Viele europäische Städte wollen bis 2030 klimaneutral werden und dabei rund ein Fünftel ihrer Emissionen durch CO₂-Entnahmen ausgleichen. Eine neue Studie zeigt jedoch erhebliche Lücken zwischen Anspruch und realistischer Umsetzung. Besonders problematisch sind unklare Restemissionen, begrenzte Entnahmekapazitäten, fehlende Flächen und die Frage, wie dauerhaft das entfernte CO₂ tatsächlich gespeichert werden kann.
Wie realistisch sind CO₂-Entnahmen für klimaneutrale Städte?
Städte spielen beim Klimaschutz eine Schlüsselrolle. In ihnen konzentrieren sich Bevölkerung, Verkehr, Gebäude, Energieverbrauch, Dienstleistungen und ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Aktivitäten. Entsprechend ambitioniert sind viele kommunale Klimaziele. Zahlreiche europäische Städte wollen bereits bis zum Jahr 2030 Klimaneutralität erreichen und damit deutlich schneller sein als viele nationale Klimapfade.
Doch Klimaneutralität bedeutet nicht automatisch, dass überhaupt keine Treibhausgase mehr ausgestoßen werden. In vielen Strategien bleiben sogenannte Restemissionen bestehen. Diese sollen anschließend durch die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre ausgeglichen werden. Genau diese Strategie haben Forschende anhand der Klimaneutralitätspläne von 103 europäischen Städten genauer untersucht.
| Ergebnis der Studie | Wert beziehungsweise Anteil | Bedeutung |
|---|---|---|
| Untersuchte Städte | 103 | Darunter 22 europäische Hauptstädte |
| Geplante CO₂-Entnahme | rund 61 Millionen Tonnen CO₂ | Soll einen erheblichen Teil der Restemissionen ausgleichen |
| Anteil der auszugleichenden Emissionen | etwa ein Fünftel | CO₂-Entnahme ist damit ein wichtiger Bestandteil vieler Klimapläne |
| Restemissionen aus Energie | im Median 50 Prozent | Ein großer Anteil verbleibt in einem grundsätzlich stark beeinflussbaren Sektor |
| Restemissionen aus Verkehr | im Median 31 Prozent | Auch hier sehen die Forschenden zusätzliches Vermeidungspotenzial |
| Derzeit geschätzte Entnahmekapazität | 18 Prozent der Restemissionen | Große Lücke zwischen geplantem Bedarf und erkennbarer Kapazität |
| Pläne mit dauerhaften CO₂-Entnahmen | 32 Prozent | Dauerhafte Speicherung spielt bislang eine vergleichsweise geringe Rolle |
| Pläne mit CO₂-Zertifikaten | 40 Prozent | Die konkrete Verwendung bleibt häufig unklar |
Faktenbox: Die wichtigsten Punkte
Meldung: Eine Analyse von 103 europäischen Städten zeigt, dass diese im Durchschnitt einen beträchtlichen Teil ihrer verbleibenden Emissionen durch CO₂-Entnahmen kompensieren wollen.
Bedeutung: Die bislang absehbaren Kapazitäten reichen nach der Untersuchung jedoch nur für einen kleinen Teil der prognostizierten Restemissionen. Gleichzeitig stammen viele Restemissionen aus Bereichen, in denen weitere direkte Emissionsminderungen grundsätzlich möglich erscheinen.
Einordnung: Die Ergebnisse sind besonders für Kommunen, Stadtplaner, Verkehrsunternehmen, Energieversorger, politische Entscheidungsträger und Klimaschutzorganisationen relevant. Klimaneutralität braucht demnach nicht nur ambitionierte Ziele, sondern nachvollziehbare Strategien für jede verbleibende Tonne CO₂.
Was zeigt die neue Studie über klimaneutrale Städte?
Die Untersuchung mit dem Titel Empirical insights into residual emissions in urban net-zero targets wurde 2026 in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht. Beteiligt waren unter anderem Forschende der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Die Originalpublikation in Nature Climate Change untersucht nicht lediglich die ambitionierten Zielsetzungen der Städte. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine Frage, die für Klimaneutralität entscheidend ist: Was geschieht mit den Emissionen, die bis zum Zieljahr nicht vermieden werden?
Diese Frage ist wichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Eine Stadt kann rechnerisch klimaneutral sein, obwohl weiterhin große Mengen Treibhausgase ausgestoßen werden. Voraussetzung dafür ist, dass diese verbleibenden Emissionen durch geeignete Maßnahmen ausgeglichen werden. Dazu können insbesondere Verfahren gehören, bei denen CO₂ tatsächlich aus der Atmosphäre entfernt und möglichst langfristig gespeichert wird.
