Wie beeinflusste Bolsonaro die Abholzung im Amazonas?

Äußerungen von Jair Bolsonaro und Mitgliedern seiner Regierung könnten die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet im Jahr 2019 erheblich verstärkt haben. Eine internationale Studie findet besonders dort mehr Waldverlust, wo Botschaften gegen den Waldschutz vermutlich viele Menschen erreichten. Die Forschenden schätzen den zusätzlichen Verlust auf 190 bis 1.700 Quadratkilometer. Entscheidend war offenbar die Erwartung, dass Verstöße gegen Umweltregeln seltener bestraft würden.

Wie beeinflusste Bolsonaro die Abholzung im Amazonas?

Wie beeinflusste Bolsonaro die Abholzung im Amazonas?
Wie beeinflusste Bolsonaro die Abholzung im Amazonas?
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie zur Abholzung im Amazonas
Frage Ergebnis und Einordnung
Welcher Zeitraum wurde untersucht? Das Jahr 2019, das erste Amtsjahr von Jair Bolsonaro als brasilianischem Präsidenten.
Welche politischen Beiträge waren relevant? Unter mehr als 3.600 untersuchten Twitter-Beiträgen identifizierte das Forschungsteam 38, die ein geringeres Risiko der Bestrafung bei Verstößen gegen Umweltgesetze signalisierten.
Welche Regionen wurden verglichen? 578 Gemeinden im brasilianischen Amazonasgebiet mit unterschiedlich hoher geschätzter Reichweite solcher Botschaften.
Wie groß war der geschätzte Effekt? Zwischen 190 und 1.700 Quadratkilometer zusätzlicher Waldverlust im Jahr 2019. Die Spanne zeigt die Unsicherheit der Schätzung.
Was änderte sich laut Analyse nicht unmittelbar? Auf Gemeindeebene ließ sich kein entsprechender Effekt auf verhängte Umweltstrafen oder Abholzungsverbote feststellen.

Faktenbox: Meldung, Bedeutung, Einordnung

Meldung: Forschende der Universität Bonn und weiterer Hochschulen bringen Botschaften der Bolsonaro-Regierung mit zusätzlicher Abholzung im Amazonasgebiet in Verbindung.

Bedeutung: Umweltgesetze können an Wirkung verlieren, wenn Menschen politische Aussagen als Signal verstehen, dass Verstöße kaum Folgen haben.

Einordnung: Die Studie betrifft einen bestimmten politischen Kontext und das Jahr 2019. Sie erklärt weder die gesamte Entwaldung Brasiliens noch beweist sie, dass jeder einzelne gerodete Hektar auf einen bestimmten Beitrag zurückgeht.

Was ist über Bolsonaros Äußerungen und den Regenwald bekannt?

Der Amazonas-Regenwald steht seit Jahrzehnten unter Druck. Für Menschen vor Ort ist der Wald Lebensraum und Lebensgrundlage. Zugleich spielt er eine wichtige Rolle für Artenvielfalt, Wasserkreisläufe und die Speicherung von Kohlenstoff. Seine Zerstörung hat deshalb Folgen, die weit über die betroffenen Grundstücke hinausreichen.

Als Jair Bolsonaro Anfang 2019 das Präsidentenamt übernahm, äußerten er und mehrere Minister sich wiederholt kritisch über den Waldschutz. Die neue Studie fragt, ob solche Aussagen selbst dann das Verhalten vor Ort beeinflussen können, wenn eine bestehende Regel nicht sofort geändert wird. Ihr Ergebnis: In Gemeinden, in denen die Botschaften vermutlich stärker wahrgenommen wurden, nahm die Abholzung in den betreffenden Monaten besonders deutlich zu.

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Die Forschenden behaupten nicht, dass ein Tweet unmittelbar eine bestimmte Rodung ausgelöst habe. Sie untersuchen, ob sich ein Muster über viele Gemeinden und Monate hinweg zeigt. Politische Kommunikation erscheint in dieser Analyse als möglicher zusätzlicher Treiber der Entwaldung neben wirtschaftlichen Anreizen, Landnutzung und der tatsächlichen Durchsetzung von Regeln.

