hof. Ich bin seit 2017 Cannabispatientin. Neben weiteren Erkrankungen leide ich an CRPS (Komplexes regionales Schmerzsyndrom) an der rechten Seite sowie an Epilepsie.
Wie bist du damals auf die Möglichkeit einer Cannabistherapie aufmerksam geworden und wie verlief der Weg bis zur ersten Verordnung?
Ich habe das Thema damals bei meinem Arzt angesprochen. Er hat daraufhin den Antrag bei der Krankenkasse gestellt – ehrlich gesagt habe ich das im ersten Moment gar nicht richtig mitbekommen, bis ich plötzlich direkt die Bewilligung von der AOK im Briefkasten hatte.
Welche Bedeutung hat medizinisches Cannabis heute für deinen Alltag und deine Lebensqualität?
Eine enorm große. Das medizinische Cannabis hilft mir unwahrscheinlich gegen meine extremen Schmerzen durch das CRPS. Zudem hat es mir ermöglicht, meine regulären Epilepsie-Medikamente und deren Nebenwirkungen deutlich zu reduzieren.
Worauf legst du bei deiner Therapie besonderen Wert?
Mir ist eine verlässliche, schnelle Wirkung und eine gleichbleibende Qualität wichtig, damit ich meinen Alltag mit den Schmerzen überhaupt bewältigen kann. Die gezielte Inhalation von Blüten ermöglicht mir eine genaue und schnelle Dosierung im Bedarfsfall.
„Mir wird damit faktisch die medizinische Versorgung entzogen“
Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben, die sich erstmals mit dem Thema medizinisches Cannabis beschäftigen?
Lasst euch nicht entmutigen und informiert euch gut. Es ist eine medizinische Therapie wie jede andere auch – steht für eure Lebensqualität ein und sucht das offene Gespräch mit aufgeschlossenen Ärztinnen und Ärzten.
Du erhältst seit 2017 medizinische Cannabisblüten. Für welche Beschwerden oder Symptome sind Cannabisblüten für dich ein wichtiger Bestandteil deiner Therapie?
Ich habe 2017 zuerst Dronabinol bekommen, was ich jedoch überhaupt nicht vertragen habe. Gleich danach wurde ich auf die Cannabisblüte Bedrocan eingestellt. Die Blüten sind für die akute Schmerzlinderung meines CRPS und zur Stabilisierung meiner Epilepsie unverzichtbar.
Seit dem 30. Juli 2026 gehören Cannabisblüten grundsätzlich nicht mehr zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Wie hast du von dieser Änderung erfahren und wie war deine erste Reaktion?
Ich habe am 30. Juli einen Anruf von meiner Apotheke bekommen mit der Nachricht, dass die Kostenübernahme von heute auf morgen weg sei und ich mein Rezept nur noch selbst zahlen könne. Im ersten Moment war ich außer mir vor Verzweiflung, Angst und Wut. Nachdem ich mich etwas gesammelt hatte, habe ich sofort bei der AOK angerufen, um nachzufragen – leider wurde mir das dort bestätigt.
Hast du bereits mit deiner Krankenkasse oder deinen behandelnden Ärzten über die neuen Regelungen gesprochen? Welche Informationen oder Rückmeldungen hast du bisher erhalten?
Ja, die AOK hat die Änderung bestätigt. Mein Arzt wusste selbst gar nicht genau, was er mir nun aufschreiben sollte, und hat mich an meine Apotheke zurückverwiesen. Die Apotheke schlug Exilby als Rezepturmischung vor, da das meiner bisherigen Therapie sehr nahe käme – doch diese Option war im Abrechnungskatalog des Arztes noch nicht einmal auffindbar. Dronabinol war für mich keine Option, und so blieb letztlich nur Sativex übrig, was für meine Therapie jedoch absolut keinen Nutzen hat.
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Es wird künftig verstärkt auf andere Cannabisarzneimittel wie Dronabinol, Nabilon oder zugelassene Fertigarzneimittel gesetzt. Hast du bereits Erfahrungen mit solchen Präparaten gemacht und könnten sie für dich Cannabisblüten ersetzen?
Nein, sie können die Blüten für mich nicht ersetzen. Dronabinol habe ich bereits 2017 nicht vertragen, und Präparate wie Sativex haben für mich keinen therapeutischen Nutzen und decken mein Beschwerdebild schlichtweg nicht ab.
Wie sah die Kostenübernahme deiner Therapie bisher aus und was ändert sich für dich durch die neuen gesetzlichen Regelungen konkret?
Bisher wurden die Kosten vollständig von der AOK übernommen. Nun müsste ich die Therapie komplett selbst zahlen – das wären rund 1.400 Euro im Monat. Da ich berentet bin, kann ich mir das schlichtweg nicht leisten. Mir wird damit faktisch die medizinische Versorgung entzogen.
