Der europäische Emissionshandel gilt seit Jahren als eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen den Klimawandel. Unternehmen, die CO₂ ausstoßen, müssen Emissionsrechte kaufen. Dadurch soll sich klimaschädlicher Ausstoß immer weniger lohnen. Doch je näher Europa seinem Ziel der Klimaneutralität kommt, desto deutlicher wird: Selbst mit ehrgeizigen Einsparungen werden einige Restemissionen bleiben.
CO₂-Entnahmen im EU-Emissionshandel: Wie Europa negative Emissionen steuern will
Genau an diesem Punkt kommen sogenannte CO₂-Entnahmen ins Spiel. Dabei wird Kohlendioxid nicht nur vermieden, sondern aktiv aus der Atmosphäre entfernt. Eine neue wissenschaftliche Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigt nun, dass der bestehende EU-Emissionshandel künftig auch diese negativen Emissionen steuern könnte.
Die Idee klingt zunächst technisch, hat aber enorme Folgen für Industrie, Politik und Gesellschaft. Denn wenn Unternehmen künftig Zertifikate erhalten, weil sie CO₂ aus der Luft entfernen, könnten unvermeidbare Restemissionen ausgeglichen werden. Gleichzeitig würde Europa neue Anreize für innovative Klimaschutztechnologien schaffen.
Was ist passiert?
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, kurz PIK, hat gemeinsam mit weiteren Forschern untersucht, wie CO₂-Entnahmen in den bestehenden EU-Emissionshandel integriert werden könnten. Grundlage ist eine Modellstudie, die im Fachjournal Joule veröffentlicht wurde.
Die zentrale Aussage: Der bestehende Emissionshandel könnte bis zum Jahr 2050 Anreize schaffen, damit jährlich zwischen 68 und 86 Millionen Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernt werden.
Die Berechnungen beziehen sich auf:
- die Europäische Union
- das Vereinigte Königreich
- Norwegen
- den bestehenden Emissionshandel für Energie und Industrie
Untersucht wurden dabei zwei Technologien:
- Direct Air Capture, also Luftfilteranlagen, die CO₂ direkt aus der Umgebungsluft entfernen
- Bioenergy with Carbon Capture, also die Verbrennung von Biomasse mit anschließender Abscheidung und Speicherung des entstehenden CO₂
Warum CO₂-Entnahmen überhaupt notwendig werden
Viele Menschen gehen davon aus, dass Klimaneutralität bedeutet, überhaupt kein CO₂ mehr auszustoßen. In der Praxis ist das jedoch kaum möglich. Bestimmte Branchen werden auch in Zukunft Treibhausgase verursachen. Dazu gehören unter anderem:
- Zementindustrie
- Stahlproduktion
- Chemische Industrie
- Luftverkehr
- Landwirtschaft
Selbst wenn diese Sektoren ihren Ausstoß drastisch reduzieren, bleiben sogenannte Restemissionen übrig. Damit Europa trotzdem klimaneutral werden kann, muss an anderer Stelle CO₂ wieder aus der Atmosphäre entfernt werden.
Von negativen Emissionen spricht man, wenn mehr CO₂ aus der Atmosphäre entfernt wird, als gleichzeitig ausgestoßen wird. Das entfernte Kohlendioxid muss dauerhaft gespeichert werden, etwa unterirdisch in geologischen Lagerstätten.
Ohne solche negativen Emissionen dürfte Europa seine langfristigen Klimaziele kaum erreichen. Deshalb gewinnt die Frage an Bedeutung, wie diese Technologien finanziert und politisch gesteuert werden können.
Wie der EU-Emissionshandel bisher funktioniert
Der europäische Emissionshandel, offiziell EU ETS genannt, existiert seit 2005. Er basiert auf einem einfachen Prinzip: Für jede ausgestoßene Tonne CO₂ benötigen Unternehmen ein Zertifikat.
Die Zahl dieser Zertifikate sinkt Jahr für Jahr. Dadurch werden Emissionen teurer und Unternehmen investieren zunehmend in klimafreundliche Technologien.
Betroffen sind vor allem:
- Kraftwerke
- Stahlwerke
- Zementfabriken
- Chemieunternehmen
- Fluggesellschaften innerhalb Europas
Bislang gilt jedoch nur: Wer CO₂ ausstößt, muss zahlen. Wer CO₂ aktiv aus der Atmosphäre entfernt, erhält dafür im Emissionshandel bisher keinen Vorteil.
Genau das könnte sich ändern.
Das Problem ab 2039: Wenn keine Emissionsrechte mehr übrig sind
Nach den aktuellen Plänen der Europäischen Union sinkt die Menge der verfügbaren Emissionszertifikate bis 2039 auf null. Für viele Unternehmen bedeutet das: Eigentlich dürften sie dann keinerlei CO₂ mehr ausstoßen.
In der Realität wird das allerdings schwierig. Einige industrielle Prozesse lassen sich nicht vollständig emissionsfrei gestalten. Deshalb wächst in der Wirtschaft die Sorge vor einem harten Übergang.
Bislang gibt es zwei denkbare Wege:
- Die Politik verlängert den bisherigen Emissionshandel und erlaubt weiterhin begrenzte Emissionen.
- Es werden zusätzlich CO₂-Entnahmen zugelassen, die verbleibende Emissionen ausgleichen.
Die Forscher sehen die zweite Variante als deutlich sinnvoller an. Denn dadurch würde der Druck zur Emissionsminderung erhalten bleiben, während Unternehmen gleichzeitig Planungssicherheit erhalten.
Industrieanlagen werden oft für 20 bis 40 Jahre gebaut. Unternehmen investieren nur dann in neue Technik, wenn sie wissen, welche Regeln in Zukunft gelten. Ein klarer Rahmen für CO₂-Entnahmen könnte Investitionen in Milliardenhöhe auslösen.
Direct Air Capture: CO₂ direkt aus der Luft filtern
Eine der wichtigsten Technologien in der Studie ist Direct Air Capture, oft mit DAC abgekürzt. Dabei wird Umgebungsluft durch spezielle Filteranlagen geleitet. Die Anlagen binden das enthaltene Kohlendioxid und speichern es anschließend dauerhaft.
Das Verfahren funktioniert grundsätzlich ähnlich wie eine industrielle Lüftungsanlage. Allerdings ist die CO₂-Konzentration in der Luft sehr gering. Deshalb braucht die Technologie viel Energie und ist bislang noch teuer.
Vorteile von Direct Air Capture
- CO₂ kann unabhängig vom Entstehungsort entfernt werden
- Die Technologie benötigt vergleichsweise wenig Fläche
- Die Entnahme lässt sich genau messen und kontrollieren
- Das Verfahren kann nahezu unbegrenzt ausgebaut werden
Nachteile von Direct Air Capture
- Sehr hohe Kosten pro Tonne CO₂
- Hoher Strombedarf
- Wirtschaftlich nur sinnvoll mit erneuerbaren Energien
- Technologie steckt noch in einem frühen Entwicklungsstadium
Nach Einschätzung der Studie könnte Direct Air Capture besonders wichtig werden, wenn die Kosten in den kommenden Jahrzehnten deutlich sinken.
Bioenergy with Carbon Capture: Klimaschutz mit Biomasse
Die zweite untersuchte Methode ist Bioenergy with Carbon Capture and Storage, kurz BECCS. Dabei werden Pflanzen oder andere Biomasse verbrannt. Das dabei entstehende CO₂ wird jedoch nicht in die Atmosphäre abgegeben, sondern abgeschieden und gespeichert.
Die Idee dahinter: Pflanzen nehmen während ihres Wachstums CO₂ auf. Wenn dieses CO₂ nach der Verbrennung dauerhaft gespeichert wird, entsteht eine negative Emission.
Wo BECCS eingesetzt werden könnte
- Biomassekraftwerke
- Biogasanlagen
- Papierindustrie
- Holzverarbeitung
Im Vergleich zu Direct Air Capture gilt BECCS derzeit als günstiger. Allerdings bringt die Technologie erhebliche ökologische Risiken mit sich.
Ökologische Grenzen von BECCS
Damit große Mengen Biomasse zur Verfügung stehen, müssten riesige Flächen bewirtschaftet werden. Das kann zu Problemen führen:
- Verlust von Wäldern und natürlichen Lebensräumen
- Gefährdung der Artenvielfalt
- Höherer Wasserverbrauch
- Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion
Genau deshalb fordert die Studie, CO₂-Entnahmen schrittweise und unter klaren Umweltstandards in den Emissionshandel einzubinden.
Werbung
*** Anzeige ***
Kaufe .de Cannabis-, Hanf- und CBD-Domains und investiere in eine grüne Zukunft!
Sichere dir jetzt deine Cannabis Wunschdomain bevor es jemand anderes tut!
Hier günstig Cannabis-Domains kaufen!Verkauf solange verfügbar – Änderungen und Zwischenverkauf vorbehalten.
CSC Connect - Full-Service für Cannabis-Anbauvereinigungen (*)
Full-Service für Cannabis-Anbauvereinigungen - jetzt hier klicken, informieren, buchen ...*
Warum die Integration in den Emissionshandel relevant ist
Die Studie zeigt, dass CO₂-Entnahmen im Emissionshandel mehrere Vorteile gleichzeitig bringen könnten.