Warum können politische Aussagen praktische Folgen haben?

Wer Wald illegal entfernt, muss eine Entscheidung unter Unsicherheit treffen. Mögliche Erträge aus einer späteren Nutzung der Fläche stehen dem Risiko gegenüber, entdeckt und belangt zu werden. Dieses Risiko hängt nicht allein von Gesetzen und Behörden ab. Entscheidend ist auch, wie Betroffene die Wahrscheinlichkeit einer Kontrolle und einer Sanktion einschätzen.

Eine Aussage aus der Regierung kann diese Einschätzung verändern. Wenn führende Politiker den Waldschutz abwerten oder ein entschlossenes Vorgehen gegen Verstöße unwahrscheinlich erscheinen lassen, können manche Akteure daraus eine größere politische Duldung ableiten. Ob ihre Schlussfolgerung zutrifft, ist für ihre Entscheidung zunächst zweitrangig. Schon eine veränderte Erwartung kann das Handeln beeinflussen.

Wie beeinflusste Bolsonaro die Abholzung im Amazonas?
Wie beeinflusste Bolsonaro die Abholzung im Amazonas?

Wie wurde die Abholzung im Amazonas untersucht?

Das Forschungsteam verband zwei Arten von Daten: Informationen über die Entwaldung und Angaben zur politischen Kommunikation. Für die Waldverluste nutzte es Daten von MapBiomas Alerta. Die Initiative überprüft und validiert Warnungen zur Entwaldung aus verschiedenen Quellen in Brasilien. Damit konnten die Forschenden untersuchen, wann und wo Waldflächen verschwanden.

Zusätzlich werteten sie mehr als 3.600 Twitter-Beiträge aus, die Bolsonaro sowie seine Minister für Landwirtschaft, Umwelt und auswärtige Angelegenheiten im Jahr 2019 veröffentlicht hatten. Sie suchten gezielt nach Beiträgen, die ein geringeres Bestrafungsrisiko bei Verstößen gegen Umweltvorschriften vermuten ließen. Nach dieser Auswahl blieben 38 einschlägige Beiträge übrig.

Die Zahl 38 ist für die Aussage der Studie zentral. Nicht sämtliche Beiträge der Regierung wurden als Signal gegen die Durchsetzung des Waldschutzes behandelt. Untersucht wurde eine kleinere Gruppe von Botschaften mit einer bestimmten möglichen Wirkung auf die Erwartungen der Empfänger.

Woher wussten die Forschenden, welche Gemeinden die Botschaften erreichten?

Direkt messen lässt sich kaum, welche Person in einer Gemeinde einen Regierungsbeitrag gelesen, im Fernsehen davon gehört oder später darüber gesprochen hat. Deshalb schätzten die Forschenden die örtliche Reichweite. Dafür betrachteten sie in 578 Gemeinden des Amazonasgebiets, wie häufig Bürgerinnen und Bürger zwischen 2015 und 2018 Beiträge zum Thema Wald auf Twitter veröffentlicht hatten.

Die Überlegung lautet: Wo das Thema Wald auf der Plattform bereits vor Bolsonaros Amtsantritt stärker diskutiert wurde, hatten spätere Regierungsbotschaften eine höhere Chance, wahrgenommen und weitergetragen zu werden. Diese frühere Aktivität diente somit als Maß für die wahrscheinliche Exposition einer Gemeinde. Die Forschenden verglichen anschließend, wie sich die Abholzung in Gemeinden mit höherer und niedrigerer geschätzter Exposition entwickelte.

Das Verfahren ist anspruchsvoller als ein einfacher Vergleich der Waldverluste vor und nach einer Rede. Dennoch bleibt die Reichweite eine Schätzung. Sie sagt nicht, wer einen konkreten Beitrag sah oder welche einzelne Person ihre Entscheidung deshalb änderte.

Welche Rolle spielten Gespräche und andere Medien?

Die Wirkung politischer Botschaften endet nicht beim ursprünglichen Publikum eines sozialen Netzwerks. Beiträge können geteilt, kritisiert, in Nachrichtensendungen aufgegriffen und im Alltag besprochen werden. So kann eine Aussage auch Menschen erreichen, die selbst keinen Twitter-Account besitzen.

