In Deutschland wird derzeit intensiv über den richtigen Umgang mit Cannabis diskutiert. Seit der Einführung des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) stehen neue rechtliche Möglichkeiten offen, die eine wissenschaftliche Begleitung erlauben.
Offener Brief für Cannabis-Forschungsprojekte
Dennoch fehlen nach wie vor entscheidende Forschungsdaten, um die Auswirkungen einer regulierten Abgabe von Cannabis umfassend zu verstehen.
Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat nun in einem offenen Brief die Bundesregierung und die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) aufgefordert, bestehende Anträge für Forschungsprojekte nach § 2 Abs. 4 KCanG endlich zu genehmigen. Dieser Schritt wird als essenziell betrachtet, um eine evidenzbasierte Grundlage für zukünftige politische Entscheidungen zu schaffen.
Warum Forschung unverzichtbar ist
Cannabis ist seit April 2024 nicht mehr im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) gelistet und unterliegt seitdem neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Während dies ein historischer Schritt in der deutschen Drogenpolitik darstellt, bleibt die wissenschaftliche Datenlage zum nicht-medizinischen Konsum lückenhaft.
Fehlende Daten trotz neuer Rechtslage
Obwohl die Bundesregierung die Evaluierung des Cannabisgesetzes fest im Koalitionsvertrag verankert hat, mangelt es an einer fundierten Datengrundlage. Forschungsprojekte, die auf der Grundlage der sogenannten Forschungsklausel des KCanG möglich wären, könnten dringend benötigte Erkenntnisse liefern – etwa zu Jugend- und Gesundheitsschutz, Konsumgewohnheiten, Auswirkungen auf den illegalen Markt und zu ökonomischen Effekten.
Die Rolle der Wissenschaft
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass es nicht genügt, einzelne Begleitforschungsprojekte wie EKOCAN zu betreiben. Vielmehr müsse eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze genehmigt und unterstützt werden, um die gesellschaftliche Realität umfassend abzubilden. Forschung soll dabei nicht nur Daten sammeln, sondern auch konkrete Handlungsempfehlungen für eine verantwortungsvolle Regulierung entwickeln.
Politischer Auftrag und rechtlicher Rahmen
Rechtsgrundlage für Modellprojekte
Bereits 2013 stellte der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages klar, dass Forschungsprojekte mit kontrollierter Cannabisabgabe zulässig sind, wenn sie einem wissenschaftlichen oder öffentlichen Interesse dienen. Diese Einschätzung galt sogar unter der restriktiveren Gesetzeslage des BtMG. Heute, unter den Bedingungen des KCanG, sind solche Projekte erst recht rechtlich möglich.
Ein aktuelles Rechtsgutachten der Kanzlei Hogan Lovells aus dem Jahr 2025 bestätigt dies: Solange die Vorhaben wissenschaftlich begleitet und kontrolliert umgesetzt werden, können Genehmigungen erteilt werden.
Verpflichtung zur Evaluierung
Die Bundesregierung hat sich zur Evaluierung der Cannabis-Regulierung verpflichtet. Ohne empirische Grundlagen bleibt diese jedoch eine theoretische Übung. Damit wird deutlich: Verzögerungen bei der Genehmigung von Forschungsprojekten gefährden nicht nur die Qualität der Evaluation, sondern auch die Glaubwürdigkeit der gesamten Cannabispolitik.
Zentrale Forschungsfragen
Die geplanten Projekte sollen eine Vielzahl von Fragen beantworten, die derzeit noch offen sind. Dazu gehören unter anderem:
- Welche Effekte lassen sich durch kontrollierte Abgabe auf den Jugend- und Gesundheitsschutz nachweisen?
- Welche Veränderungen ergeben sich bei Konsummustern, Dosierungen und Produktpräferenzen?
- In welchem Umfang kann der illegale Markt durch legale Abgabestrukturen verdrängt werden?
- Welche ökonomischen Effekte entstehen – etwa durch Steuereinnahmen, sinkende Justizkosten oder neue Arbeitsplätze?
- Welche Standards für Qualitätssicherung, Beratung und Prävention lassen sich etablieren?
- Welche Auswirkungen ergeben sich für Lebensqualität, soziale Teilhabe und gesundheitliche Versorgung?
Gesellschaftliche Dimensionen
Cannabis ist längst mehr als eine gesundheitspolitische Fragestellung. Es geht ebenso um gesellschaftliche Integration, Kriminalitätsprävention und ökonomische Chancen. Forschung liefert die Möglichkeit, Mythen von Fakten zu trennen und politische Maßnahmen auf belastbaren Daten aufzubauen.
Internationale Perspektiven
Ein Blick ins Ausland zeigt, wie wertvoll wissenschaftliche Begleitforschung sein kann. Länder wie die Niederlande, Kanada oder die Schweiz haben durch Modellprojekte wesentliche Erkenntnisse gewonnen, die in die nationale Regulierung eingeflossen sind. Deutschland läuft Gefahr, den Anschluss zu verpassen, wenn Forschungsinitiativen weiter verzögert werden.
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Dringlichkeit und Verantwortung
Gefahr durch politische Verzögerung
Die Unterzeichner des offenen Briefes sehen mit Sorge, dass bisher kein einziges nicht-medizinisches Forschungsprojekt in Deutschland genehmigt wurde. Dabei liegen zahlreiche Anträge von Universitäten, Kommunen und Forschungseinrichtungen längst vor. Die Verzögerung führt dazu, dass wertvolle Zeit verloren geht, während dringend benötigte Daten nicht erhoben werden.
Forschungsfreiheit als Grundrecht
Die im Grundgesetz garantierte Forschungsfreiheit verpflichtet den Staat, wissenschaftliche Projekte nicht zu blockieren, sondern aktiv zu ermöglichen. Genau dies fordern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Nachdruck ein.
Der Appell an Politik und Behörden
Die Botschaft des offenen Briefes ist eindeutig: Forschung darf nicht länger durch administrative Unsicherheit blockiert werden. Stattdessen braucht es klare Entscheidungen, um die vorliegenden Anträge endlich zu bewilligen. Nur so kann eine rationale, evidenzbasierte Cannabispolitik entwickelt werden.
Ein Schritt zu moderner Drogenpolitik
Eine moderne Gesellschaft braucht Daten, nicht Ideologien. Der offene Brief fordert, dass wissenschaftliche Projekte höchste Priorität erhalten. Denn nur auf einer fundierten Grundlage können Chancen und Risiken realistisch bewertet werden.
Fazit
Deutschland steht an einem Wendepunkt seiner Cannabispolitik. Die rechtlichen Voraussetzungen für Forschungsprojekte nach § 2 Abs. 4 KCanG sind geschaffen. Doch solange die Behörden keine Genehmigungen erteilen, bleibt die notwendige wissenschaftliche Basis unvollständig.
Die Forderung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist daher klar: Gebt der Forschung den Raum, den sie benötigt. Nur so lässt sich die Regulierung von Cannabis sachgerecht evaluieren und eine zukunftsfähige Politik entwickeln.
Quelle / Infos: https://cannabiswirtschaft.de/wp-content/uploads/2025/08/Offener-Brief-fuer-Cannabis-Forschungsprojekte-2025-08-27.pdf
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Autor und Bild: Canna-Chad Gregor Paul Thiele
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