Was sind Restemissionen überhaupt?
Als Restemissionen werden jene Treibhausgasemissionen bezeichnet, die nach Umsetzung der vorgesehenen Minderungsmaßnahmen weiterhin entstehen. In einer konsequenten Klimastrategie sollten darunter vor allem Emissionen aus Bereichen fallen, in denen eine vollständige Vermeidung technisch besonders schwierig, wirtschaftlich sehr aufwendig oder kurzfristig nicht realistisch ist.
Das Prinzip lässt sich vereinfacht in drei Stufen darstellen:
- Emissionen vermeiden: Aktivitäten und Prozesse werden so verändert, dass Treibhausgase gar nicht erst entstehen.
- Emissionen reduzieren: Wo eine vollständige Vermeidung noch nicht möglich ist, wird der Ausstoß so weit wie technisch und gesellschaftlich sinnvoll gesenkt.
- Unvermeidbare Restemissionen ausgleichen: Erst der verbleibende Anteil wird durch CO₂-Entnahmen ausgeglichen.
Genau diese Reihenfolge ist entscheidend. Problematisch wird eine Netto-Null-Strategie dann, wenn CO₂-Entnahmen nicht ausschließlich für schwer vermeidbare Restemissionen eingeplant werden, sondern als Ersatz für grundsätzlich mögliche Emissionsminderungen dienen.
Warum sind Energie und Verkehr bei den Restemissionen auffällig?
Die Studie kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Bei den untersuchten Städten entfallen im Median rund 50 Prozent der verbleibenden Emissionen auf den Energiesektor. Weitere 31 Prozent stammen aus dem Verkehr.
Das ist deshalb relevant, weil gerade in diesen beiden Bereichen zahlreiche Technologien und politische Instrumente zur Emissionsminderung vorhanden sind oder weiterentwickelt werden. Im Energiesektor gehören dazu beispielsweise erneuerbare Energien, effizientere Gebäude, Wärmepumpen, Wärmenetze, Speicherlösungen und Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs.
Im Verkehr können unter anderem ein leistungsfähiger öffentlicher Nahverkehr, bessere Bedingungen für Fußgänger und Radverkehr, Elektromobilität, eine veränderte Stadtplanung sowie eine Verringerung unnötiger Verkehrswege eine Rolle spielen.
Dass Energie und Verkehr trotzdem einen großen Anteil der prognostizierten Restemissionen ausmachen, wirft deshalb eine zentrale Frage auf: Werden alle wirtschaftlich und technisch sinnvollen Möglichkeiten zur direkten Emissionsminderung tatsächlich ausgeschöpft?
Warum ist Emissionsvermeidung meistens die bessere Grundlage?
Eine vermiedene Tonne CO₂ muss später nicht wieder aus der Atmosphäre entfernt werden. Das klingt selbstverständlich, hat aber erhebliche praktische Konsequenzen. CO₂-Entnahmen benötigen je nach Methode Flächen, Energie, Biomasse, Infrastruktur, Transportkapazitäten, Speicherstätten und langfristige Überwachung.
Direkte Emissionsminderungen können deshalb mehrere Vorteile haben:
- Der Bedarf an späteren CO₂-Entnahmen sinkt.
- Flächenkonflikte können reduziert werden.
- Die Abhängigkeit von noch nicht ausreichend verfügbaren Technologien nimmt ab.
- Klimaziele werden weniger abhängig von zukünftigen Annahmen.
- Die Klimawirkung lässt sich häufig transparenter nachvollziehen.
- Kommunen reduzieren das Risiko, ihre Netto-Null-Ziele wegen fehlender Entnahmekapazitäten zu verfehlen.
Faktenbox: Vermeidung vor Entnahme
CO₂-Entnahme ist kein grundsätzlicher Ersatz für Klimaschutz. Ein robuster Netto-Null-Pfad sollte zunächst möglichst viele Emissionen vermeiden oder reduzieren. CO₂-Entnahmen werden vor allem dort wichtig, wo trotz weitreichender Klimaschutzmaßnahmen unvermeidbare Restemissionen verbleiben.
Wie groß ist die geplante CO₂-Entnahme der europäischen Städte?
Die Dimension ist erheblich. Die untersuchten Städte müssten nach den analysierten Klimaplänen zusammen ungefähr 61 Millionen Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Das entspricht laut den Angaben zur Studie annähernd den jährlichen Emissionen eines Landes wie Österreich.
