Interview: Jens Kohnert (Caertnerei) über nachhaltigen Cannabisanbau

Der legale Eigenanbau von Cannabis hat in Deutschland viele Menschen dazu motiviert, sich intensiver mit modernen Anbaumethoden auseinanderzusetzen. Neben klassischem Erdanbau gewinnen dabei hydroponische Systeme zunehmend an Bedeutung. Sie versprechen eine effiziente Wassernutzung, eine präzise Steuerung der Nährstoffversorgung und können unter bestimmten Voraussetzungen dazu beitragen, Ressourcen einzusparen. Gleichzeitig gibt es noch immer zahlreiche Vorurteile und Unsicherheiten rund um diese Anbaumethode.

Jens Kohnert (Caertnerei): nachhaltiger Cannabisanbau mit hydroponischen Systemen

Interview: Jens Kohnert (Caertnerei) über nachhaltigen Cannabisanbau
Interview: Jens Kohnert (Caertnerei) über nachhaltigen Cannabisanbau

Einer, der sich seit vielen Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftigt, ist Jens Kohnert. Der Diplom-Ingenieur für Physikalische Technik ist Geschäftsführer der Caertnerei und entwickelt individuelle (R)DWC-Systeme (Recirculating Deep Water Culture) für Hobby- und Profianwender. Sein Ziel ist es, den Cannabisanbau nachhaltiger, effizienter und zugleich einfacher zugänglich zu machen. Dabei setzt er auf modulare Lösungen, hochwertige Materialien und viel technische Entwicklungsarbeit.

Im Gespräch berichtet Jens Kohnert über seinen Weg vom ersten misslungenen Grow bis zum eigenen Unternehmen, erklärt die Vorteile moderner Hydroponik-Systeme, spricht über Nachhaltigkeit im professionellen Cannabisanbau und erzählt offen von seinen Erfahrungen als Cannabispatient und den Herausforderungen während der Prohibitionszeit.

Interview mit Jens Kohnert (Caertnerei)

Bitte stelle dich und die Caertnerei kurz vor:

Hallo, ich bin der Jens und der Geschäftsführer der Caertnerei. Wir sind ein kleiner Betrieb aus dem Großraum München und bieten individuelle (R)DWC Systeme. Wir passen den von uns entwickelten „Baukasten“ an die individuellen Anbaubedingungen und jeweiligen Vorlieben (z.B. Photoperiodisch vs. Autoflower, Trainingsmethoden o.Ä.) des Growers / der Growerin an. Dazu verwenden wir modernste Methoden (CAD, FlowSimulation, etc.) aber auch viel Handarbeit!

Dabei achten wir auf hohe Qualität bei den Bauteilen, gute Materialien (nach Möglichkeit Polypropylen – lebensmittelecht!) und das alles Made in Germany!

Seit wann beschäftigst du dich mit Cannabis und wie bist du zum Anbau gekommen?

Als Jugendlicher/junger Erwachsener habe ich mein ersten Erfahrungen mit Cannabis gesammelt. Schon damals war mir auch klar, nur wenn man es selber anbaut, weiß man wirklich, was da alles drin ist. Etwas zu viel Henna im Sprat war dann Auslöser für meinen ersten Grow. Der war die reinste Katastrophe: Umgeknickter Spargel, keine grünen Blätter und viel zu früh mit nur ca. 5g geerntet. Mit der Zeit und mehr Erfahrung wurde es dann wesentlich besser. Es gab und gibt aber immer was zu lernen und zu verbessern. Inzwischen bin ich vielleicht da, wo ich vor 20 Jahren gehofft habe zu sein.

Was hat dich dazu motiviert, aus deiner Leidenschaft ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Ich habe dann einfach irgendwann alle Bedenken zur Seite geschoben und mir gesagt: „Ich mach das jetzt“.
Man hat immer viele Ideen, aber kaum eine schafft es in die Wirklichkeit. Nur wenn man es macht, kann es klappen. Ganz nach dem Prinzip: „Wer nicht fragt, hat schon ein Nein!“.

Außerdem stört es mich, dass in der Branche so viel Geld ins Ausland geht.

Worauf legst du bei deiner Arbeit und deinen Produkten besonderen Wert?

Ich bin da vielleicht „alte Schule“, aber der Kunde ist König! Daher frage ich unsere Kunden immer zuerst: „Wie grows du?“.

Ich möchte die Anforderungen verstehen, die der Kunde an ein (R)DWC System stellt. Erst dann kann man ihn bestmöglich unterstützen und ein System auf seine individuellen Bedürfnisse maßschneidern.

Da ich selber auch sehr hohe Ansprüche habe, wollte ich einen (R)DWC Baukasten entwickeln, den man möglichst modular an alle Bedingungen anpassen kann. Dabei liegt der Fokus ganz klar auf der Funktionalität: „Form follows function“. Unsere Systeme sehen nicht besonders schick oder fancy aus, aber wenn der Kunde glücklich ist, bin ich es auch.