Für viele Patienten werden künftig Fertigarzneimittel wie Exilby als mögliche Therapieoption genannt. Wie bewertest du diese Entwicklung und glaubst du, dass solche Präparate deinen individuellen Therapiebedarf ausreichend abdecken können?
Ich sehe diese Entwicklung sehr kritisch. Zwar kam Exilby als Rezepturmischung laut meiner Apotheke meiner bisherigen Therapie sehr nahe, war jedoch beim Arzt noch nicht einmal im Abrechnungskatalog hinterlegt. Zudem können standardisierte Präparate den individuellen Bedarf oft nicht abdecken oder sie scheitern an bürokratischen Hürden.
Welches Missverständnis über medizinisches Cannabis oder Cannabispatientinnen und Cannabispatienten würdest du gerne aus der Welt schaffen?
Dass es sich hierbei um ein LIFESTYLE-Mittel oder „Kiffen auf Schein“ handelt. Für uns chronisch Kranke ist es eine überlebenswichtige Medizin, die Schmerzen lindert und überhaupt erst ein erträgliches Leben ermöglicht.
Welchen Rat gibst du Menschen, die aufgrund der aktuellen Änderungen um ihre Cannabistherapie sorgen?
Gebt nicht auf und lasst euch nicht leise abservieren. Auch wenn man sich in dieser Situation hilflos und alleine fühlt: Schließt euch mit anderen Betroffenen zusammen, tauscht euch aus und kämpft gemeinsam. Bleibt im engen Kontakt mit euren behandelnden Ärzten und Apotheken, um alle verbleibenden Möglichkeiten auszuschöpfen. Wir müssen laut bleiben, damit unsere Not gesehen wird.
Wie geht es für dich persönlich jetzt weiter und was wünschst du dir von deiner Krankenkasse, deinen behandelnden Ärzten und der Politik?
Ich verstehe nicht, wie ein solches Gesetz einfach so durchkommen konnte – ohne an die Bestandskunden zu denken und ohne es groß öffentlich zu machen. Das finde ich am allerschlimmsten. Von der Politik wünsche ich mir, dass so etwas nicht mehr möglich ist: Wir brauchen Vertrauensschutz für langjährige Patienten, mehr Transparenz und vor allem mehr Menschlichkeit.
Was wünschst du dir persönlich für die Zukunft von medizinischem Cannabis sowie der Hanf- und Cannabisbranche in Deutschland?
Ich wünsche mir an erster Stelle, dass die medizinische Versorgung schwerkranker Menschen dauerhaft abgesichert ist und einen echten Bestandsschutz hat – niemand sollte Angst haben müssen, von heute auf morgen ohne seine Medizin dazustehen. Zudem wünsche ich mir, dass Anbau-Clubs erhalten bleiben und gezielt genutzt werden, um Bestandspatienten in Übergangszeiten aufzufangen. Und schließlich dürfen wir die Pflanze als wertvollen Naturrohstoff nicht vergessen: Cannabis ist eine vielseitige Heil- und Nutzpflanze, die medizinisch und gesellschaftlich den Respekt verdient, der ihr zusteht.
Fazit
Das Gespräch mit Sabrina macht deutlich, welche weitreichenden Folgen gesetzliche Änderungen für Menschen haben können, die seit Jahren auf medizinisches Cannabis angewiesen sind. Während politische Entscheidungen häufig auf abstrakter Ebene diskutiert werden, stehen für Betroffene oft ihre Gesundheit, ihre Lebensqualität und ihre finanzielle Existenz auf dem Spiel.
Unabhängig davon, wie die aktuelle Rechtslage bewertet wird, zeigt dieses Interview, wie wichtig es ist, die Erfahrungen von Patientinnen und Patienten in die öffentliche Debatte einzubeziehen. Ihre Perspektiven können dazu beitragen, Chancen und Herausforderungen der medizinischen Cannabisversorgung besser zu verstehen und bestehende Regelungen kritisch zu hinterfragen.
Ich bedanke mich herzlich bei Sabrina für ihre Offenheit und den Mut, ihre persönliche Geschichte mit den Leserinnen und Lesern von Metaller.de zu teilen.
Redaktioneller Hinweis: Die in diesem Interview geäußerten Meinungen, Einschätzungen und Aussagen stammen ausschließlich vom Interviewpartner und spiegeln nicht zwangsläufig die Auffassung der Redaktion von Metaller.de wider. Das Interview dient der Information und dem Austausch unterschiedlicher Sichtweisen innerhalb der Cannabis-, Hanf- und CBD-Branche.
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Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Bild-, Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber
