Cantourage: Stellungnahme zum Referentenentwurf des Medizinal-Cannabisgesetzes

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat am 18. Juni 2025 einen Referentenentwurf veröffentlicht, der tiefgreifende Änderungen am bestehenden Medizinal-Cannabisgesetz vorsieht.

Gefährdung der Patientenversorgung: Neue Gesetzespläne bedrohen medizinischen Cannabiszugang



Cantourage: Stellungnahme zum Referentenentwurf des Medizinal-Cannabisgesetzes
Cantourage: Stellungnahme zum Referentenentwurf des Medizinal-Cannabisgesetzes


Was plant das Gesundheitsministerium?

Der Entwurf stellt unter anderem in Aussicht, die telemedizinische Erstverordnung zu verbieten, den Versand durch Apotheken zu untersagen und den Zugang zu Cannabisblüten insgesamt zu erschweren. Offiziell wird dies mit einem starken Anstieg der Importmengen und einer nur geringen Zunahme der Verordnungen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) begründet.

Als langjähriger Hanffreund und Branchenbeobachter sehe ich in diesem Vorstoß nicht nur eine fachlich unbegründete Verschärfung, sondern auch eine gefährliche politische Kurskorrektur, die das Potenzial hat, eine ganze Patientengruppe erneut ins Abseits zu drängen – mit weitreichenden Konsequenzen für Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheitssystem.

Zwischen politischer Ideologie und Realität: Was wirklich hinter den Zahlen steckt

Importzahlen vs. Verordnungen: Eine verkürzte Interpretation

Das BMG verweist auf Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), wonach die Importmengen von medizinischen Cannabisblüten von der ersten zur zweiten Jahreshälfte 2024 um 170 Prozent angestiegen seien. Gleichzeitig stiegen die GKV-Verordnungen jedoch lediglich um neun Prozent. Für das Ministerium ein vermeintlicher Beweis dafür, dass Telemedizin-Plattformen missbräuchlich genutzt werden und dass ein Teil der Patient:innen gar keinen echten medizinischen Bedarf hätte.

Doch dieser Schluss ist voreilig und gefährlich. Er verkennt, dass der Zugang zu einer Cannabistherapie auf Kassenkosten nach wie vor mit massiven bürokratischen Hürden verbunden ist. Viele Patient:innen, die tatsächlich medizinischen Bedarf haben, werden in das Selbstzahler-Modell gedrängt – nicht aus Bequemlichkeit, sondern mangels Alternativen. Die gestiegene Nachfrage zeigt vor allem eins: Es gibt endlich niedrigschwellige, transparente Wege zur legalen und ärztlich begleiteten Behandlung mit Medizinalcannabis.

Legalisierung hat Versorgungslücken sichtbar gemacht

Die Änderungen durch das Cannabisgesetz im April 2024 haben zu einer verbesserten Informationslage geführt – sowohl auf Seiten der Patient:innen als auch bei medizinischem Fachpersonal. Zahlreiche Menschen, die jahrelang unter chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, Migräne oder anderen Beschwerden litten, erfuhren erstmals, dass ihnen eine wirksame Therapieoption offensteht. Dass nun der Eindruck erweckt wird, diese Patienten hätten nur Konsumzwecke im Sinn, ist ein Rückschritt in die Denkmuster der Prohibitionspolitik.

Die Bedeutung der Telemedizin: Ein Zugang für viele – nicht für wenige

Telemedizin als medizinische Brücke in strukturschwachen Regionen

Die Telemedizin hat sich in den letzten Jahren nicht nur im Bereich Cannabistherapie bewährt, sondern auch in anderen medizinischen Sektoren als tragfähiges Modell etabliert. Besonders in ländlichen Regionen oder bei Menschen mit eingeschränkter Mobilität stellt sie oft die einzige Möglichkeit dar, eine Behandlung zu beginnen oder fortzuführen. Der persönliche Kontakt in der Arztpraxis ist nicht in jedem Fall notwendig – und auch nicht immer umsetzbar.

Therapiequalität und Sicherheit durch digitale Begleitung

Die Kombination aus ärztlicher Betreuung per Videokonferenz und der Belieferung durch qualifizierte Apotheken gewährleistet eine sichere, dokumentierte und transparente Behandlung. Anders als auf dem Schwarzmarkt unterliegen die Präparate strengen Qualitätskontrollen. Ihre Inhaltsstoffe sind definiert, Laboranalysen garantieren Reinheit und Wirkstoffgehalt. Wer diesen Weg jetzt wieder kappen will, stellt nicht nur eine Therapieform infrage, sondern riskiert aktiv die Rückkehr zu illegalen und unsicheren Konsummustern.


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Über den Autor: Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber

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Selbstzahler:innen – tragende Säule des Systems

Ohne GKV, aber nicht ohne Bedarf

Ein erheblicher Teil der Medizinalcannabis-Nutzer:innen in Deutschland zahlt seine Therapie aus eigener Tasche. Diese Patientengruppe entlastet das System, da sie keine Kostenerstattung beantragt, trägt aber gleichzeitig dazu bei, dass sich ein marktwirtschaftliches Gleichgewicht einstellen kann. Dank ihrer Nachfrage existieren heute mehr Anbieter, bessere Auswahl und günstigere Preise – auch für Kassenpatient:innen. Dieses fragile Gleichgewicht würde durch Einschränkungen empfindlich gestört.

Stigmatisierung durch Unterstellung

Die pauschale Unterstellung, Selbstzahler:innen würden Cannabis aus Genussgründen beziehen, ist unhaltbar. Eine ärztliche Verordnung ist nach wie vor Voraussetzung für den Erwerb. Die Aussage, diese Patientengruppe würde sich ein Schlupfloch zunutze machen, diskreditiert ihre Therapieerfahrung, ihren Leidensweg und ihre mündige Entscheidung, sich nicht dem GKV-Wirrwarr auszusetzen. Hier ist nicht Missbrauch das Problem, sondern ein fehlgeleitetes Verständnis von Versorgungsgerechtigkeit.

Internationale Perspektive: Deutschland ist kein Ausreißer

Vergleich mit Israel, USA und Kanada

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht durch besonders hohe Patientenzahlen auffällt. In Israel etwa liegt der Anteil der Cannabispatient:innen bei rund zwei Prozent der Bevölkerung, in Colorado (USA) bei gut einem Prozent – trotz parallelem Freizeitmarkt. Deutschland dagegen liegt mit weniger als einem Prozent noch deutlich darunter. Es besteht also kein Anlass zur Panikmache oder Regulierung auf Verdacht.

Telemedizin weltweit auf dem Vormarsch

Internationale Studien belegen zudem, dass digitale Gesundheitsmodelle nicht nur effizient, sondern auch wirtschaftlich tragfähig sind. Sie senken langfristig die Behandlungskosten, verbessern die Erreichbarkeit von Therapien und entlasten stationäre Versorgungseinrichtungen. Insofern steht die deutsche Cannabisgesetzgebung mit ihren digitalen Zugangsmodellen eigentlich auf dem richtigen Weg – wenn man ihn nicht mutwillig blockiert.

Wirtschaftliche Bedeutung des Marktes

Ein Wachstumsmarkt mit Milliardenpotenzial

Der legale Markt für medizinisches Cannabis in Deutschland wird laut einer Prognose von 2024 bis 2034 ein Volumen von rund 4,6 Milliarden US-Dollar erreichen. Über 2.500 Apotheken vertreiben heute Medizinalcannabis – ein wichtiger Wirtschaftszweig, der durch Planungssicherheit, nicht durch Unsicherheit, wachsen kann. Jede politische Unruhe verunsichert Investor:innen, Unternehmen und letztlich auch Patient:innen.

Arbeitsplätze und Steuereinnahmen in Gefahr

Schon heute schafft die Branche eine fünfstellige Anzahl an Arbeitsplätzen und generiert jährlich geschätzte Steuereinnahmen von bis zu 400 Millionen Euro. Eine Einschränkung der Versorgung würde nicht nur das therapeutische Angebot gefährden, sondern auch die wirtschaftliche Stabilität einer jungen, aber dynamisch wachsenden Industrie.

Forderungen aus der Branche: Was muss passieren?

Telemedizin erhalten – aber qualitätsgesichert

Die Telemedizin muss auch künftig ein gleichwertiger Versorgungsweg bleiben. Sie sollte nicht reduziert, sondern qualitativ weiterentwickelt werden – etwa durch klare Richtlinien zur Dokumentation, Wirkstofflimits oder Fortbildungsangebote für Ärzt:innen.

Apothekenversand nicht streichen

Patient:innen ohne nahegelegene Versorgungseinrichtung sind auf den Versandweg angewiesen. Dieser erfüllt bereits alle Anforderungen an pharmazeutische Sicherheit und Transparenz. Ein Verbot wäre nicht nachvollziehbar – weder medizinisch noch sozialpolitisch.

Kostenübernahme vereinfachen statt Patienten verdächtigen

Anstatt Selbstzahler:innen unter Generalverdacht zu stellen, sollte der Blick auf die komplizierten und oft frustrierenden Abläufe bei der GKV-Kostenübernahme gelenkt werden. Hier besteht echter Reformbedarf – im Sinne von Patient:innen und Ärzt:innen.

Gesprächsbereitschaft statt Konfrontation

Die Cannabisbranche braucht keine Symbolpolitik, sondern verlässliche Gesprächspartner. Ein strukturierter Dialog zwischen Politik, Unternehmen, medizinischem Fachpersonal, Patient:innenvertretungen und Plattformanbietern kann helfen, realitätsnahe Lösungen zu finden.

Fazit: Fortschritt braucht Weitblick, nicht Rückschritt

Der aktuelle Gesetzesentwurf des BMG steht sinnbildlich für eine politische Rückwärtsbewegung, die dem gesellschaftlichen und medizinischen Fortschritt der letzten Jahre entgegenläuft. Statt die Versorgung mit Medizinalcannabis zu sichern und zu modernisieren, droht eine Rolle rückwärts in veraltete Denkweisen. Betroffene Patient:innen, die auf Cannabis angewiesen sind, drohen ins Abseits gedrängt zu werden – mit dramatischen Folgen für ihre Gesundheit, ihr Vertrauen in den Staat und das gesamte Versorgungssystem.

Als Hanfbefürworter sehe ich in der aktuellen Debatte eine große Chance, die Cannabisversorgung weiter zu verbessern – aber nur, wenn Fakten statt Vorurteile dominieren und Lösungen statt Verbote im Mittelpunkt stehen.

Quelle / Infos: https://www.cantourage.com/blog-posts/stellungnahme-der-cantourage-group-se-zum-referentenentwurf-des-bundesministeriums-fur-gesundheit-zur-anderung-des-medizinal-cannabisgesetzes

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Autor und Bild: Canna-Chad Gregor Paul Thiele

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