Welche Ziele verfolgst du mit der Caertnerei in den kommenden Jahren?

Aktuell bieten wir einzelne DWC und (R)DWC Komponenten für Privat- und Firmenkunden. Diesen Produktkatalog möchten wir stetig erweitern, um den Kunden den Einstieg zu erleichtern und mehr Auswahl zu bieten.

Wir möchten uns langfristig als Anbieter von Systemlösungen im Anbaubereich etablieren. Dazu gehören besonders (R)DWC Systeme, aber auch andere Anbau und Bewässerungsarten. Mit modernsten Methoden (CAD, 3D-Druck) möchten wir agil und schnell Lösungen anbieten können.

Cannabis gehört zu Bayern, länger als die CSU. Die etwa 100 Jahre Prohibition in über 10.000 Jahren Nutzen haben viel angerichtet.

Du hast bereits lange vor der Legalisierung Cannabis angebaut und wurdest 2013 dafür verurteilt. Wie blickst du heute auf diese Zeit zurück und was hat sie dich gelehrt?

Die Begründung für die Prohibition habe ich bis heute nicht verstanden, obwohl der Staatsanwalt eine 10min Predigt über Al Capone, Alkohol und das geringste Übel gehalten hat. Gelernt habe ich, dass man sich trotz eigener, abweichender Ansichten lieber „legal“ verhält. Glücklicherweise war ich damals gerade junger Vater und habe nur eine Bewährungsstrafe bekommen. Mein Leben wäre sicher anders verlaufen. Heute baue ich zum Glück komplett legal an. Was für Zeiten!

Du setzt auf (R)DWC-Systeme und möchtest Steinwolle als Anzuchtmedium ersetzen. Warum ist dir dieses Thema so wichtig und welche Vorteile bietet dein Ansatz?

In vielen Großanlagen wird Steinwolle verwendet. Was auch ich nicht wusste: Hinterher ist das quasi Sondermüll!

Die Steinwolle ist komplett versalzt und muss wegen den asbest-ähnlichen Eigenschaften in einen Beutel verpackt auf dem Bauhof entsorgt werden. Nachhaltig ist das sicher nicht. Glücklicherweise haben einige Betriebe schon auf Coco umgestellt, aber auch das Material wird von weit her geliefert und später auch entsorgt.

Bei (R)DWC Systemen entsteht wesentlich weniger Abfall (Netztöpfe und Haltemedium) – hauptsächlich Nährlösung. Die kann man aber noch (bei vorhandenem Puffermedium) weiter nutzen. Ich schütte mein „Abwasser“ teilweise bei mir in den Garten: Die Bäume freuen sich!

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Über den Autor: Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Bild-, Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber


Als Diplom-Ingenieur für Physikalische Technik bringst du viel Erfahrung aus der Produktentwicklung mit. Wie beeinflusst dieses Know-how die Entwicklung deiner Grow-Systeme?

Generell ist viel know-how in die Entwicklung der Systeme geflossen. Viel kam auch z.B. aus dem Bereich der Aquaristik und Unterwasserpflanzen.

Der Unterschied zwischen DIY und einem verkaufsfähigem Produkt ist die Industrialisierung. Bei der Auswahl der Komponenten werden dann z.B. unnötig komplizierte Teil, riskante Schlauchschellen, Korrosionsquellen etc. vermieden. Man durchdenkt Fertigung und Montage genau so wie die spätere Nutzung beim Kunden. Gerade in der Qualitätssicherung gibt es viele Methoden, um bessere Produkte zu bekommen. Mein Liebling ist z.B. „Poka Yoke“ – was man als „narrensicher“ übersetzen kann… hier evtl. „Kiffer-friendly“?

Viele Hobby-Grower interessieren sich für Hydroponik, trauen sich aber nicht daran. Welche häufigen Missverständnisse begegnen dir und welchen Rat gibst du Einsteigern?

Es ist einfacher als man denkt!

Für DWC braucht man nur einen Behälter mit Wasser und eine Luftpumpe mit Sprudelstein. Den Rest macht die Natur von selber.

Man hört und liest bei DWC immer von Messwerten wie pH, EC oder ppm, Temperatur, ORP etc. und deren „optimalen Bereiche“. Das schreckt viele ab.

Ich habe aber selber die Erfahrung gemacht, dass die echten Grenzbereiche sehr viel weiter sind. Wer auf den perfekten 1000% Run verzichtet, kann mit einem pH Messgerät, dem Einhalten vom Düngeschema, vorsorglichen Wasserwechseln und guter Hygiene schon sehr viel erreichen. Es ist einfacher als man denkt!

Wo siehst du die größten technischen und nachhaltigen Entwicklungen im Cannabisanbau in den nächsten Jahren?