Damit wird deutlich, dass CO₂-Entnahme in den untersuchten kommunalen Strategien keine kleine Ergänzung darstellt. Wenn etwa ein Fünftel der Emissionen über Entnahmen ausgeglichen werden soll, hängt die tatsächliche Klimaneutralität erheblich davon ab, ob diese Entnahmen technisch, räumlich, finanziell und organisatorisch umgesetzt werden können.
Genau an diesem Punkt zeigt die Analyse eine erhebliche Diskrepanz. Die derzeit geschätzten Kapazitäten für CO₂-Entnahmen decken lediglich rund 18 Prozent der gesamten Restemissionen ab.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Klimaziele der untersuchten Städte unerreichbar sind. Bis 2030 können zusätzliche Maßnahmen entstehen und Kapazitäten erweitert werden. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass zwischen Zielsetzung und nachgewiesener Umsetzung derzeit eine deutliche Lücke besteht.
Welche Methoden zur CO₂-Entnahme planen die Städte?
CO₂-Entnahme ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche natürliche, biologische und technische Verfahren. Gemeinsam ist ihnen, dass Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufgenommen und anschließend für einen bestimmten Zeitraum gespeichert werden soll.
Die untersuchten Städte setzen besonders häufig auf Vegetation und andere landbasierte Ansätze. Dazu können beispielsweise zusätzliche Bäume, Grünflächen oder andere Formen der biologischen Kohlenstoffbindung gehören.
Welche Vorteile haben landbasierte CO₂-Entnahmen?
Vegetation kann für Städte weit mehr leisten als Kohlenstoff zu binden. Bäume und Grünflächen können bei geeigneter Planung Schatten spenden, das Stadtklima verbessern, Regenwasser aufnehmen, Lebensräume schaffen und die Aufenthaltsqualität erhöhen.
Diese Mehrfachwirkungen machen naturbasierte Lösungen attraktiv. Allerdings darf daraus nicht geschlossen werden, dass jeder gepflanzte Baum automatisch eine dauerhaft gespeicherte Menge CO₂ garantiert.
Biologisch gebundener Kohlenstoff kann wieder freigesetzt werden. Trockenheit, Waldbrände, Schädlingsbefall, Krankheiten, Rodung oder Veränderungen der Flächennutzung können die Speicherwirkung beeinträchtigen. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Klimarisiken muss deshalb die Dauerhaftigkeit berücksichtigt werden.
Warum werden Flächen zum Problem?
Städtische Flächen sind knapp und werden für viele unterschiedliche Aufgaben benötigt. Dazu gehören:
- Wohnungsbau
- Verkehrsinfrastruktur
- Schulen und Kindergärten
- Gesundheitsversorgung
- Gewerbe und Industrie
- Energieerzeugung und Energieinfrastruktur
- Erholung und Grünflächen
- Anpassung an Hitze und Starkregen
- Natur und Biodiversität
Wenn eine Stadt große Mengen CO₂ durch Vegetation oder andere landbasierte Verfahren binden möchte, muss daher geklärt werden, welche Flächen tatsächlich zur Verfügung stehen. Nach der Studie wird diese Frage in den untersuchten Klimaneutralitätsplänen bislang nicht ausreichend konkret berücksichtigt.
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Welche dauerhaften CO₂-Entnahmen gibt es?
Neben biologischen und landbasierten Verfahren existieren Ansätze, bei denen Kohlenstoff deutlich länger gespeichert werden kann. Solche dauerhaften Verfahren werden in den untersuchten kommunalen Klimaplänen jedoch wesentlich seltener berücksichtigt.
Nur 32 Prozent der analysierten Pläne erwähnen entsprechende Optionen. Genannt werden unter anderem Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und Speicherung, Pflanzenkohle sowie die direkte Entnahme von Kohlendioxid aus der Umgebungsluft.
Was bedeutet Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und Speicherung?
Das Verfahren wird häufig als BECCS bezeichnet. Die Abkürzung steht für Bioenergy with Carbon Capture and Storage. Pflanzen nehmen während ihres Wachstums CO₂ aus der Atmosphäre auf. Wird die Biomasse anschließend energetisch genutzt, kann das dabei entstehende CO₂ abgeschieden und dauerhaft gespeichert werden.
Unter bestimmten Voraussetzungen kann dadurch der Atmosphäre netto CO₂ entzogen werden. In 27 Prozent der untersuchten Stadtpläne wird diese Technologie erwähnt.
Allerdings ist BECCS nicht frei von Zielkonflikten. Der Anbau von Biomasse benötigt Flächen und kann mit Lebensmittelproduktion, Naturschutz, Wasserbedarf oder anderen Nutzungen konkurrieren. Die Klimawirkung hängt deshalb stark von der Herkunft der Biomasse und der gesamten Prozesskette ab.