Nach Angaben der Universität Bonn fanden die Forschenden ein ähnliches Muster, wenn sie weitere Formen der Mediennutzung berücksichtigten, etwa Fernsehberichte. Das unterstützt die Deutung, dass es um die Verbreitung eines politischen Signals ging und nicht allein um die unmittelbare Nutzung einer einzelnen Plattform. Wie jede Botschaft auf ihrem Weg durch verschiedene Medien aufgenommen wurde, lässt sich damit allerdings nicht lückenlos nachvollziehen.

Faktenbox: Was bedeutet „Exposition“?

Exposition bezeichnet hier die geschätzte Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in einer Gemeinde mit den untersuchten politischen Botschaften in Berührung kamen. Die Studie erfasst keine vollständige Liste einzelner Leser oder Zuschauer. Sie nutzt Unterschiede in der früheren örtlichen Kommunikation über Waldthemen, um die mögliche Reichweite zu vergleichen.

Wie groß war der geschätzte zusätzliche Waldverlust?

Für das Jahr 2019 beziffern die Forschenden den zusätzlichen Waldverlust, der mit den untersuchten Botschaften zusammenhängt, auf 190 bis 1.700 Quadratkilometer. Die obere Grenze entspricht ungefähr der doppelten Fläche Berlins. Die untere Grenze ist erheblich kleiner, beschreibt aber ebenfalls eine große Waldfläche.

Diese Werte sind eine modellgestützte Schätzung und keine Sammlung eindeutig identifizierter Grundstücke, deren Rodung einzelnen Tweets zugeordnet werden konnte. Die breite Spanne macht sichtbar, dass die Größe des Effekts von den Annahmen und Auswertungen abhängt. Wer darüber berichtet, sollte daher beide Grenzen nennen. Die Formulierung „Bolsonaros Tweets zerstörten 1.700 Quadratkilometer Wald“ wäre zu bestimmt.

Ebenso wenig ist die Schätzung mit der gesamten Abholzung Brasiliens im Jahr 2019 gleichzusetzen. Die Studie isoliert einen möglichen zusätzlichen Effekt politischer Signale innerhalb eines bereits bestehenden Problems. Wald kann zugleich wegen hoher landwirtschaftlicher Erträge, unklarer Landrechte und weiterer Faktoren unter Druck stehen.

Wann zeigte sich der Zusammenhang besonders deutlich?

Laut der Mitteilung der Universität Bonn stieg die Abholzung in den stärker exponierten Regionen besonders in den Monaten, in denen die untersuchten Botschaften veröffentlicht wurden. Die zeitliche Nähe ist ein wichtiger Teil der Analyse. Sie passt zu der Annahme, dass politische Aussagen Erwartungen vergleichsweise schnell verändern können.

Ein plausibler Ablauf lässt sich so beschreiben:

  1. Ein Regierungsmitglied veröffentlicht eine Botschaft, die eine schwächere Durchsetzung des Waldschutzes nahelegt.
  2. Die Aussage verbreitet sich über soziale Netzwerke, Berichterstattung und Gespräche.
  3. Menschen mit wirtschaftlichem Interesse an neuen Flächen bewerten das Risiko einer Bestrafung möglicherweise neu.
  4. Ein Teil von ihnen entscheidet sich eher für eine Rodung oder zieht eine geplante Rodung vor.

Diese Schritte erklären den vermuteten Mechanismus. Sie sind keine dokumentierte Abfolge für jeden einzelnen Fall. Gerade darin liegt die Aufgabe einer solchen Studie: Sie prüft, ob das beobachtbare Gesamtmuster zu einer nachvollziehbaren Erklärung passt.

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Über den Autor: Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Bild-, Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber


Änderten sich Umweltstrafen und Abholzungsverbote tatsächlich?

Ein besonders aufschlussreiches Ergebnis betrifft die Durchsetzung der Regeln. Die Forschenden fanden auf Gemeindeebene keinen entsprechenden unmittelbaren Effekt der Regierungsbotschaften auf Umweltstrafen oder Abholzungsverbote. In den untersuchten Daten zeigte sich also nicht, dass die Behörden vor Ort unmittelbar nach solchen Aussagen messbar weniger Strafen verhängten.

Das spricht für eine Wirkung über Erwartungen: Menschen könnten angenommen haben, dass Verstöße künftig seltener verfolgt oder bestraft werden, obwohl sich die erfasste Durchsetzung vor Ort zunächst nicht passend dazu veränderte. Der Unterschied zwischen einer tatsächlichen Maßnahme und ihrer Wahrnehmung ist der Kern der Studie.

Daraus folgt aber keine allgemeine Aussage, dass sich Brasiliens Umweltpolitik während der gesamten Amtszeit Bolsonaros nicht geändert habe. Die Untersuchung richtet den Blick auf die untersuchten Botschaften, Gemeinden und Monate des Jahres 2019. Veränderungen von Institutionen oder politischen Maßnahmen über längere Zeiträume sind eine andere Frage.

Warum reicht ein bestehendes Umweltgesetz allein nicht aus?

Ein Gesetz legt fest, welches Verhalten erlaubt ist. Damit es Entscheidungen beeinflusst, müssen Menschen auch damit rechnen, dass Verstöße erkannt und Konsequenzen gezogen werden. Für wirksamen Waldschutz braucht es deshalb mehrere Dinge zugleich:

  • verständliche und anwendbare Regeln,
  • verlässliche Überwachung der Waldflächen,
  • Behörden, die Hinweise prüfen und Verstöße verfolgen können,
  • nachvollziehbare Entscheidungen über Sanktionen,
  • eine politische Kommunikation, die keine falschen Erwartungen über die Geltung der Regeln erzeugt.

Die Studie zeigt vor allem, warum der letzte Punkt ernst genommen werden sollte. Ein politisches Signal kann die erwartete Wirkung eines Gesetzes schwächen, bevor eine formelle Änderung für die Menschen vor Ort sichtbar wird.

Warum war der Effekt in manchen Gemeinden stärker?

Die Forschenden prüften, unter welchen Bedingungen die Botschaften besonders stark mit zusätzlicher Abholzung zusammenhingen. Ein naheliegender Gedanke wäre, dass politische Anhänger Bolsonaros empfänglicher für Aussagen seiner Regierung waren. Die Auswertung fand jedoch keinen stärkeren Effekt allein deshalb, weil eine Gemeinde ihn stärker unterstützt hatte.

Deutlicher war der Zusammenhang dort, wo sich mit landwirtschaftlicher Nutzung hohe Gewinne erzielen ließen. Auch in Gegenden, in denen Naturschutzpolitik die Abholzung zuvor begrenzt hatte, fiel der Effekt stärker aus. Das passt zu einer wirtschaftlichen Erklärung: Wird eine Rodung als profitabel angesehen und eine bisher wirksame Grenze als weniger verbindlich eingeschätzt, gewinnt ein Signal über das vermeintliche Bestrafungsrisiko an Gewicht.

Das bedeutet nicht, dass Landwirtschaft grundsätzlich mit illegaler Entwaldung gleichzusetzen wäre. Die Studie beschreibt einen Anreiz für bestimmte Landnutzungsentscheidungen in bestimmten Regionen. Sie bewertet weder jeden Betrieb noch jede Form landwirtschaftlicher Produktion im Amazonasgebiet auf dieselbe Weise.

Wie könnte eine Entscheidung vor Ort aussehen?

Stell dir eine Fläche vor, deren Umwandlung in Agrarland hohe Einnahmen verspricht. Bisher schreckt das Risiko ab, dass Behörden die Rodung entdecken, ein Verbot verhängen oder eine Strafe aussprechen. Erhalten die Verantwortlichen nun den Eindruck, dass die Regierung weniger Wert auf strengen Waldschutz legt, könnte sich ihre Rechnung ändern, obwohl der Gesetzestext derselbe bleibt.

Dieses Beispiel veranschaulicht den Mechanismus und beschreibt keinen nachgewiesenen Einzelfall aus der Untersuchung. Es macht aber deutlich, weshalb die Verbindung aus hohem möglichem Gewinn und verändertem Risikogefühl besonders relevant ist.