Tiefwassersysteme werden nicht nur wegen der besseren Nachhaltigkeit zunehmen eine Rolle spielen. Zwar werden die Anschaffungskosten meist nur durch aeroponische Systeme übertroffen, gerade aber auf lange Sicht besteht hier großes Einsparpotential. Betriebskosten können durch geringere Entsorgungskosten, automatisierten und vereinfachten Betrieb und höhere Erträge gesenkt werden.

Wenn du den professionellen Cannabisanbau in Deutschland mit einer einzigen Innovation verbessern könntest – welche wäre das?

Ein modulares (R)DWC System. Mit dem trete ich an, um die Qualität nicht nur des professionellen Cannabisanbaus in Deutschland zu verbessern!

Welches Missverständnis über Cannabis oder den Cannabisanbau würdest du gerne, gerade auch als Cannabis-Patient aus der Welt schaffen?

Seit einem Knochenbruch mit misslungener Metallentfernung leider ich an chronischen Schmerzen und Schmerzattacken in der rechten Hand sowie depressiven Episoden. Dadurch war ich über ein Jahr berufsunfähig mit verschiedenen Therapien, Medikamenten und Klink-Aufenthalten. Letztendlich habe ich aber mit Cannabis wieder zurück in meinen Beruf als Entwicklungsingenieur gefunden.

Leider begegnen mir da oft Vorurteile bezüglich meiner geistigen Leistungsfähigkeit, die man zwar in Ansätzen nachvollziehen aber bei weitem nicht begründen kann.

Welchen Rat gibst du Menschen, die sich heute intensiver mit dem Cannabisanbau beschäftigen möchten?

Einfach machen! Nur dann kann man Erfahrungen sammeln. Probieren geht über studieren!

Klar sind die theoretischen Grundlagen wichtig und gehören genau so dazu. Aber nur in der Praxis lernt man, wie man sein Wissen anwendet. Wer viel weiß ist schlau, aber wer das gut anwenden kann, ist intelligent!

Gibt es ein aktuelles Projekt oder eine Idee, auf die du dich besonders freust und die du mit unseren Leserinnen und Lesern teilen möchtest?

Aktuell plane ich eine Studienreihe, die (R)DWC in der Praxis untersuchen soll. Dabei stellt die Caertnerei anfänglich schon 10 DWC Testsysteme zur Verfügung. Als Partner steht uns dabei die Canna Community Germany (https://cannacommunity.de/) zur Seite. Diese testen auch Samen und Equipment von anderen Herstellern. Gerne können sich die Leser und Leserinnen dort für solche Tests bewerben. Ich freue mich auf die Erfahrungen und Ergebnisse.

Was wünschst du dir persönlich für die Zukunft von Cannabis, Hanf und der gesamten Cannabisbranche in Deutschland?

Organisches Wachstum und breitere Akzeptanz in der Gesellschaft. Cannabis gehört zu Bayern, länger als die CSU. Die etwa 100 Jahre Prohibition in über 10.000 Jahren Nutzen haben viel angerichtet.

Fazit

Das Interview mit Jens Kohnert zeigt, wie vielfältig die Cannabisbranche inzwischen geworden ist. Neben klassischen Themen wie Anbau und Produktentwicklung spielen heute auch Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und individuelle technische Lösungen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig macht seine persönliche Geschichte deutlich, wie eng Innovation, praktische Erfahrung und gesellschaftlicher Wandel miteinander verbunden sein können.

Ich bedanke mich herzlich bei Jens Kohnert für das offene und ausführliche Gespräch sowie die spannenden Einblicke in seine Arbeit, seine Erfahrungen und seine Vision für die Zukunft des Cannabisanbaus.

Quellen / Infos / Fotos: Jens Kohnert (Caertnerei)

Redaktioneller Hinweis: Die in diesem Interview geäußerten Meinungen, Einschätzungen und Aussagen stammen ausschließlich vom Interviewpartner und spiegeln nicht zwangsläufig die Auffassung der Redaktion von Metaller.de wider. Das Interview dient der Information und dem Austausch unterschiedlicher Sichtweisen innerhalb der Cannabis-, Hanf- und CBD-Branche.

Du möchtest ebenfalls Teil unserer Interviewreihe werden?

Für die Interviewreihe auf Metaller.de suche ich weiterhin interessante Gesprächspartner aus der Hanf- und Cannabisbranche – darunter Unternehmen, Cannabis Social Clubs, Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzte, Apotheken, Wissenschaftler sowie engagierte Persönlichkeiten aus der Community.

Wenn du deine Geschichte oder dein Projekt vorstellen möchtest, freue ich mich über deine Nachricht. Weitere Informationen findest du hier:: Interviewpartner zu Cannabis, Hanf und CBD gesucht


Über den Autor:

Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Bild-, Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber

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