Welche Rolle spielt Pflanzenkohle?
Pflanzenkohle wird in 13 Prozent der untersuchten Pläne genannt. Sie entsteht durch die thermische Behandlung von Biomasse unter sauerstoffarmen Bedingungen. Dabei kann ein Teil des ursprünglich von Pflanzen aufgenommenen Kohlenstoffs in eine relativ stabile Form überführt werden.
Auch hier hängt die tatsächliche Klimawirkung von zahlreichen Faktoren ab. Entscheidend sind beispielsweise die verwendete Biomasse, die Herstellung, der Energiebedarf, die Anwendung und die Dauer der Kohlenstoffspeicherung.
Was ist Direct Air Carbon Capture and Storage?
Bei der direkten CO₂-Entnahme aus der Luft wird Kohlendioxid mithilfe technischer Anlagen aus der Umgebungsluft gefiltert. Anschließend muss es dauerhaft gespeichert werden. International wird dafür häufig die Abkürzung DACCS für Direct Air Carbon Capture and Storage verwendet.
Nur sieben Prozent der untersuchten Pläne erwähnen diese Möglichkeit. Technische Luftfilterung hat den Vorteil, dass ihre CO₂-Entnahme grundsätzlich vergleichsweise genau messbar ist. Gleichzeitig benötigt sie erhebliche Mengen Energie und entsprechende Speicherinfrastruktur.
Für Kommunen stellt sich zusätzlich die Frage, ob solche Anlagen überhaupt innerhalb der Stadtgrenzen betrieben werden müssen. Denkbar sind überregionale Systeme, bei denen CO₂-Entnahmen an geeigneten Standorten erfolgen und einer Stadt bilanziell zugeordnet werden. Genau dafür braucht es allerdings transparente und belastbare Regeln.
Faktenbox: Dauerhafte CO₂-Entnahme
Nur rund ein Drittel der untersuchten kommunalen Klimapläne berücksichtigt dauerhafte Verfahren zur CO₂-Entnahme. Genannt werden BECCS mit 27 Prozent, Pflanzenkohle mit 13 Prozent und direkte CO₂-Entnahme aus der Luft mit anschließender Speicherung mit sieben Prozent. Mehrfachnennungen innerhalb der Pläne sind möglich.
Warum reicht es nicht, einfach mehr Bäume zu pflanzen?
Bäume sind wertvoll für Klimaschutz und Klimaanpassung, aber sie lösen das Problem der Restemissionen nicht allein. Besonders wichtig ist der Unterschied zwischen einer zeitlich begrenzten und einer langfristig gesicherten Kohlenstoffspeicherung.
Ein Baum nimmt während seines Wachstums CO₂ auf. Stirbt er ab und wird das Holz vollständig zersetzt oder verbrannt, gelangt ein großer Teil des gespeicherten Kohlenstoffs wieder in den Kreislauf. Technische oder geologische Speicherverfahren können dagegen auf wesentlich längere Speicherzeiträume ausgelegt werden.
Das bedeutet nicht, dass Stadtbäume oder Wälder ungeeignet wären. Vielmehr müssen verschiedene Formen der CO₂-Entnahme nach ihrer Dauerhaftigkeit, Skalierbarkeit, Messbarkeit und ihren zusätzlichen ökologischen Wirkungen beurteilt werden.
Welche Rolle spielen CO₂-Zertifikate?
CO₂-Zertifikate beziehungsweise Kompensationsinstrumente werden in 40 Prozent der untersuchten Klimapläne erwähnt. Allerdings bleibt laut Studie häufig unklar, wie genau sie eingesetzt werden sollen.
Viele Städte betrachten Zertifikate offenbar selbst mit Zurückhaltung und sehen sie eher als letzte Option. Diese Skepsis ist nachvollziehbar, denn die Qualität von Kompensationsmaßnahmen kann sehr unterschiedlich sein.
Für eine belastbare Klimabilanz stellen sich beispielsweise folgende Fragen:
- Wurde die CO₂-Entnahme tatsächlich zusätzlich durchgeführt?
- Wäre die Maßnahme auch ohne Finanzierung durch das Zertifikat umgesetzt worden?
- Wie genau wird die gespeicherte CO₂-Menge gemessen?
- Wie lange bleibt der Kohlenstoff gebunden?
- Was geschieht, wenn der Speicher später verloren geht?
- Kann dieselbe CO₂-Entnahme mehrfach angerechnet werden?
- Wer kontrolliert die Angaben?
Ohne nachvollziehbare Standards besteht das Risiko, dass rechnerische Klimaneutralität und tatsächliche Wirkung auseinanderfallen.
Was ist der RESRI-Index?