Faktenbox: Rechtliche Einordnung

Politische Äußerungen ändern ein geltendes Umweltgesetz nicht automatisch. Ob eine konkrete Rodung zulässig war und welche Sanktionen dafür vorgesehen waren, hängt von den jeweils anwendbaren brasilianischen Vorschriften und dem Einzelfall ab. Die Studie untersucht das Verhalten und die vermuteten Erwartungen von Akteuren. Sie ersetzt keine juristische Prüfung einzelner Abholzungsfälle.

Was belegt die Studie und was bleibt offen?

Die Untersuchung liefert empirische Hinweise darauf, dass politische Botschaften das Verhalten im Umfeld der Waldnutzung verändern können. Dafür verbindet sie zeitliche Unterschiede zwischen Monaten mit regionalen Unterschieden bei der geschätzten Reichweite. Besonders wichtig für die Interpretation ist, dass der Zusammenhang zu wirtschaftlichen Anreizen passt, während sich kein entsprechender unmittelbarer Effekt auf die erfassten örtlichen Strafen und Verbote zeigte.

Trotzdem bleiben Grenzen. Die Forschenden können nicht für jede betroffene Fläche feststellen, wer die Entscheidung zur Rodung traf, welche Aussage diese Person wahrnahm und wie stark sie ihre Entscheidung beeinflusste. Auch die Exposition gegenüber Botschaften wird aus verfügbaren Daten erschlossen. Solche Grenzen gehören zur Einordnung einer Untersuchung, die gesellschaftliches Verhalten anhand großer Datensätze analysiert.

Hinzu kommt die Übertragbarkeit. Die Ergebnisse beziehen sich auf Brasilien im Jahr 2019, auf die untersuchten Gemeinden und auf die Kommunikation einer bestimmten Regierung. Sie begründen die Frage, ob politische Signale auch andernorts Umweltvorschriften schwächen oder stärken können. Die konkrete Größe eines solchen Effekts in anderen Ländern lässt sich daraus nicht einfach ableiten.

Ist die Studie ein Beweis für die gesamte Abholzung während Bolsonaros Amtszeit?

Nein. Sie betrachtet einen möglichen Anteil am Waldverlust im ersten Amtsjahr. Für eine Erklärung der gesamten Entwicklung müssten zusätzlich etwa Landrechte, Preise, Infrastruktur, behördliche Kapazitäten und spätere politische Entscheidungen untersucht werden. Die Stärke dieser Arbeit liegt in ihrer engeren Frage: Können Aussagen führender Politiker eigenständig mit messbaren Veränderungen der Entwaldung zusammenhängen?

Wer die Ergebnisse sauber einordnet, muss weder die Rolle der Worte überhöhen noch sie als folgenlos abtun. Die geschätzten 190 bis 1.700 Quadratkilometer sind ein erheblicher möglicher Zusatzverlust. Zugleich bleibt es eine Schätzung innerhalb eines klar abgegrenzten Forschungsdesigns.

Für wen sind die Ergebnisse zur Abholzung im Amazonas wichtig?

Für politische Entscheidungsträger zeigt die Studie, dass die öffentliche Erklärung einer Regel praktische Folgen haben kann. Eine Regierung beeinflusst die Glaubwürdigkeit ihrer Umweltpolitik nicht nur durch Gesetze, Budgets und Kontrollen, sondern möglicherweise auch durch die Signale, die ihre Mitglieder aussenden.

Für Umweltbehörden stellt sich die Frage, wie sie die tatsächliche Durchsetzung von Vorschriften sichtbar und verlässlich machen können. Wenn Menschen fälschlich von einem geringen Entdeckungsrisiko ausgehen, kann eine klare Kommunikation über Kontrollen und Entscheidungen Teil einer wirksamen Strategie sein. Aussagen allein ersetzen dabei keine Überwachung oder Rechtsdurchsetzung.

Für Journalistinnen, Journalisten und Leser ist die Unterscheidung zwischen Korrelation, geschätztem Effekt und unmittelbar beobachteter Einzelhandlung wichtig. Eine präzise Berichterstattung nennt den Untersuchungszeitraum, die Spanne der Schätzung und den vermuteten Mechanismus. So bleibt die Aussage verständlich, ohne wissenschaftliche Unsicherheit zu verstecken.