1. Klimaziele werden realistischer
Wenn unvermeidbare Restemissionen durch CO₂-Entnahmen ausgeglichen werden können, steigt die Chance, dass Europa tatsächlich klimaneutral wird.
2. Neue Technologien erhalten wirtschaftliche Anreize
Bislang fehlen oft rentable Geschäftsmodelle für Direct Air Capture oder BECCS. Wenn Unternehmen für jede entfernte Tonne CO₂ Zertifikate erhalten, entsteht ein echter Markt.
3. Der CO₂-Preis könnte stabiler bleiben
Nach den Berechnungen der Forscher würde der CO₂-Preis bis 2050 zunächst auf etwa 400 Euro pro Tonne steigen. Durch die spätere Einbeziehung von CO₂-Entnahmen könnte sich der Preis anschließend auf einem etwas niedrigeren Niveau stabilisieren.
Nach der Modellrechnung könnte der Preis im Emissionshandel bis 2050 auf mehr als 400 Euro je Tonne CO₂ steigen. Das wäre deutlich mehr als heute und würde klimafreundliche Technologien stark begünstigen.
Für wen ist die Entwicklung besonders wichtig?
Die Diskussion um CO₂-Entnahmen betrifft viele unterschiedliche Gruppen.
Industrie und Unternehmen
Vor allem energieintensive Branchen erhalten mehr Planungssicherheit. Unternehmen könnten langfristig kalkulieren, welche Emissionen sie künftig noch verursachen dürfen und wie sie diese ausgleichen können.
Politik und Behörden
Die Europäische Kommission muss bis spätestens 2026 entscheiden, ob und wie CO₂-Entnahmen künftig in den Emissionshandel aufgenommen werden. Die Studie liefert dafür eine wissenschaftliche Grundlage.
Investoren
Wer in neue Klimaschutztechnologien investieren möchte, braucht verlässliche Regeln. Ein funktionierender Markt für negative Emissionen könnte Milliardeninvestitionen auslösen.
Verbraucher
Auch für private Haushalte spielt das Thema eine Rolle. Höhere CO₂-Preise können sich langfristig auf Energiepreise, Produkte und Dienstleistungen auswirken. Gleichzeitig profitieren Verbraucher von einer wirksameren Klimapolitik.
Der Vorschlag der Forscher: Ein Stufenmodell
Damit CO₂-Entnahmen nicht zu Fehlanreizen führen, schlagen die Autoren der Studie ein mehrstufiges Vorgehen vor.
Stufe 1: Klare Regeln und Kontrolle schaffen
Zunächst müssen europaweit verbindliche Standards eingeführt werden. Dazu gehören:
- Monitoring der tatsächlichen CO₂-Entnahme
- Verpflichtende Berichte
- Unabhängige Kontrolle und Verifizierung
Nur wenn zweifelsfrei nachgewiesen wird, dass CO₂ dauerhaft entfernt wurde, dürfen Zertifikate vergeben werden.
Stufe 2: Begrenzte Einbindung in den Emissionshandel
In einem zweiten Schritt sollen zunächst nur kleine Mengen an CO₂-Entnahmen zugelassen werden. So lassen sich Erfahrungen sammeln und Fehlentwicklungen vermeiden.
Wichtig ist dabei: Unternehmen dürfen sich nicht einfach freikaufen. Die Verringerung der Emissionen muss weiterhin Vorrang haben.
Stufe 3: Einheitlicher CO₂-Preis ab etwa 2040
Erst in einer späteren Phase könnten Restemissionen und CO₂-Entnahmen vollständig über einen gemeinsamen CO₂-Preis gesteuert werden.
Dann würden Unternehmen mit Emissionen Zertifikate kaufen, während Betreiber von Entnahmeanlagen Zertifikate verkaufen könnten.
Welche Risiken und Fehlanreize bestehen?
So vielversprechend das Konzept klingt, es gibt auch Risiken. Kritiker warnen davor, dass Unternehmen weniger Anstrengungen unternehmen könnten, ihre Emissionen tatsächlich zu senken.
Wenn CO₂-Entnahmen zu früh oder in zu großem Umfang erlaubt werden, könnte die Industrie versucht sein, bestehende Technologien länger weiterzubetreiben.
Mögliche Fehlanreize
- Unternehmen reduzieren ihre Emissionen langsamer
- CO₂-Entnahmen werden überschätzt
- Billige, aber ökologisch problematische Verfahren setzen sich durch
- Naturschutz und Wasserverbrauch geraten unter Druck
Deshalb betonen die Forscher, dass CO₂-Entnahmen kein Ersatz für Emissionsminderung sind. Sie sollen nur dort eingesetzt werden, wo Emissionen technisch oder wirtschaftlich kaum vermeidbar sind.