Ein wichtiger Bestandteil der Studie ist der neu entwickelte RESRI-Index. Er soll dabei helfen, die Qualität von Strategien zum Umgang mit Restemissionen systematisch zu bewerten.
Die Forschenden richten damit den Blick nicht allein auf die Menge der geplanten CO₂-Entnahmen. Ebenso wichtig ist, wie konkret eine Stadt ihre Restemissionen beschreibt, welche Entnahmemethoden vorgesehen sind und wie Umsetzung und Kontrolle organisiert werden.
Gerade an dieser Stelle zeigen sich Schwächen. Häufig bleibt unklar, wann die erforderlichen CO₂-Entnahmen verfügbar sein sollen, in welchem Umfang sie tatsächlich realisiert werden können und wie die Ergebnisse kontrolliert werden.
Ein Klimaziel ist jedoch nur so belastbar wie seine Umsetzung. Wenn eine Stadt beispielsweise für das Jahr 2030 mehrere Millionen Tonnen Restemissionen prognostiziert und deren Ausgleich einplant, muss nachvollziehbar sein, wo diese CO₂-Entnahme stattfindet, wer sie finanziert und wie ihre Dauerhaftigkeit garantiert wird.
Können Verhaltensänderungen die Restemissionen deutlich senken?
Die Forschenden verweisen neben technischen Maßnahmen auch auf nachfrageseitige Veränderungen. Dabei geht es darum, nicht nur die Technik hinter bestehenden Konsummustern klimafreundlicher zu gestalten, sondern auch die Nachfrage selbst zu betrachten.
Als Beispiele werden weniger Langstreckenflüge und ein reduzierter Fleischkonsum genannt. Abhängig vom jeweiligen Kontext könnten nachfrageseitige Maßnahmen die Emissionen in bestimmten Bereichen um 40 bis 80 Prozent reduzieren.
Solche Zahlen dürfen allerdings nicht pauschal auf jede einzelne Stadt oder jeden Bürger übertragen werden. Stadtstruktur, Einkommen, vorhandene Infrastruktur, Wirtschaftsstruktur und bisherige Emissionsprofile unterscheiden sich erheblich.
Der grundlegende Gedanke bleibt trotzdem relevant: Klimaschutz besteht nicht ausschließlich darin, fossile Technologien durch klimafreundlichere Technologien zu ersetzen. Auch die Art, wie Mobilität, Ernährung, Wohnen und Energieverbrauch organisiert werden, beeinflusst den Umfang der Restemissionen.
Warum müssen CO₂-Entnahmen transparent bilanziert werden?
Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen der Untersuchung betrifft die Nachprüfbarkeit. Geplante CO₂-Entnahmen dürfen nicht nur rechnerische Größen in Klimaschutzplänen bleiben.
Wenn eine Kommune beispielsweise 500.000 Tonnen CO₂ pro Jahr als Restemissionen ausweist und diese durch Entnahmen kompensieren möchte, braucht es einen belastbaren Nachweis über die tatsächlich entfernte Menge.
Dazu gehören transparente Methoden zur Messung, Berichterstattung und Verifizierung. International wird hierfür häufig der Begriff MRV verwendet. Er steht für Measurement, Reporting and Verification, also Messung, Berichterstattung und Überprüfung.
Eine gute Bilanzierung sollte darüber hinaus berücksichtigen, wie lange das entfernte CO₂ gespeichert bleibt. Eine Tonne CO₂, die für einige Jahrzehnte biologisch gebunden wird, ist hinsichtlich ihrer Dauerhaftigkeit nicht automatisch mit einer Tonne gleichzusetzen, die langfristig in einer geeigneten geologischen Formation gespeichert wird.
Welche Vor- und Nachteile haben CO₂-Entnahmen?
| Vorteile | Nachteile und Herausforderungen |
|---|---|
| Ausgleich schwer vermeidbarer Restemissionen | Viele Verfahren stehen noch nicht in ausreichender Größenordnung zur Verfügung |
| Wichtiger Baustein für Netto-Null-Ziele | Teilweise hoher Energiebedarf |
| Naturbasierte Lösungen können zusätzliche ökologische Vorteile bringen | Konkurrenz um knappe Flächen möglich |
| Technische Verfahren können vergleichsweise gut messbar sein | Hohe Kosten und Infrastrukturbedarf |
| Langfristige Speicherung ist bei bestimmten Verfahren möglich | Dauerhaftigkeit ist nicht bei jeder Methode garantiert |
| Kann Klimaschutz in schwer dekarbonisierbaren Bereichen ergänzen | Risiko, notwendige direkte Emissionsminderungen aufzuschieben |
Wie könnten Städte ihre Klimapläne verbessern?