Auch für die internationale Debatte über Waldschutz ist der Befund relevant. Politische Kommunikation verbreitet sich schnell und überschreitet regionale Grenzen. Ob ein vergleichbarer Mechanismus in anderen Ländern wirkt, muss jeweils gesondert untersucht werden. Die brasilianische Studie liefert dafür eine konkrete Forschungsfrage und einen Ansatz, sie anhand von Daten zu prüfen.

Welche Fragen zur Studie werden häufig gestellt?

Hat Bolsonaro die Abholzung im Amazonas persönlich angeordnet?

Das ist nicht die Aussage der Studie. Sie untersucht öffentliche Botschaften Bolsonaros und seiner Minister sowie deren Zusammenhang mit späterer Entwaldung. Aus dem geschätzten Einfluss politischer Signale folgt keine Behauptung, dass der frühere Präsident einzelne Rodungen persönlich veranlasst oder genehmigt habe.

Haben 38 Tweets allein bis zu 1.700 Quadratkilometer Wald zerstört?

So lässt sich das Ergebnis nicht ausdrücken. Die 38 Beiträge wurden als relevante politische Signale identifiziert. Ihre Wirkung konnte sich nach der Erklärung der Forschenden auch über Gespräche und weitere Medien entfalten. Die Fläche von 190 bis 1.700 Quadratkilometern ist eine Schätzung des zusätzlichen Effekts im Jahr 2019, keine direkte Zählung von Rodungen durch einzelne Beiträge.

Wurden die Umweltgesetze wegen der Botschaften aufgehoben?

Nein. Die untersuchte Frage lautet gerade, ob Äußerungen das Verhalten beeinflussen können, ohne dass sich eine Regel unmittelbar ändert. Nach der Analyse zeigte sich auch kein passender unmittelbarer Effekt auf die erfassten Umweltstrafen und Abholzungsverbote in den Gemeinden.

Warum ist die Schätzung so breit?

Die Größe eines gesellschaftlichen Effekts lässt sich aus Beobachtungsdaten nicht mit der Genauigkeit einer direkt vermessenen Fläche bestimmen. Verschiedene Annahmen und Auswertungen führen zu einer Spanne. Für eine seriöse Darstellung ist deshalb entscheidend, die untere und die obere Grenze gemeinsam zu nennen.

Wo kann ich die Originalstudie nachlesen?

Die Arbeit von Gustavo Magalhães de Oliveira, Elías Cisneros, Jorge Sellare und Jan Börner trägt den Titel Anti-Environmental Signals and Deforestation: Evidence from Brazil. Sie wurde im The Journal of Politics veröffentlicht und ist über den DOI der Originalpublikation auffindbar. Eine deutschsprachige Mitteilung der Universität Bonn erläutert die zentralen Ergebnisse.

Was bleibt als Fazit?

Die Studie zeigt, dass der Schutz des Amazonas nicht nur von geschriebenen Regeln abhängt. Wenn mächtige Politiker den Eindruck vermitteln, Verstöße gegen Umweltvorschriften hätten geringe Folgen, kann dies wirtschaftliche Entscheidungen vor Ort beeinflussen. Für Brasilien im Jahr 2019 schätzt das Forschungsteam einen zusätzlichen Waldverlust von 190 bis 1.700 Quadratkilometern durch solche politischen Signale.

Die genaue Fläche bleibt unsicher, und die Untersuchung erklärt nicht jede Ursache der Abholzung. Ihre zentrale Erkenntnis ist dennoch klar: Glaubwürdiger Waldschutz braucht wirksame Regeln, verlässliche Durchsetzung und eine öffentliche Kommunikation, die beides nicht untergräbt.

Quelle / Infos / Pressemitteilung: https://idw-online.de/de/news878123 und https://doi.org/10.1086/744065


Über den Autor:

Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Bild-, Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber


Kein Anspruch / Gewähr auf Aktualität, Vollständigkeit und Richtigkeit der Informationen, News bzw. Pressemeldung

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