Negative Emissionen dürfen nur die letzte Option sein. Zuerst müssen Unternehmen Emissionen vermeiden und reduzieren. Erst verbleibende Restemissionen sollten ausgeglichen werden.
Rechtliche Einordnung: Was muss die EU jetzt entscheiden?
Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an einer neuen Regulierung für CO₂-Entnahmen. Bereits bis Ende 2026 soll ein konkreter Vorschlag vorliegen.
Dabei geht es unter anderem um folgende Fragen:
- Welche Technologien gelten offiziell als CO₂-Entnahme?
- Wie wird die dauerhafte Speicherung nachgewiesen?
- Wer darf Zertifikate erhalten?
- Wie viele CO₂-Entnahmen werden zugelassen?
Rechtlich besonders wichtig ist die Frage der Dauerhaftigkeit. Wird CO₂ nur kurzfristig gebunden und später wieder freigesetzt, verliert die Maßnahme ihren Klimanutzen.
Deshalb werden vor allem geologische Speicher als besonders geeignet angesehen. Dabei wird CO₂ tief unter der Erde eingelagert, etwa in ausgeförderten Gasfeldern oder salzhaltigen Gesteinsschichten.
Medizinische und gesellschaftliche Grenzen des Begriffs
Auch wenn CO₂-Entnahmen ein wichtiges Instrument sein können, dürfen sie nicht als einfache Wunderlösung verstanden werden. Die Technologien verändern nichts daran, dass der Klimawandel bereits heute Folgen für Gesundheit und Gesellschaft hat.
Steigende Temperaturen erhöhen das Risiko für:
- Hitzebelastung
- Atemwegserkrankungen
- Herz Kreislauf Probleme
- Wasserknappheit
- Neue Infektionskrankheiten
CO₂-Entnahmen können langfristig helfen, den Klimawandel zu begrenzen. Sie können jedoch bestehende Schäden nicht sofort rückgängig machen.
Außerdem stoßen viele Technologien an praktische Grenzen. Weder Direct Air Capture noch BECCS werden kurzfristig in ausreichender Größe verfügbar sein. Deshalb bleibt der direkte Klimaschutz durch weniger fossile Energien weiterhin die wichtigste Maßnahme.
Praxisbeispiele: Wo CO₂-Entnahmen bereits getestet werden
In mehreren Ländern laufen bereits erste Projekte.
Island
In Island betreibt das Unternehmen Climeworks eine der bekanntesten Direct Air Capture Anlagen weltweit. Das abgeschiedene CO₂ wird tief im vulkanischen Gestein gespeichert.
Schweden
Schweden plant große BECCS-Projekte in der Papierindustrie. Dort soll biogenes CO₂ abgeschieden und unterirdisch gelagert werden.
Großbritannien
Auch Großbritannien investiert zunehmend in CO₂-Speicherung unter der Nordsee. Das Land könnte später eine wichtige Rolle bei der Lagerung von CO₂ für ganz Europa spielen.
Diese Beispiele zeigen: Die Technologie existiert bereits, befindet sich aber noch am Anfang. Ohne klare politische Regeln wird der große Durchbruch wahrscheinlich ausbleiben.
Zusammenfassung: Europa steht vor einer wichtigen Entscheidung
Die Einbindung von CO₂-Entnahmen in den EU-Emissionshandel könnte ein entscheidender Schritt für die europäische Klimapolitik werden. Die neue Studie zeigt, dass bis 2050 jährlich bis zu 86 Millionen Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernt werden könnten.
Besonders wichtig ist dabei ein schrittweises Vorgehen. Zuerst müssen Emissionen so weit wie möglich sinken. Danach können negative Emissionen helfen, unvermeidbare Restmengen auszugleichen.
Für Industrie, Politik und Investoren schafft das mehr Planungssicherheit. Gleichzeitig muss die EU darauf achten, dass neue Fehlanreize vermieden werden und Natur, Wasser und Artenvielfalt geschützt bleiben.
Die Entscheidung der Europäischen Kommission im Jahr 2026 dürfte deshalb maßgeblich dafür sein, wie Europas Klimapolitik in den kommenden Jahrzehnten aussieht.
Quelle / Infos / Pressemitteilung: https://idw-online.de/de/news868303 und https://www.cell.com/joule/fulltext/S2542-4351(26)00079-6
———-
Autor und Bild: Chad Gregor Paul Thiele
Kein Anspruch / Gewähr auf Aktualität, Vollständigkeit und Richtigkeit der News bzw. Pressemeldung