Aus den Ergebnissen lassen sich mehrere zentrale Anforderungen für robuste kommunale Netto-Null-Strategien ableiten.
- Restemissionen präzise erfassen: Städte sollten transparent darstellen, welche Emissionen im Zieljahr verbleiben und aus welchen Sektoren sie stammen.
- Vermeidungspotenziale ausschöpfen: Vor einer geplanten CO₂-Entnahme sollte geprüft werden, ob die betreffende Emission technisch und wirtschaftlich weiter reduziert werden kann.
- Entnahmekapazitäten konkret benennen: Allgemeine Absichtserklärungen reichen nicht aus. Umfang, Methode und Zeitpunkt müssen möglichst nachvollziehbar sein.
- Dauerhaftigkeit berücksichtigen: Unterschiedliche Speicherformen sollten nicht ohne weitere Bewertung gleichgesetzt werden.
- Flächen realistisch einplanen: Landbasierte Maßnahmen benötigen tatsächlich verfügbare Flächen.
- Kontrolle organisieren: CO₂-Entnahmen müssen messbar, überprüfbar und transparent bilanziert werden.
- Langfristig planen: Klimaneutralität ist kein einmaliger Zustand im Jahr 2030. Restemissionen müssen auch danach kontinuierlich ausgeglichen werden.
Warum endet Klimaneutralität nicht im Jahr 2030?
Dieser Punkt wird in der öffentlichen Diskussion leicht übersehen. Wenn eine Stadt 2030 klimaneutral wird, muss sie diesen Zustand anschließend dauerhaft erhalten.
Entstehen im Jahr 2031 erneut Restemissionen, müssen auch diese ausgeglichen werden. Dasselbe gilt für 2032, 2033 und alle folgenden Jahre, solange die betreffenden Emissionen bestehen.
Dadurch summiert sich der Bedarf an CO₂-Entnahme langfristig. Eine Stadt, die jedes Jahr eine Million Tonnen schwer vermeidbare Restemissionen verursacht, benötigt nicht einmalig eine Million Tonnen Entnahmekapazität, sondern Jahr für Jahr einen entsprechenden Ausgleich.
Genau deshalb ist eine möglichst starke Verringerung der Restemissionen so wichtig. Jede dauerhaft vermiedene Emission reduziert nicht nur den Bedarf im Zieljahr, sondern auch in den Jahrzehnten danach.
Welche Rolle spielt die EU-Mission für klimaneutrale Städte?
Die untersuchten Strategien stehen teilweise im Zusammenhang mit der EU-Mission „Klimaneutrale und intelligente Städte“. Sie ist Bestandteil des europäischen Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe.
Die Mission unterstützt 100 europäische Städte dabei, bereits bis 2030 Klimaneutralität anzustreben. Diese Kommunen sollen zugleich als Experimentierfelder und Vorbilder dienen. Erkenntnisse aus den Projekten sollen anderen europäischen Städten dabei helfen, auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2050 schneller voranzukommen.
Die teilnehmenden Städte wurden aus insgesamt 377 Bewerbungen ausgewählt. Erprobt werden nicht nur technische Lösungen. Auch neue Formen kommunaler Steuerung, Finanzierung und Zusammenarbeit gehören zum Konzept.
Gerade deshalb ist die Analyse der Restemissionen relevant. Die Städte übernehmen eine Vorreiterrolle. Fehler, Erfolge und neue Lösungsansätze können wichtige Erkenntnisse für zahlreiche weitere Kommunen liefern.
Was bedeutet die Studie für deutsche Städte?
Auch für deutsche Kommunen liefert die Untersuchung wichtige Anhaltspunkte. Ein ambitioniertes Klimaneutralitätsziel allein garantiert noch keine erfolgreiche Transformation.
Entscheidend ist die Qualität des Weges dorthin. Kommunale Klimapläne sollten deshalb klar zwischen tatsächlich vermiedenen Emissionen und lediglich kompensierten Restemissionen unterscheiden.
Besonders relevant sind dabei Gebäude und Verkehr. Städte können beispielsweise Einfluss auf Wärmeplanung, öffentliche Gebäude, Nahverkehr, Radverkehr, Stadtentwicklung und kommunale Energieversorgung nehmen. Gleichzeitig liegen viele entscheidende Rahmenbedingungen außerhalb der kommunalen Zuständigkeit.
Deshalb können Städte die notwendigen Strukturen für CO₂-Entnahmen nicht vollständig allein aufbauen. Bei dauerhaften technischen Entnahmeverfahren sind nationale und internationale Regelungen, Infrastruktur, Fördermechanismen und Standards erforderlich.
Faktenbox: Was bedeutet das für die Praxis?
Für Kommunen: Restemissionen sollten möglichst genau beziffert und Entnahmestrategien mit konkreten Kapazitäten hinterlegt werden.
Für die Politik: Es braucht verlässliche Regeln für Messung, Speicherung, Zertifizierung und langfristige Verantwortung.
Für Bürger: Klimaneutralität bedeutet nicht zwangsläufig vollständige Emissionsfreiheit. Entscheidend ist, wie gering die verbleibenden Emissionen sind und wie glaubwürdig sie ausgeglichen werden.
Besteht die Gefahr einer Klimaneutralität nur auf dem Papier?
Grundsätzlich besteht dieses Risiko, wenn Netto-Null-Ziele zu stark auf zukünftigen CO₂-Entnahmen basieren, deren Umsetzung noch nicht gesichert ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass kommunale Klimaneutralitätsziele grundsätzlich unrealistisch oder wirkungslos wären.
Die untersuchten Städte verfolgen besonders ambitionierte Ziele. Das ist ein wichtiger Unterschied. Sie versuchen, Klimaneutralität wesentlich früher zu erreichen als viele andere Kommunen. Gerade bei Vorreiterprojekten können Planungsunsicherheiten auftreten.
Die Studie macht jedoch deutlich, dass ambitionierte Ziele mit belastbaren Umsetzungsstrategien verbunden werden müssen. Je größer die geplanten Restemissionen sind, desto größer wird die Abhängigkeit von zukünftigen CO₂-Entnahmen.
Eine robuste Strategie sollte deshalb nicht fragen, wie viele heutige Emissionen später kompensiert werden können. Sinnvoller ist die umgekehrte Herangehensweise: Welche Emissionen lassen sich tatsächlich nicht vermeiden und welche zuverlässigen Entnahmekapazitäten stehen für genau diese Restmenge zur Verfügung?
FAQ: Was solltest du über CO₂-Entnahmen in Städten wissen?
Sind CO₂-Entnahmen für Klimaneutralität notwendig?
Für schwer vermeidbare Restemissionen werden CO₂-Entnahmen voraussichtlich eine wichtige Rolle spielen. Entscheidend ist jedoch, dass zunächst möglichst viele Emissionen direkt vermieden oder reduziert werden.
Wie viel CO₂ wollen die untersuchten Städte entfernen?
Nach der Studie müssten die 103 untersuchten europäischen Städte zusammen rund 61 Millionen Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernen, um ihre geplanten Restemissionen auszugleichen.
Reichen die bisher vorgesehenen Kapazitäten dafür aus?
Nach der Untersuchung nicht. Die derzeit geschätzten Entnahmekapazitäten entsprechen lediglich rund 18 Prozent der gesamten Restemissionen. Damit besteht eine erhebliche Umsetzungslücke.
Welche Sektoren verursachen besonders viele Restemissionen?
Im Median entfallen 50 Prozent auf Energie und 31 Prozent auf Verkehr. Gerade deshalb stellen die Forschenden die Frage, ob in diesen Bereichen sämtliche Möglichkeiten zur direkten Emissionsminderung ausgeschöpft werden.
Kann Aufforstung das Problem lösen?
Vegetation kann CO₂ binden und zahlreiche zusätzliche Vorteile für Städte bieten. Allerdings sind Flächen begrenzt und biologisch gespeicherter Kohlenstoff ist nicht zwangsläufig dauerhaft gebunden. Naturbasierte Maßnahmen sind deshalb ein wichtiger Baustein, aber keine universelle Lösung.
Was ist der Unterschied zwischen CO₂-Reduktion und CO₂-Entnahme?
Bei einer Reduktion wird verhindert, dass eine bestimmte Menge CO₂ überhaupt in die Atmosphäre gelangt. Bei einer Entnahme wird bereits in der Atmosphäre vorhandenes CO₂ wieder entfernt. Für eine robuste Klimastrategie hat die Vermeidung zusätzlicher Emissionen grundsätzlich hohe Priorität.
Sind CO₂-Zertifikate dasselbe wie CO₂-Entnahmen?
Nein. Ein Zertifikat ist zunächst ein bilanzielles Instrument. Entscheidend ist, welche konkrete Klimaschutzleistung dahintersteht. Qualität, Zusätzlichkeit, Messbarkeit und Dauerhaftigkeit müssen deshalb genau betrachtet werden.
Warum ist dauerhafte Speicherung so wichtig?
Klimaneutralität soll langfristig wirken. Wird zuvor gebundenes CO₂ später wieder freigesetzt, reduziert sich der langfristige Nutzen der ursprünglichen Entnahme. Deshalb spielt die Dauerhaftigkeit der Speicherung eine zentrale Rolle.
Wie sind die Ergebnisse insgesamt einzuordnen?
Die Studie stellt ambitionierte kommunale Klimaziele nicht grundsätzlich infrage. Im Gegenteil: Städte, die bereits 2030 Klimaneutralität erreichen wollen, übernehmen eine wichtige Vorreiterrolle. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass zwischen einem politischen Ziel und einer physikalisch belastbaren Netto-Null-Bilanz ein erheblicher Unterschied bestehen kann.
Besonders kritisch ist die Kombination aus vergleichsweise hohen Restemissionen und noch nicht ausreichend gesicherten CO₂-Entnahmen. Wenn ein erheblicher Teil der verbleibenden Emissionen aus Energie und Verkehr stammt, lohnt es sich zudem, die geplanten Minderungsmaßnahmen in diesen Bereichen erneut zu prüfen.
CO₂-Entnahme sollte daher nicht als bequeme Alternative zur Transformation von Energieversorgung, Gebäuden und Verkehr verstanden werden. Sie ist vielmehr eine Ergänzung für jene Emissionen, die trotz weitreichender Klimaschutzmaßnahmen verbleiben.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, technische oder naturbasierte CO₂-Entnahmen grundsätzlich abzulehnen. Für echte Netto-Null-Systeme werden sie voraussichtlich benötigt. Die entscheidenden Fragen lauten deshalb: Wie viel CO₂ muss tatsächlich entfernt werden, mit welcher Methode geschieht das, wie dauerhaft ist die Speicherung und wie wird die Entnahme kontrolliert?
Was ist das wichtigste Fazit zu klimaneutralen Städten und CO₂-Entnahmen?
Europäische Städte verfolgen ambitionierte Klimaziele, doch ihre Pläne für verbleibende Emissionen weisen nach der neuen Untersuchung noch deutliche Lücken auf. Die 103 analysierten Städte wollen ungefähr ein Fünftel ihrer Emissionen über CO₂-Entnahmen ausgleichen. Insgesamt wären dafür rund 61 Millionen Tonnen CO₂ erforderlich.
Besonders bemerkenswert ist, dass große Teile der Restemissionen weiterhin aus Energie und Verkehr stammen. Gleichzeitig decken die derzeit geschätzten Entnahmekapazitäten lediglich 18 Prozent der gesamten Restemissionen ab.
Für glaubwürdige Klimaneutralität braucht es deshalb eine klare Reihenfolge: Emissionen möglichst vermeiden, verbleibende Emissionen weitgehend reduzieren und nur tatsächlich schwer vermeidbare Restemissionen durch nachweisbare CO₂-Entnahmen ausgleichen.
Dabei müssen Städte genauer definieren, welche Entnahmemethoden sie nutzen wollen, wo dafür Flächen und Infrastruktur vorhanden sind, wie dauerhaft das CO₂ gespeichert wird und wie die tatsächliche Klimawirkung überprüft werden kann.
Die Herausforderung besteht somit nicht darin, CO₂-Entnahmen gegen klassische Emissionsminderungen auszuspielen. Beide werden benötigt. Entscheidend ist jedoch die richtige Gewichtung. Je erfolgreicher Städte ihre direkten Emissionen senken, desto kleiner wird die langfristige Abhängigkeit von Entnahmetechnologien, Flächen und Kompensationsmechanismen.
Quelle und weiterführende Informationen: Ulpiani, G., Rodriguez Mendez, Q., Todeschi, V., Hernandez Moral, G., Vetters, N., Pittalis, M., Fuss, S., Gevers Deynoot, C., Creutzig, F. (2026): Empirical insights into residual emissions in urban net-zero targets. Nature Climate Change. DOI: 10.1038/s41558-026-02691-0. Die Originalpublikation ist bei Nature Climate Change abrufbar.
Quelle / Infos / Pressemitteilung: https://idw-online.de/de/news875769 und https://www.nature.com/articles/s41558-026-02691-0
Michael Färber beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit Cannabis, Hanf und CBD. Er absolvierte den Master of Cannabis Industry sowie die Ausbildung zum ACM-zertifizierten Berater für Medikamente auf Cannabisbasis. Dieser Artikel wurde von ihm redaktionell erstellt und geprüft und basiert auf eigener Recherche, Pressemitteilungen, aktuellen News, wissenschaftlichen Studien, langjähriger Erfahrung sowie modernen Recherche- und Textwerkzeugen. Weitere Informationen findest du hier: Autorenvorstellung von Michael Färber
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